Hetero, homo oder bi? Besser spät als nie!

„Erst durch die Neigung meines Partners habe ich herausge-funden, dass ich bi bin.“ Das erzählte mir neulich eine Klien-tin im Gespräch. „Meine Freundinnen mochte ich schon im-mer gerne. Wenn wir abends unterwegs waren haben wir uns hin und wieder geküsst. Doch das war immer mehr im Spaß. Ich hätte nie gedacht, dass das in meinem Leben eine echte Rolle spielt. Mit Mitte dreißig hat mir dann ein Erlebnis die Augen geöffnet: Mein damaliger Mann und ich hatten Sex mit meiner besten Freundin. Über diese Fantasie hatten wir schon häufiger gesprochen, doch wirklich geplant hatten wir es nicht. Eines Abends ist es dann einfach passiert. Und es war wunderschön. Mit ihm. Mit ihr. Mit uns. Ich war über-rascht, dass mich ein weiblicher Körper so sehr erregen konnte. Und ich war überrascht von meinem eigenen Ver-langen, diesen Körper wieder und wieder zu berühren. Die-ses Erlebnis war eindrucksvoll, aufregend und einmalig. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Schließlich hatte ich Sex mit den beiden Menschen, die in meinem Leben am wichtigsten waren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass dieses wundervolle Erlebnis personenabhängig, nicht aber geschlechtsabhängig sein würde. Über die Jahre wurde ich eines Besseren belehrt.

Nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte, habe ich einen neuen Partner gefunden. Für diesen Mann stand es an der Tagesordnung, regelmäßig Sex mit mehreren Frauen zu haben. Das war meine Chance. Nun hatte ich die Möglichkeit mehr über mich und meine noch unerkannte Neigung herauszufinden. Ich habe viel experimentiert und ausprobiert – mit unterschiedlichen Frauen. Der Unterschied der zwischen Männern und Frauen besteht, ist mir dabei immer deutlicher geworden und deshalb weiß ich heute, dass ich weder auf Männer noch auf Frauen verzichten möchte.

Frauen sind allgemein zärtlicher und berühren dich inniger, intensiver, achtsamer und sensibler. Sie gehen vorsichtiger mit deinen Intimstellen um und fokussieren sich nicht nur da-rauf. Sie ziehen mehr den gesamten Körper mit ein und das Vorspiel ist länger, ausgedehnter. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen sehr gut küssen. Mit Frau-en erlebe ich Intensität und Leichtigkeit gleichzeitig.“
Das klingt großartig. Braucht es denn dann überhaupt noch einen Mann, frage ich sie.
„Natürlich, sprudelt es aus ihr heraus. Das weiß ich heute. Diese Frage habe ich mir auch einmal gestellt. Dann habe ich einfach ausprobiert, wie es nur mit Frauen ist. Ich habe für mich festgestellt, dass mir die männliche Energie fehlt, wenn kein Mann involviert ist.“ Was bedeutet das für dich?
„Die Stärke. Das Maskuline. Und nicht zuletzt sein Penis. Selbst beim Sex mit Frauen willst du irgendwann penetriert werden. Es gibt zwar jede Menge Ersatzdildos. Doch für mich geht nichts über echtes Fleisch.“ Sie lacht. „Die männ-liche Energie hat auf mich immer noch eine viel größere An-ziehung. Der Umgang mit Männern fällt mir außerdem all-gemein leichter. Frauen sind komplizierter. Auch beim Sex. Doch ihre Berührungen liebe ich. Die Weichheit. Die Sanft-heit. Das ist einfach wunderschön. Deshalb bin ich heute überzeugt bi – besser spät als nie!“

In einem meiner Workshops habe ich etwas ganz anderes erlebt. Eine Teilnehmerin hatte einige schmerzhafte Erfah-rungen mit Männern erlebt und wollte diese heilen. Dafür wünschte sie sich, dass ihr Busen von Männerhänden gehal-ten wird. Sie bittet einen schwulen Mann ihr diese neue Er-fahrung zu ermöglichen. Sie wählt ihn, weil sie sich bei ihm sicher fühlt. Er willigt ein und ist neugierig, wie sich diese Übung auf ihn selbst auswirkt. Von außen geben die beiden ein wunderschönes Paar ab. Harmonisch. Liebevoll. Unter-stützend. Die restlichen Teilnehmer bezeugen diese Übung. Sie hat einen wunderschönen Busen. Und so mancher Mann im Raum wünscht sich an die Stelle des Busenhalters. Die anfängliche Aufregung im Raum legt sich. Es wird still und alle scheinen diesen gewöhnlich, außergewöhnlichen Anblick zu genießen. Die Zeit verstreicht. Plötzlich verändert sich sein Gesichtsausdruck. Langeweile ist deutlich erkennbar. Er ist froh, als die Übung zu Ende ist. Beide sehen sich an. Er gesteht. Ich sehe, dass du schöne Brüste hast. Doch für mich fühlen sie sich nicht anders an, als der Joystick meiner Playstation. Es hat sich wieder einmal bestätigt, was ich schon sooo lange weiß. Ich bin einfach stock schwul. Und dabei bleibt es. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Bei mir passiert rein gar nichts, wenn ich den Körper einer Frau sehe oder berühre. Das war schon früher so. Damals dachte ich noch, ich sei falsch. Ich kriege bei Frauen einfach keinen hoch. Lange dachte ich, ich habe keinen Spaß an Sex. Dabei habe ich mich sehr bemüht. Ich komme aus ei-ner katholischen Familie. Und ich habe mich lange versteckt. Seitdem ich zu mir stehe, akzeptiert mich auch mein Vater. Heute bin ich offen mit ihm und konfrontiere ihn mit mir – und mit meinen männlichen Partnern. Geht das allen Homosexu-ellen so? Nein, auf keinen Fall. Bei seinem jetzigen Partner ist es anders. Er ist schwul und geht trotzdem gerne mit Frauen ins Bett. Warum das so ist? Sie wissen es nicht. Und deshalb lassen sie sich genug Freiraum, damit jeder seine Neigung leben kann. Gemeinsam genießen sie nur, was bei-den gefällt. In diesem Sinne. Ob hetero, homo oder bi – let´s have sex – besser jetzt als nie. Merry Xmas.

Herzlichst,
Jasmin Christina Bühler
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