Verheiratet, Kinder und noch nicht bei Tinder?

Oder wie Sex per App ein Leben verändert.

Ich sitze mal wieder im Fahrgastrestaurant der Deutschen Bahn. Heute ist Stromausfall. Es gibt weder Kaffe noch Tee. Dafür reichlich Schokolade und Kekse. Zum Glück sitze ich nicht allein hier. Ich habe eine Verabredung. Hahaha, sie denken sicher ein Tinder-Date. Nein. Ich muss Sie enttäu-schen. Mir sitzt eine sehr gute Freundin gegenüber, um mir und Ihnen Einblick in die Welt von (un-)verheiratet, mit oder ohne Kinder und Tinder zu geben. Als erfahrene Tinder-Nutzerin berichtet sie:

Eine Frau Ü50 hat mich vor einem Jahr in die Welt des Swipens eingeführt. Bis dahin kannte ich Tinder nur vom Hö-rensagen. Ich hatte keine Ahnung wer oder was diese App überhaupt ist. Zuerst war ich schockiert. Auf dem Handybild-schirm erscheinen ein Name, ein Foto und eine Kilome-terangabe. Sonst nichts. Jetzt kannst du nach rechts oder links „wischen“. Meine Augen, mein Daumen, mein Gefühl und mein Eindruck entscheiden. Rechts oder links. Wohin sortiere ich dich? Ist das nicht unglaublich billig und ober-flächlich, gar unmenschlich? Das habe ich mich damals ge-fragt. In diesem Moment wurde mir die Bedeutung, die dem ersten Eindruck beigemessen wird, noch so viel deutlicher. Hier hast du nicht mal drei Sekunden Zeit, um Eindruck zu machen. Hier bleiben dir lediglich Millisekunden, um zu Punkten. Was für ein Wahnsinn. Sie holt Luft und grinst. Ein Romantiker könnte sagen, was willst du, das ist doch wie im Märchen. Schließlich hat schon Gebrüder Grimms Aschen-puttel, die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen, sortiert.

Ich stelle ihr die Frage, wer oder was in dir entscheidet da eigentlich? Dein Bauch, dein Herz, deine Intuition, oder dein Limbisches System? Ist das Willkür oder Gespür? Keine Ah-nung, sagt sie. Du weißt es einfach. Du weißt es? Wie kannst du anhand eines Bildschirmes wissen, wen du näher kennenlernen willst? Wie kannst du blitzschnell entscheiden, wer dich anspricht und wer nicht? Natürlich kannst du es nicht genau wissen, antwortet meine Freundin, doch mit der Zeit entwickelst du Antennen für die Menschentypen. Und so unpersönlich diese Technik doch ist, so offen und ehrlich zeigen sich die Menschen – ob du willst oder nicht. Aha. Das lass ich mal so stehen.

Jetzt möchte ich doch etwas mehr Details wissen. Tinder ist bekannt für schnellen, unpersönlichen Sex. Sofort. Ohne lange Umschweife. Was hast du erlebt? Gibt es das?
Das gibt es. Das ist möglich. Kannst du haben, wenn du willst. Mit einem Jüngeren oder Älteren, mit einem Verheira-teten oder Unverheirateten, mit seiner Frau oder ohne sie. Manchmal weiß sie davon, meistens nicht. Aha.

Ich versuche weiter aufmerksam zuzuhören und nicht zu bewerten. Schließlich möchte ich etwas lernen und mehr er-fahren. Ich bin gespannt und etwas überrascht, was dann aus ihrem Mund kommt:
Was es viel häufiger gibt, sind Männer die Position beziehen und feste Partnerinnen suchen. Sie haben den Wunsch, mit dem Herzen geliebt zu werden. Häufig Familienväter, die sich rührend um ihre Kinder kümmern. Sie suchen keine Er-satzmutter oder Hausfrau. Sie wünschen sich Frauen, die wissen, was sie wollen. Sie muss keine perfekte Frau sein, sondern echt. Die Tinder-Männer fordern den realen Aus-tausch. Manchmal klingt es so, als nutzen Frauen diese Plattform, um Brieffreundschaften zu pflegen. Manche Män-ner sagen klar, dass sie keine One Night Stands wollen, weil sie sich dafür zu schade sind. Aha.

Als weibliche Nutzerin kann ich natürlich nur von meinen Er-fahrungen mit Männern berichten und von den Erzählungen der Männer, die ich getroffen habe. Und sie haben viel er-zählt. Da sind tolle Freundschaften entstanden. Es haben sich längere und kürzere Partnerschaften entwickelt. Und für eines meiner Dates hat sich sogar sein Kinderwunsch erfüllt. Er und die Mutter des Tinder-Babys sind zwar kein Paar mehr, dafür wundervolle Eltern. Sie leben den Traum einer fortschrittlichen Familie im 21. Jahrhundert. Das ist übrigens die verrückteste, und nachhaltigste Tinder-Geschichte, die ich kenne.

Und wie sieht es bei dir aus? Hast du gefunden was du ge-sucht hast?
Das ist eine gute Frage und ich kann sie mit Ja und Nein be-antworten. Ich habe immer genau das gefunden, was ich in dem jeweiligen Moment wollte. Manchmal wusste ich noch nicht genau, was ich für meinen Lebensabschnitt brauchte. Doch die Begegnung mit den Männern hat es mir gezeigt. Ich habe in den letzten Monaten so viel gelernt, über Men-schen, Männer und mich. Und ich habe wunderbare Seelen getroffen. Großartige Menschen, die viel bewegen und Gro-ßes leisten. Und ich habe noch nicht gefunden, was ich jetzt möchte. Ich bin bereit für den Einen. Für ihn fühle ich mich jetzt gerüstet. Bisher war er noch nicht dabei.

Meine Freundin wird still. Ihr Blick schweift ab und ihr Ge-sichtsausdruck verändert sich. Sie schweigt und wirkt nach-denklich. Nach einer längeren Sprechpause, ein paar tiefen Atemzügen und einem langen Blick aus dem Fenster dreht sie sich wieder zu mir und spricht weiter:
Just in diesem Moment, bei der Beantwortung deiner Fragen habe ich einige Erkenntnisse gewonnen und noch mehr über mich erfahren. Ich bin und bleibe ein bekennender Tinder-Fan. Tinder hat mir in einsamen Momenten tolle Menschen in mein Leben gebracht hat und vielerlei Erlebnisse beschert – in meiner Heimatstadt und auf Reisen. Ich habe neue Le-bensgeschichten gehört, ungewöhnliche Wohnungen gese-hen und habe in Restaurants gegessen und Hotelzimmern übernachtet, die ich sonst nie gewählt hätte. Ich habe per Tinder Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Heute zähle ich sie zu meinen Freunden und sie ma-chen mein Leben reicher. Ich habe gesehen, dass Men-schenleben für immer verändert werden und sogar neue Menschenleben entstehen. Das ist kraftvoll und mächtig. Und viel bedeutsamer als Sex per App. Um Sex ging es ehr-lich gesagt in den seltensten Fällen. Okay, manchmal. Ein verschmitztes Lächeln huscht über ihr eher ernstes Gesicht. Ich kann mir eine Welt ohne Tinder nicht mehr vorstellen, für mich gehört diese Form der Begegnung zu uns und unserer Zeit. Gleichzeitig habe ich für mich soeben einen Entschluss gefasst. Obwohl oder gerade weil meine Tinder-Zeit mein Leben geprägt und mich verändert hat, lösche ich jetzt mei-nen Account. Sofort. Ich beende mein Tinder-Dasein. Ich bin bereit für einen neuen Lebensabschnitt. Wow.

Jetzt bin ich perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet. Doch so schnell kann es gehen. Da macht es überhaupt nichts, dass unser Zug immer langsamer wird und zum Stehen kommt. Hamburg Hauptbahnhof. Aufgrund einer Gleisstö-rung endet der Zug heute hier. Meine Freundin strahlt mich an. Zufrieden. Berührt. Erleichtert. Verändert. Wir steigen aus. Unser Date endet nicht nur früher als gedacht, sondern auch ganz anders.

Herzlichst,
Jasmin Christina Bühler
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