Sexy Themen

Die sexy Kolumnen von Jasmin Bühler


Ausgabe 4/2020

Wovon Männer träumen

eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Weihnachten. Was für eine Überraschung. Draußen ist es klirrend kalt. Die wohlige Wärme des Kaminfeuers breitet sich mehr und mehr aus. Ich liege entspannt vor dem knisternden Feuer. Plötzlich steht SIE vor mir. Mit ihren locker hochgesteckten Haaren, ist sie festlich gestylt und gleichzeitig unglaublich natürlich. Ihr Make up ist dezent und akzentuiert und unterstreicht ihre wahre Schönheit. Ihre Augen strahlen. Ihr ganzes Wesen scheint den Raum noch mehr zu erhellen. Die Erotik in ihrem Blick erreicht mich. Ein angenehmer Schauer läuft mir über den Rücken. Die Spannung steigt. Neugierig erregt nehme ich sie wahr.

Ihr Haar glänzt seidig. Ihre Wangen glühen. Die goldenen Ohrringe unterstreichen die festliche Stimmung. Das lange, rote Plüschcape umspielt ihren Körper. Die funkelnde Kordel hält den Umhang in der Mitte so zusammen, dass ich nur einen Hauch ihres Busens und ihres Bauchnabels erhaschen kann. Ihre hohen Stiefel bedecken ihre Füße und Beine. Meine Neugierde steigt, mein Verlangen ebenfalls.

Ihr durchdringender Blick signalisiert, „lehne dich zurück, das ist erst der Anfang“. Ihr Körper kommt mehr und mehr in Bewegung. Der Klang von Glöckchen dringt an mein Ohr. Ihre Beckenbewegungen verschmelzen mehr und mehr mit diesem zarten Ton. Erst jetzt entdecke ich ihren Hüfthalter. Die schwarzen Strapse betonen ihre samtige Haut. Meine Erregung steigt. Ein Hauch von nichts umhüllt ihre Scham. Ich genieße es, sie in ihrem Spiel und in ihrer Freude zu beobachten. Und das ist gut so. Ich habe längst verstanden, dass sie heute das Sagen hat und ich mich ihr besser hingebe.

Sie kommt langsam auf mich zu. Die mit Samthandschuhen bedeckten Finger berühren mich flüchtig. Sie reibt ihren plüschig, weichen Po an meinem Schoß. Ich will mehr. Ihre Hand drückt mich sanft zurück. Ihre Wange streift mein Gesicht. Ihr warmer Atem dringt an mein Ohr. „B-e-s-c-h-e-r-u-n-g“ flüstert sie mir lüstern zu und zieht wie von Zauberhand einen großen Sack hervor. Ihre geschickten Finger umfassend die Kordel verheißungsvoll. Daumen und Zeigefinger der linken Hand halten das eine Ende der Kordel. Mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand umfasst sie die Kordel und fährt die Kordel fordernd auf und ab. Sie blickt mir dabei tief in die Augen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sich ihr Mund leicht öffnet. Ihre feuchte Zungenspitze blitzt auf.

Ihre geschickten Finger zaubern glitzernde Päckchen hervor. Eine blickdichte Augenbinde kommt zum Vorschein. Sie legt sie mir um. Die Spannung steigt weiter.

Sie schiebt mir ihren samtigen Finger in den Mund. Ich beiße leicht zu und halte den Stoff zwischen meinen Zähnen fest. Ich nehme wahr, wie ihre Hand aus dem Handschuh gleitet. Ihre nackte Hand umfasst den samtigen Stoff. Sie berührt damit mein Gesicht, meinen Hals, mein Schlüsselbein, meine Brust und meinen Bauch. Der Handschuh wandert tiefer und tiefer. Wie zufällig streicht er an meinem erregten Penis vorbei. Mit dem Samt streichelt sie meine gesamte Leistengegend. Sie kniet vor mir. Ich spüre ihren Atem auf meiner Haut. Es prickelt. Die innere Hitze ist fast unerträglich. Ich will mehr.

Sie zieht mich sanft auf das Fell am Boden. Das Holz im Kamin knackt. Unsere Körper berühren sich. Wenn sie nah bei mir ist, rieche ich den würzigen Duft ihrer Vagina. Ich liebe ihre ganz eigene, natürliche Note. Und ich kann hören, wie sie nach und nach die Päckchen aus dem großen Sack nimmt. Ich spüre verschiedene Materialien auf meinem Körper. Weiches Fell, zarte Federn, samtiges Puder, kühle Lederstreifen. Ihre Berührungen sind zärtlich und liebevoll. Manchmal sehr fest und eindeutig. Zwischendurch steigert sie meine Lust durch leichte Peitschenhiebe. Die Glöckchen dringen wieder an mein Ohr und nehmen mich mit in eine andere Welt. Ich spüre wie sie noch näher kommt. Heißes Öl gleitet meinen Körper entlang. Ihre Lippen berühren mich.

Gleichzeitig schiebt sie mir ein Stück meiner Lieblingsschokolade in den Mund. Meine Sinne spielen verrückt. Mein Körper hat keine Grenzen mehr. Ich genieße, wie die gehaltvolle Masse ganz langsam in meinem Mund schmilzt. Mein gesamter Körper ist bereits so angeregt, dass ich eine wahre Geschmacksexplosion in meinem Mund erlebe.

Ich entspanne mich und fühle mich beschenkt. Jetzt kann ich loslassen und darf sein. Ich darf genießen. Ich fühle mich angenommen und gesehen. Der erotisch, weihnachtliche Duft im Raum verstärkt noch mehr die Liebe, die Freude und das Wohlbefinden, dass sich mehr und mehr in mir ausbreitet. Mein Herz füllt sich stetig. Ich bin berührt und meine Liebe für Mrs. Santa durchflutet mich zunehmend. Es ist so schön, dass ich fast nicht glauben kann, was ich erlebe. Ich realisiere wie sehr ich ihre Selbstsicherheit genieße. Wie ihre Schönheit zum Vorschein kommt, wenn sie Spaß hat und spielt.

Und ich realisiere was für ein Geschenk sie mir mit ihrer puren Freude und ihrer Natürlichkeit macht. Wie sehr meine Liebe fließt, wenn sie ist, wie sie ist. Wie sehr sie mich beschenkt, wenn ich bemerke, dass sie mich will. Wirklich will. Mir wird bewusst, wie sehr ich sie im Gegenzug mit meiner Dankbarkeit beschenke. Aus selbstlosem Geben wird freudvolles Empfangen und aus bereitwilligem Empfangen wird großzügigstes Geben.

Das sind die wahren Wünsche, Träume und Emotionen zweier Männer, die ich für diesen Beitrag befragt habe. Ich bin sehr dankbar für ihre Offenheit, Bereitschaft und Begeisterung beim Kreieren dieser Geschichte. Für die Erkenntnis, dass sie Nähe und Verbundenheit über Erotik erleben und tiefe Liebe dadurch empfinden. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für ihre wertschätzende, ernstgemeinte Botschaft an dich. „Traue dich, deine erotische Einzigartigkeit zu zeigen und mit deiner wahren Schönheit zu beschenken, weil du das schönste Geschenk bist“. In diesem Sinne. Merry X-mas.


Ausgabe 3/2020

DIE ANOMALIE IN DER PANDEMIE

oder wie Social Distancing unsere Sexualität befreit

Es ist Sontag morgen. Ich sitze im Gras am Ufer eines Flusses und genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Dabei schaue ich aufs Wasser und denke nach. Ich soll diesen Artikel schreiben und es will einfach nicht so richtig fließen. Ich habe meine ganz eigene Meinung über die Anomalie in der Pandemie und meine ganz eigenen Gedanken und Theorien, wie sie Social Distancing auf Körperlichkeit und Körperbewusstsein, auf unsere Lust, auf Nähe und Sexualität auswirkt.
Und ich bin nicht sicher, wie viel ich dir davon zumuten kann und will. Schließlich stehe ich für Offenheit und Neugierde. Für gegenseitige Akzeptanz und Annahme. Und ich wünsche mir, dass jeder Mensch sich aufmacht, seine ganz eigene Wahrheit zu entdecken und zu entwickeln. Und ich wünsche mir, dass wir alle jedem seine/ihre ganz eigene Wahrheit zugestehen.

Deshalb ist es mir wichtig, dass du weißt, dass ich dich nicht von meiner Wahrheit überzeugen möchte. Vielmehr geht es mir darum, dass du in der Begegnung mit mir, mit diesem Text, dir selbst begegnest, und deine ganz eigene Wahrheit findest. In meiner Welt geht es nicht mehr um richtig oder falsch. Es geht um mehr. Es geht darum sich selbst zu entdecken, anzunehmen und zu akzeptieren. Mit allen Ängsten, Herausforderungen und Sorgen. Aber auch mit aller Lust, Freude und Lebendigkeit. Mir geht es darum eine Projektionsfläche zu bieten, um sich selbst zu erkennen. Ich will keine Zustimmung. Und ich will dich nicht überzeugen. Ich möchte lediglich eine Sichtweise aufzeigen, damit du dich selbst findest. Klarheit für dich bekommen kannst, um schließlich liebevoll und friedlich mit dir und anderen zu sein.

Renommierte Astrologen hatten es für dieses Jahr vorausgesagt. 2020 wird ein ganz besonderes Jahr. Wie sich diese Besonderheit bemerkbar machen würde, konnte keiner ahnen. Doch heute wissen wir mehr. Wir haben erlebt, wie ein unsichtbares Etwas in kürzester Zeit die Welt lahm legt und gleichzeitig auf den Kopf stellt. Und wir erleben immer noch, wie sich die Welt seitdem verändert und wie Menschen tief bewegt und berührt sind. Plötzlich erleben wir die Auswirkung fehlender (sozialer) Kontakte und erkennen deren wahre Bedeutung. Wir spüren am eigenen Leib, wie es ist, allein zu sein. Oder sich nur mit einer begrenzten Anzahl von Menschen zu treffen. Wir erleben wie essential, persönliche Nähe und Körperkontakt sind. Für alle. Egal ob Jung oder Alt. Frau oder Mann. Anders als beim HIV Virus sind nicht nur vermeintliche Randgruppen betroffen. Jetzt geht es wirklich alle etwas an.

Entgegen vieler Meinungen glaube ich, dass die Gefahr, die von diesem Virus ausgehen soll, ein Teiler unserer Befreiung ist. Der Mensch, die Lust und die Sexualität, werden Coronagewinner sein oder sind es längst. Denn Menschen müssen äußerlich auf Abstand gehen und rücken innerlich wieder näher zusammen. Wir Menschen erkennen, was wirklich wichtig ist und kommen zurück zum Kern. Zu uns. Zum Menschen. Denn der Mensch ist ein Mensch, ist ein Mensch ist ein Mensch. Und was macht uns zum Menschen? Unser Körper, unsere Sinne, unser Sinnlichkeit und die damit verbundene Freude und Lebendigkeit. Der Körper macht uns Menschen zu Menschen und ermöglicht uns, mit uns selbst und anderen in Kontakt zu sein.

Und der Körper ist das, was bleibt, wenn alles im Außen weg fällt. Wenn du alleine zu Hause sitzt, bleibst du mit deinem Körper zurück. Und mit dir, dein größtes Lustzentrum. Freihaus. Immer dabei. Du kannst es weiter ignorieren oder dich ihm endlich zuwenden. Ob du einen Partner hast oder nicht. Du kannst dich weiterhin mit deiner Angst beschäftigen oder dich deiner Lust und Freude zuwenden. Sie ist dir angeboren und du hast sie immer dabei. Du trägst sie in dir. Manchmal tief vergraben, manchmal sehr offensichtlich.

In einer Zeit in der Körperlichkeit im Außen plötzlich eine Gefahr ist und die Menschheit lähmt, hat sie die Chance sich innerlich selbst zu befreien. Menschen werden sich im Außen fern. Doch was passiert im Innen? Schwindet die Lust, nur weil wir uns nicht mehr berühren dürfen? Haben wir weniger Verlangen, nur weil wir weniger Menschen treffen? Sind wir keine sexuellen Wesen mehr, nur weil wir Abstand halten müssen? Oder spüren wir endlich, was uns wirklich fehlt?

In meinem Umfeld erwachen viele Menschen und spüren ihr Verlangen. Ihre Lust. Sie beginnen offen darüber zu sprechen, öffnen sich mehr und mehr und teilen sich mit. Tauschen sich aus. Sie suchen alternative Wege. Verbinden sich mit Menschen die ihre Sehnsucht teilen. Mehr und mehr Menschen entdecken die Möglichkeit sich energetisch zu verbinden, anstatt nur körperlich. Dadurch erhält Verbindung eine neue Dimension. Cybersex wird gesellschaftsfähig und definiert safer sex neu.

Junge Mädchen öffnen sich für die Normalität von weiblicher Masturbation. Probieren sich selbst aus, anstatt sich zur Verfügung zu stellen. Sie sehen die Chance, endlich zu sich und ihren Körpern und ihrer Lust zu stehen, sie zu erforschen und zu genießen. Freudvoll. Schamlos. Befreit. Sich selbst entdecken. Die Zeit nutzen. Die Möglichkeiten nutzen, anstatt sich einzuschränken und sich weiter hinter Masken zu verstecken. Das Kontaktverbot ermöglicht die Befreiung der eigenen Lust und Sexualität in einer neuen Form und bringt sie auf eine höhere Stufe. Durch das Kontaktverbot hat der Mensch die Chance seine körperlichen Bedürfnisse und seine Sinnlichkeit noch intensiver wahrzunehmen, zu entdecken und neu zu leben. Nutzt du schon die Zeit, um nach innen zu spüren und dich und die Unschuld deiner wahren Lust zu entdecken?

Die Sonnenstrahlen werden stärker und wärmen meinen Oberarm. Mit der kleinen Pfeife in meinem Mund töne ich eine 528hz Frequenz. Dadurch lande ich mehr und mehr hier bei mir und verbinde mich mit meiner Liebesenergie. Ich stelle mir vor, wie ich durch meinen Atem ein Stück meiner Liebe in die Welt sende und dich und dich und dich, und vielleicht einen kleinen Teil deiner unschuldigen Lust streife und erreiche. Mein Stück Anomalie in der Pandemie.


Ausgabe 1/2020

Trennungsgrund Berührungslosigkeit

Eine Geschichte über Scham,
Bedürftigkeit und Selbstverantwortung

Was ist hier vorgefallen?

Petra verbringt ein Wochenende bei ihrer alten Schulfreundin. Sie braucht eine Auszeit. Abstand vom Alltag und von ihrer Ehe. Sie spürt schon länger, dass etwas nicht stimmt.

In einer anderen Umgebung will sie sich Klarheit verschaffen. Die Gespräche mit der alten Freundin waren tief und lang. Doch die erhoffte Erkenntnis bleibt aus. Zuerst.

Nach ihrer Rückkehr denkt Petra immer wieder über die letzten Tage nach. Etwas war besonders. Zwischen ihrer Freundin und dem Partner lag Vertrauen in der Luft. Verbindung und Wärme waren spürbar. Plötzlich fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Es waren die Berührungen, die das Ehepaar immer wieder ausgetauscht hat. Fast unmerklich. Nebenbei. Im Alltagsgeschehen. In der Küche. Beiläufig und doch so liebevoll, vertraut. Und das nach all den Ehejahren. Petra sitzt bewegungslos auf ihrem Sofa. Ihr Blick ist starr. Ihr Hals eng. Ihre Tränen beginnen langsam zu fließen.

Klaus hat sie seit Jahren nicht mehr berührt. Nicht einmal beim Sex. Dabei hat sie sich so viel Mühe gegeben, obwohl sie schon lange kein Verlangen mehr nach ihm hatte. Doch ihre Sehnsucht war so groß, dass sie sich Woche um Woche überwunden und mit ihm geschlafen hat. Seit Jahren. Doch statt der gewünschten Nähe war die Einsamkeit anschließend noch größer.

Petra ist fassungslos: „Wie konnte ich das so lange nicht erkennen? Wie konnte ich das so lange ignorieren? Wie konnte ich mir das selbst so lange antun?“ Petra ist entsetzt und sehr verletzt. Für sie ist die sofortige Trennung die einzige Möglichkeit. Das ist sie sich selbst schuldig.

Was sagt die Expertin?

Nach einigen Monaten kommt Petra zu mir. Sie hat in der Zwischenzeit nachgedacht. In den ersten Wochen hat sie Klaus für ihre Situation verantwortlich gemacht. Schließlich hat er sie nicht mehr berührt. Er hat ihr nicht gegeben, was sie wollte. Petra ist eine kluge Frau. Sie hat erkannt, dass sie ebenfalls dazu beigetragen hat. Sie hat mitgemacht und nichts unternommen. Petra will nun wissen, was sie anders machen kann, damit das beim nächsten Mann nicht wieder passiert. Ihn möchte sie nämlich unbedingt in ihr Leben ziehen. Schließlich hat sie sich nicht getrennt, um alleine zu bleiben.

Wir beleuchten gemeinsam Petras Situation. Wie ist es zu dieser Entwicklung kommen? Sie erinnert sich an die Anfangszeit. Petra erzählt, dass sie zu Beginn das Bedürfnis nach mehr Berührung und körperlicher Nähe geäußert hat. Doch es ist bei Klaus nicht angekommen. Nachdem Petra einige Male das Gespräch gesucht hat und nicht verstanden wurde, hat sie sich immer mehr zurückgezogen.

„Ich habe mich für mein Bedürfnis geschämt. Das tue ich immer noch. Ich halte mich selbst für bedürftig. Das wollte ich nicht sein. Ich bin eine starke, selbstbewusste Frau. Doch ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich wollte das Bedürfnis über Sex befriedigen. Das ist doch die Art, wie erwachse Menschen sich körperlich näher kommen. Das dachte ich zumindest.“

„Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass dies richtig ist und funktioniert. Schließlich machen das alle so. Und ich habe mich immer weniger ernst genommen. Ich dachte an mir ist etwas falsch. Ich hatte Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und Verachtung. Dabei habe ich mich und mein Bedürfnis selbst abgelehnt. Und ich habe mich dafür verurteilt. Das erkenne ich gerade. Jetzt. Hier. Beim Sprechen. Und dann ist da immer wieder diese Scham. Sie lässt mich nicht los. Auch jetzt nicht. Darf ich mich so zeigen? Diese Frage sitzt tief. Mein Kopf sagt ja, doch in meinem Körper kann ich es nicht spüren.“

Jetzt mit Abstand erscheint es ihr gar nicht mehr so schwer. Gedanklich geht sie noch einmal zurück in die alte Situation. Sie stellt fest, dass da viel Angst und Druck in ihr ist. Es fällt ihr schwer ihre eigene Scham wahrzunehmen, geschweige denn, zu benennen.

Petra ist still, ihre Augen sind geschlossen. Sie atmet, fühlt und durchlebt das Alte. Dann öffnet sie ihre Augen. Sie blickt mich ruhig an. Ich habe meine Rolle erkannt. Ich habe mich in mich zurückgezogen und bin mit meinen Gefühlen alleine geblieben. Im Zusammensein mit Klaus habe ich gehandelt, als wäre alles wie immer. Doch in mir war alles anders. Darüber bin ich hinweg gegangen. Meine Gefühle habe ich unwissentlich in mich eingesperrt. Ich verstehe. Wenn ich möchte, dass sich etwas ändert, dann muss ich etwas ändern. Ich muss mich selbst wahrnehmen. Und aus der Wahrnehmung heraus agieren und kommunizieren.

Ich bin beeindruckt. Petra versteht unglaublich schnell. Sie ist bereit, Verantwortung für ihr Gefühle und ihre Bedürfnisse zu übernehmen, anstatt sie jemandem anderen zuzuschieben. Das geht bei den meisten Menschen nicht so schnell. Doch die Bereitschaft zu leiden sinkt stetig. Daher sind immer mehr Menschen bereit in die Selbstverantwortung zu gehen. Sie fragen sich, was kann ich tun, anstatt was wird mit mir getan? Petra ist noch unsicher. Sie will ab heute Berührungen, vor allem beim Sex, aktiv gestalten. Sie will wissen, was sie tun kann. Das braucht Geduld, Achtsamkeit und Verbindung. Mit dir selbst und mit deinem Gegenüber. Und immer wieder den Mut, nach innen zu gehen und zu dir selbst zu stehen. Mehr dazu erfahren Sie auf meiner neuen Webseite, sobald diese online ist. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine wundervoll, selbstbestimmte Frühlingszeit.


Ausgabe 4/2019

HETERO, HOMO ODER BI? BESSER SPÄT ALS NIE!

„Erst durch die Neigung meines Partners habe ich herausgefunden, dass ich bi bin.“ Das erzählte mir neulich eine Klientin im Gespräch. „Meine Freundinnen mochte ich schon immer gerne. Wenn wir abends unterwegs waren haben wir uns hin und wieder geküsst. Doch das war immer mehr im Spaß. Ich hätte nie gedacht, dass das in meinem Leben eine echte Rolle spielt. Mit Mitte dreißig hat mir dann ein Erlebnis die Augen geöffnet: Mein damaliger Mann und ich hatten Sex mit meiner besten Freundin. Über diese Fantasie hatten wir schon häufiger gesprochen, doch wirklich geplant hatten wir es nicht. Eines Abends ist es dann einfach passiert. Und es war wunderschön. Mit ihm, mit ihr, mit uns.

Ich war überrascht, dass mich ein weiblicher Körper so sehr erregen konnte. Und ich war überrascht von meinem eigenen Verlangen, diesen Körper wieder und wieder zu berühren. Dieses Erlebnis war eindrucksvoll, aufregend und einmalig. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Schließlich hatte ich Sex mit den beiden Menschen, die in meinem Leben am wichtigsten waren. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass dieses wundervolle Erlebnis personenabhängig, nicht aber geschlechtsabhängig sein würde. Über die Jahre wurde ich eines Besseren belehrt.

Nachdem ich mich von meinem Mann getrennt hatte, habe ich einen neuen Partner gefunden. Für diesen Mann stand es an der Tagesordnung, regelmäßig Sex mit mehreren Frauen zu haben. Das war meine Chance. Nun hatte ich die Möglichkeit mehr über mich und meine noch unerkannte Neigung herauszufinden. Ich habe viel experimentiert und ausprobiert – mit unterschiedlichen Frauen. Der Unterschied der zwischen Männern und Frauen besteht, ist mir dabei immer deutlicher geworden und deshalb weiß ich heute, dass ich weder auf Männer noch auf Frauen verzichten möchte.

Frauen sind allgemein zärtlicher und berühren dich inniger, intensiver, achtsamer und sensibler. Sie gehen vorsichtiger mit deinen Intimstellen um und fokussieren sich nicht nur darauf. Sie ziehen mehr den gesamten Körper mit ein und das Vorspiel ist länger, ausgedehnter. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen sehr gut küssen. Mit Frauen erlebe ich Intensität und Leichtigkeit gleichzeitig.“

Das klingt großartig. Braucht es denn dann überhaupt noch einen Mann, frage ich sie.

„Natürlich, sprudelt es aus ihr heraus. Das weiß ich heute. Diese Frage habe ich mir auch einmal gestellt. Dann habe ich einfach ausprobiert, wie es nur mit Frauen ist. Ich habe für mich festgestellt, dass mir die männliche Energie fehlt, wenn kein Mann involviert ist.“ Was bedeutet das für dich?

„Die Stärke. Das Maskuline. Und nicht zuletzt sein Penis. Selbst beim Sex mit Frauen willst du irgendwann penetriert werden. Es gibt zwar jede Menge Ersatzdildos. Doch für mich geht nichts über echtes Fleisch.“ Sie lacht. „Die männliche Energie hat auf mich immer noch eine viel größere Anziehung. Der Umgang mit Männern fällt mir außerdem allgemein leichter. Frauen sind komplizierter. Auch beim Sex. Doch ihre Berührungen liebe ich. Die Weichheit. Die Sanftheit. Das ist einfach wunderschön. Deshalb bin ich heute überzeugt bi – besser spät als nie!“

In einem meiner Workshops habe ich etwas ganz anderes erlebt. Eine Teilnehmerin hatte einige schmerzhafte Erfahrungen mit Männern erlebt und wollte diese heilen. Dafür wünschte sie sich, dass ihr Busen von Männerhänden gehalten wird. Sie bittet einen schwulen Mann ihr diese neue Erfahrung zu ermöglichen. Sie wählt ihn, weil sie sich bei ihm sicher fühlt. Er willigt ein und ist neugierig, wie sich diese Übung auf ihn selbst auswirkt. Von außen geben die beiden ein wunderschönes Paar ab. Harmonisch. Liebevoll. Unterstützend. Die restlichen Teilnehmer bezeugen diese Übung. Sie hat einen wunderschönen Busen. Und so mancher Mann im Raum wünscht sich an die Stelle des Busenhalters.

Die anfängliche Aufregung im Raum legt sich. Es wird still und alle scheinen diesen gewöhnlich, außergewöhnlichen Anblick zu genießen. Die Zeit verstreicht. Plötzlich verändert sich sein Gesichtsausdruck. Langeweile ist deutlich erkennbar. Er ist froh, als die Übung zu Ende ist. Beide sehen sich an. Er gesteht. Ich sehe, dass du schöne Brüste hast. Doch für mich fühlen sie sich nicht anders an, als der Joystick meiner Playstation. Es hat sich wieder einmal bestätigt, was ich schon sooo lange weiß. Ich bin einfach stock schwul. Und dabei bleibt es. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Bei mir passiert rein gar nichts, wenn ich den Körper einer Frau sehe oder berühre. Das war schon früher so.

Damals dachte ich noch, ich sei falsch. Ich kriege bei Frauen einfach keinen hoch. Lange dachte ich, ich habe keinen Spaß an Sex. Dabei habe ich mich sehr bemüht. Ich komme aus einer katholischen Familie. Und ich habe mich lange versteckt. Seitdem ich zu mir stehe, akzeptiert mich auch mein Vater. Heute bin ich offen mit ihm und konfrontiere ihn mit mir – und mit meinen männlichen Partnern. Geht das allen Homosexuellen so? Nein, auf keinen Fall. Bei seinem jetzigen Partner ist es anders. Er ist schwul und geht trotzdem gerne mit Frauen ins Bett. Warum das so ist? Sie wissen es nicht. Und deshalb lassen sie sich genug Freiraum, damit jeder seine Neigung leben kann. Gemeinsam genießen sie nur, was beiden gefällt. In diesem Sinne. Ob hetero, homo oder bi –  let´s have sex –  besser jetzt als nie. Merry Xmas.


Ausgabe 3/2019

Verheiratet, Kinder und noch nicht bei Tinder?

oder wie Sex per App ein Leben verändert

Ich sitze mal wieder im Fahrgastrestaurant der Deutschen Bahn. Heute ist Stromausfall. Es gibt weder Kaffe noch Tee. Dafür reichlich Schokolade und Kekse. Zum Glück sitze ich nicht allein hier. Ich habe eine Verabredung. Hahaha, sie denken sicher ein Tinder-Date. Nein. Ich muss Sie enttäuschen. Mir sitzt eine sehr gute Freundin gegenüber, um mir und Ihnen Einblick in die Welt von (un-)verheiratet, mit oder ohne Kinder und Tinder zu geben. Als erfahrene Tinder-Nutzerin berichtet sie:

Eine Frau Ü50 hat mich vor einem Jahr in die Welt des Swipens eingeführt. Bis dahin kannte ich Tinder nur vom Hörensagen. Ich hatte keine Ahnung wer oder was diese App überhaupt ist. Zuerst war ich schockiert. Auf dem Handybildschirm erscheinen ein Name, ein Foto und eine Kilometerangabe. Sonst nichts. Jetzt kannst du nach rechts oder links „wischen“. Meine Augen, mein Daumen, mein Gefühl und mein Eindruck entscheiden. Rechts oder links. Wohin sortiere ich dich? Ist das nicht unglaublich billig und oberflächlich, gar unmenschlich? Das habe ich mich damals gefragt.

In diesem Moment wurde mir die Bedeutung, die dem ersten Eindruck beigemessen wird, noch so viel deutlicher. Hier hast du nicht mal drei Sekunden Zeit, um Eindruck zu machen. Hier bleiben dir lediglich Millisekunden, um zu Punkten. Was für ein Wahnsinn. Sie holt Luft und grinst. Ein Romantiker könnte sagen, was willst du, das ist doch wie im Märchen. Schließlich hat schon Gebrüder Grimms Aschenputtel, die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen, sortiert.

Ich stelle ihr die Frage, wer oder was in dir entscheidet da eigentlich? Dein Bauch, dein Herz, deine Intuition, oder dein Limbisches System? Ist das Willkür oder Gespür? Keine Ahnung, sagt sie. Du weißt es einfach. Du weißt es? Wie kannst du anhand eines Bildschirmes wissen, wen du näher kennenlernen willst? Wie kannst du blitzschnell entscheiden, wer dich anspricht und wer nicht? Natürlich kannst du es nicht genau wissen, antwortet meine Freundin, doch mit der Zeit entwickelst du Antennen für die Menschentypen. Und so unpersönlich diese Technik doch ist, so offen und ehrlich zeigen sich die Menschen – ob du willst oder nicht. Aha. Das lass ich mal so stehen.

Jetzt möchte ich doch etwas mehr Details wissen. Tinder ist bekannt für schnellen, unpersönlichen Sex. Sofort. Ohne lange Umschweife. Was hast du erlebt? Gibt es das?

Das gibt es. Das ist möglich. Kannst du haben, wenn du willst. Mit einem Jüngeren oder Älteren, mit einem Verheirateten oder Unverheirateten, mit seiner Frau oder ohne sie. Manchmal weiß sie davon, meistens nicht. Aha.

Ich versuche weiter aufmerksam zuzuhören und nicht zu bewerten. Schließlich möchte ich etwas lernen und mehr erfahren. Ich bin gespannt und etwas überrascht, was dann aus ihrem Mund kommt:

Was es viel häufiger gibt, sind Männer die Position beziehen und feste Partnerinnen suchen. Sie haben den Wunsch, mit dem Herzen geliebt zu werden. Häufig Familienväter, die sich rührend um ihre Kinder kümmern. Sie suchen keine Ersatzmutter oder Hausfrau, sondern Frauen, die wissen, was sie wollen. Sie muss keine perfekte Frau sein, sondern echt. Die Tinder-Männer fordern den realen Austausch. Manchmal klingt es so, als nutzen Frauen diese Plattform, um Brieffreundschaften zu pflegen. Manche Männer sagen klar, dass sie keine One Night Stands wollen, weil sie sich dafür zu schade sind. Aha.

Als weibliche Nutzerin kann ich natürlich nur von meinen Erfahrungen mit Männern berichten und von den Erzählungen der Männer, die ich getroffen habe. Und sie haben viel erzählt. Da sind tolle Freundschaften entstanden. Es haben sich längere und kürzere Partnerschaften entwickelt. Und für eines meiner Dates hat sich sogar sein Kinderwunsch erfüllt. Er und die Mutter des Tinder-Babys sind zwar kein Paar mehr, dafür wundervolle Eltern. Sie leben den Traum einer fortschrittlichen Familie im 21. Jahrhundert. Das ist übrigens die verrückteste, und nachhaltigste Tinder-Geschichte, die ich kenne.

Und wie sieht es bei dir aus? Hast du gefunden was du gesucht hast?

Das ist eine gute Frage und ich kann sie mit Ja und Nein beantworten. Ich habe immer genau das gefunden, was ich in dem jeweiligen Moment wollte. Manchmal wusste ich noch nicht genau, was ich für meinen Lebensabschnitt brauchte. Doch die Begegnung mit den Männern hat es mir gezeigt. Ich habe in den letzten Monaten so viel gelernt, über Menschen, Männer und mich. Und ich habe wunderbare Seelen getroffen. Großartige Menschen, die viel bewegen und Großes leisten. Und ich habe noch nicht gefunden, was ich jetzt möchte. Ich bin bereit für den Einen. Für ihn fühle ich mich jetzt gerüstet. Bisher war er noch nicht dabei.

Meine Freundin wird still. Ihr Blick schweift ab und ihr Gesichtsausdruck verändert sich. Sie schweigt und wirkt nachdenklich. Nach einer längeren Sprechpause, ein paar tiefen Atemzügen und einem langen Blick aus dem Fenster dreht sie sich wieder zu mir und spricht weiter:

Just in diesem Moment, bei der Beantwortung deiner Fragen habe ich einige Erkenntnisse gewonnen und noch mehr über mich erfahren. Ich bin und bleibe ein bekennender Tinder-Fan. Tinder hat mir in einsamen Momenten tolle Menschen in mein Leben gebracht hat und vielerlei Erlebnisse beschert – in meiner Heimatstadt und auf Reisen. Ich habe neue Lebensgeschichten gehört, ungewöhnliche Wohnungen gesehen und habe in Restaurants gegessen und Hotelzimmern übernachtet, die ich sonst nie gewählt hätte. Ich habe per Tinder Menschen getroffen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Heute zähle ich sie zu meinen Freunden und sie machen mein Leben reicher.

Ich habe gesehen, dass Menschenleben für immer verändert werden und sogar neue Menschenleben entstehen. Das ist kraftvoll und mächtig. Und viel bedeutsamer als Sex per App. Um Sex ging es ehrlich gesagt in den seltensten Fällen. Okay, manchmal. Ein verschmitztes Lächeln huscht über ihr eher ernstes Gesicht. Ich kann mir eine Welt ohne Tinder nicht mehr vorstellen, für mich gehört diese Form der Begegnung zu uns und unserer Zeit. Gleichzeitig habe ich für mich soeben einen Entschluss gefasst. Obwohl oder gerade weil meine Tinder-Zeit mein Leben geprägt und mich verändert hat, lösche ich jetzt meinen Account. Sofort. Ich beende mein Tinder-Dasein.

Ich bin bereit für einen neuen Lebensabschnitt. Wow. Jetzt bin ich perplex. Damit hatte ich nicht gerechnet. Doch so schnell kann es gehen. Da macht es überhaupt nichts, dass unser Zug immer langsamer wird und zum Stehen kommt. Hamburg Hauptbahnhof. Aufgrund einer Gleisstörung endet der Zug heute hier. Meine Freundin strahlt mich an. Zufrieden. Berührt. Erleichtert. Verändert. Wir steigen aus. Unser Date endet nicht nur früher als gedacht, sondern auch ganz anders.


Ausgabe 2/2019

Fremdgehen – Betrug oder Befreiung?!

oder die zwei Seiten der Medaille

Fremdgehen kann der Anfang vom Ende sein. Für mutige Menschen ist es jedoch auch das Ende eines Irrtums und der Neuanfang einer tiefen und aufrichtigen Verbindung.

Fremdgehen scheint zu unserer Gesellschaft zu gehören, wie die Nationalhymne zur Fußballweltmeisterschaft. Mein Nachbar ist fremdgegangen. Seine Frau auch. Ihre Schwester ebenfalls. Ebenso der Bäcker, der Metzger, die Krankenschwester und die Pfarrerin. Scheinbar tun es alle. Gleichzeitig sind wir entrüstet. Entsetzt. Bestürzt. Wir reden hinter hervorgehaltener Hand und urteilen. Anderseits schwören wir uns immer noch ewige Treue. Wir glauben daran oder hoffen zumindest darauf. Der Wert wird hoch gehalten, doch keiner zeigt uns, wie es geht. Wenn du dir erlaubst neu zu denken, kannst du Treue neu denken. Denn die Treue einem anderen Menschen gegenüber beginnt immer bei dir selbst. Was benötigst du, um dir selbst treu zu sein? Um ein Leben zu führen, indem du ganz sein kannst, wer du wirklich bist? Diese Fragen scheinen so banal und sind doch so essentiell.

Letzten Sommer war ich in der Wüste, am anderen Ende der Welt. An einem Ort der gegensätzlicher nicht sein könnte. Obwohl die Sonne brennt, ist die Luft kalt. Weit und breit sind nur Stein und Erde zu sehen, gleichzeitig wachsen blühende Pflanzen. Auf der einen Seite der Straße siehst du braune Felsen, auf der anderen Seite schneebedeckte Berge. Es scheint grotesk. Alles existiert gleichzeitig. Warum beschreibe ich das? Was hat das mit Fremdgehen, Treue und Untreue zu tun?

Für mich verdeutlicht dieses Naturschauspiel, dass es nicht nur warm oder kalt, Schnee oder Steppe, richtig oder falsch gibt. Vielmehr ist alles zur gleichen Zeit vorhanden. Und ich habe die Wahl, worauf ich meinen Blick richte. So kann dies auch in punkto Treue sein. Kann Treue nicht bedeuten untreu zu sein? Und kann Untreue nicht bedeuten treu zu sein? Ich habe sowohl in meinem Leben als auch in der Arbeit mit meinen Klienten beides vielfach erlebt.

Als Betrogene/Betrogener wirst du meine Sichtweise möglicherweise nicht mögen. Du bist verletzt, wütend oder zornig. Du erwartest Mitgefühl, Gerechtigkeit oder denkst gar an Rache. Diese Gefühle sind da und sie stehen dir zu. Ich möchte dich heute jedoch einladen neu zu denken. Treue und Untreue einmal anders zu betrachten. Ganz so als würdest du die Straßenseite wechseln, um einen neuen Blick auf das dir so bekannte Stadtbild zu erhalten.

Schon Einstein sagte, wer immer nur das tut, was er schon immer getan hat, muss sich nicht wundern, wenn er bekommt, was er schon immer erhalten hat. Das kann in deinem Fall der Schmerz, die Verletzung und dein Leiden sein. Bist du bereit etwas Neues in deinem Leben zu erfahren? Möchtest du wachsen und alte Wunden hinter dir lassen? Dann frage dich nicht, „was hat mein Partner mir angetan?“ Frage dich stattdessen, „was habe ich mir angetan?“. Was spiegelt mir mein Gegenüber? In welchem Bereich meines Lebens bin ich mir selbst untreu geworden?

Hast du hingegen betrogen, dann hör auf dich mit deinem schlechten Gewissen zu beschäftigen. Versuche nicht mehr dein Verhalten zu rechtfertigen, indem du die Fehler bei deinem Partner suchst. Frage dich vielmehr: „Wovor habe ich Angst?“ Wovor laufe ich weg?“ „Was hält mich noch davon ab, mich zu öffnen und mich meinem Gegenüber ganz zu zeigen, so wie ich bin? Mit all meinen Wünschen, Sehnsüchten und Träumen. Mit allem was zu mir gehört.“

Wenn du dir treu bist, dann kannst du auch einem anderen Menschen treu sein. Umgekehrt gilt, bist du dir treu, so wird dir auch dein Gegenüber treu sein. Du hast die Wahl. Möchtest du im alten Denken verharren und im Verurteilen stecken bleiben? Oder erlaubst du dir, Treue neu zu denken? Fremdgehen muss kein Grund sein, um ewig zu leiden oder dein Herz für immer zu verschließen. Fremdgehen kann zu einer Chance werden. Du hast die Möglichkeit, dir selbst neu zu begegnen. Du hast die Chance dich selbst besser kennen zu lernen und die Möglichkeit zu vergeben. Wie das geht, fragst du dich? Zeige dich. Mit deiner Schuld, deiner Trauer, deinem Schmerz, deiner Wut oder deiner Angst. Denn diese Gefühle stecken meist dahinter, wenn wir uns selbst verleugnen. Unabhängig davon, ob wir betrogen haben oder betrogen wurden.

Ich möchte dich ermutigen Treue neu zu denken. Beginne bei dir anstatt zu verurteilen. Sei mutig und ehrlich – zuallererst zu dir selbst. Verlasse deine Opferrolle und übernimm Verantwortung. Für dich. Für deine Gefühle. Sei dir treu, zeige dich, stehe zu dir und teile dich mit. Denn du hast es verdient.


Ausgabe 1/2019

SEX IM ALTER

Oder je oller desto doller?!

Als ich 18 Jahre alt war, hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Eines Abends, vermutlich im Herbst, fuhr ich meine Großmutter nach Hause. Sie war damals Anfang 70 und höchstens ein Jahr verwitwet. Sie bedankte sich bei mir für meinen Fahrdienst. Gleichzeitig teilte sie ein Geheimnis mit mir. Sie erzählte mir, weshalb sie kürzlich die Mitfahrgelegenheit eines Mannes ausgeschlagen hat. „Ich habe mich nicht nach Hause fahren lassen. Möglicherweise hätte er noch mitreinkommen wollen“, hörte ich meine Großmutter sagen.

Wir standen in ihrem Hausflur. Sie lief in ihrer ordentlich gebügelten, cremefarbenen Bluse hin und her. Ihr langer Faltenrock reichte bis zu den Schienbeinen und zeigte ihre schlanken Fesseln. Dazu trug sie ihre orthopädischen Schuhe, die wegen der kaputten Füße, schon seit Jahrzehnten ihr Markenzeichen waren. Wie immer roch sie nach Eukalyptus. Meine Oma holte tief Luft und lachte schelmisch, „Ich bin mir nicht sicher, ob er mehr wollte…“. Ihr Blick sagte mehr als tausend Worte.

Fast zeitgleich begriff ich, die Sache zwischen Mann und Frau, das Spiel von Anziehung und Verführung, Lust, Sex und Sinnlichkeit hören nie auf. Sie macht sich mit über 70 immer noch dieselben Gedanken wie ich – und vermutlich fast 8 Mrd. andere auch. Das Alter war offensichtlich unbedeutend.

Nachdem mich meine Oma aus meinem vermeintlichen Dornröschenschlaf gerissen hatte, schämte ich mich fast, jemals etwas anderes geglaubt zu haben. Wow. Sex gehört also zum Leben und hört demnach nie auf. Möglicherweise verändert er sich, doch Lust hat nicht per se eine Altersgrenze oder ein Verfallsdatum. Das war angekommen und das sollte ich auch nie wieder vergessen.

Über die Jahre hat sich meine damalige Erkenntnis bestärkt und meine Kenntnis vertieft. Dank meiner Klienten habe ich mehr Einblick über die Sexualität jenseits des Rentenalters erhalten. Schon Udo Jürgens singt „mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran…“ Heute frage ich mich, weshalb auch nicht? Wie kommen wir darauf, dass es anders sein könnte? Weil die Lust schwindet und wir von Potenzproblemen hören? Häufig hat das mehr mit unserer Lebensführung, dem persönlichen Stresslevel, der inneren Haltung, mit andauernden Partnerschaftsproblemen, Krankheit oder anderen Störfaktoren zu tun, als mit dem Sex selbst.

Manche Menschen unterliegen dem Glauben, dass die äußere Form gleich bleiben müsse und sie denken, dass Sex nur in bestimmten Stellungen möglich ist, die im Alter nicht mehr machbar sind. Sowohl Männer als auch Frauen unterliegen häufig einem Leistungsdruck. Sie machen ihren Wert davon abhängig, ob sie es im Bett noch bringen und den Partner oder die Partnerin wie gewohnt befriedigen können. Dabei haben sie Angst nicht mehr genug zu sein. Sie fragen sich, ob die Menge der vorhandenen Scheideflüssigkeit oder der Härtegrad der Erektion ausreichen. Doch ist das alles, worauf es ankommt?

Der Film, „Wolke 9“ zeigt unverblümt wie Sex im Alter sein kann. Sind die Beteiligten sich einig, kann es tiefer, verbindender und viel liebevoller sein, als in jungen Jahren. Schließlich hat Mann oder Frau nicht mehr so viel zu verlieren. Die Unsicherheiten der Anfangszeit sind vorbei. Die Kinder sind aus dem Haus. Und die Angst vor ungewollten Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten sind schwindend gering. Spätestens jetzt ist es Zeit so richtig zu genießen.

Ich wünsche mir, dass alle, die noch hadern und sich von Falten, Dellen und hängender Haut abhalten lassen, in den Genuss gehen und die eigene Schönheit erkennen – uneingeschränkt. Ihre körperlichen und mentalen Hindernisse annehmen und neue Wege finden, anstatt ihre Lust und Sinnlichkeit auf immer zu verbannen. Es ist nie zu spät, Lust neu zu entdecken, auszuprobieren und zu experimentieren.

Einen wunderbaren anderen Weg zeigen zum Beispiel Diana und Michael Richardson mit ihrer Slow Sex Bewegung. Insbesondere die Penetration mit einem nicht erigierten Penis bringt viel Entspannung und bietet neue Möglichkeiten. Wer das testet, kann sich von chemischen und technischen Hilfsmitteln verabschieden. Diese Methode macht nicht nur körperliche Vereinigung leicht, sondern fördert Nähe und Verbindung. Sie stärkt die Liebe anstatt den Leistungsdruck.

Für mich findet Leben im Körper statt. Und ich glaube, so lange wir noch leben, sollten wir ihn nutzen und Freude, Genuss und Wohlbefinden erlauben – in jedem Alter.


Herzlichst,
Jasmin Christina Bühler
www.jasmin-buehler.com
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Mobil 0171 – 715 49 16

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