Geschichten aus Rahlstedt

von Alexander Posch

Portrait von Alex Posch für Kolumne
Geschichten aus Rahlstedt

Ausgabe 5/2021

Moonwalk

Es trommelt. Es trommelt überall. Auf dem Dach. An den Fenstern. Weil es
gießt. Den ganzen Tag schon. Der Regen drückt aufs Haus, drückt auf Frau
Engelmanns Stimmung. Der Wind peitscht die Birke. Deren Äste schlagen ans
Haus.
Frau Engelmann wohnt allein in ihrem großen Haus. Im Garten leben sechs
Hühner. Besonders nah ist ihr Gertrud, ein Huhn, dem sie das Rückwärtsgehen
beigebracht hat. Frau Engelmann ist Michael-Jackson-Fan, und Gertruds Gang
erinnert sie an Jacksons Moonwalk. Das freut sie, dass sie an Jackson denken
muss, wenn sie Gertrud sieht. Dann hat sie ‚Billie Jean‘ im Kopf und die
anderen Lieder von Jackson. Sie selbst ist nicht mehr so trittsicher, dass sie den
Moonwalk machen könnte. Nein, den konnte sie nie.
Aber bei Dauerregen ist mit den Hühnern nichts los. Die Tiere hocken in ihrem
Häuschen, wollen nichts mit dieser nassen Welt zu tun haben.
Vorsichtig, Schritt für Schritt, geht Frau Engelmann die Treppe hinauf. Im
ersten Stock hat sie die komplette Wohnzimmereinrichtung von Herrn
Carolinos Großmutter aufgebaut: Biedermeieresstisch, Stühle, Stehlampe. Mit
Herrn Carolino hat sie fast zehn Jahre zusammengelebt. In wilder Ehe, wie sie
es genannt hatten. Beide waren verwitwet. Sie wollten kein zweites Mal
heiraten. Herr Carolino ist nun auch schon drei Jahre tot.
Ist da noch etwas in den Zimmern, überlegt sie. Von der Großmutter von Herrn
Carolino? Von ihm selbst?
Wenn Frau Engelmann alleine ist, und sie ist die meiste Zeit alleine, dann setzt
sie sich an den Esstisch, immer auf einen anderen der acht Stühle. Sie setzt
sich, schließt die Augen und entspannt sich. Und dann fühlt sie sich in andere
Menschen ein. Häufig in verstorbene. Mal in Herrn Carolinos geliebte
Großmutter, von der es ein paar Fotografien in Spitzenkleidern gibt. Mal ist sie
Herr Carolino als Kind. Und mal ist sie nur sie selbst. Dann stellt sie der
Großmutter von Herrn Carolino Fragen. Mal tut Frau Engelmann so, als sei sie
ihr verstorbener Ehemann, Günther Engelmann, der eine Panne hatte, so wie bei
Dürrenmatt. Und nun sitzt Günther durch diesen Zufall am Tisch von Herrn
Carolinos Großmutter. Irgendwie ist sie von dieser Großmutter fasziniert. Eine
schöne Frau war das.
Frau Engelmann fühlt sich diesen Menschen nahe, Verstorbenen wie Lebenden.
Für eine Weile ergibt alles einen Sinn.
Nur ein mögliches Aufeinandertreffen lässt Frau Engelmann nicht zu: Niemals
spricht Herr Carolino mit Günther. Das ist zu heikel. Im wahren Leben haben
sie sich nie getroffen, denn ihr Günther war schon lange tot, als sie Herrn
Carolino kennenlernte.
Manchmal hat die Stille erstaunliche Dimensionen, findet Frau Engelmann.
Dann rauscht alles wie ein Ozean. Oder sie summt wie Tausende von Insekten.
Chitinkörper prallen gegen Dach und Fenster. Oder ist das der Regen? Ein
riesengroßes Stöhnen und Klacken und Rauschen ist nun in ihrem Kopf.
Frau Engelmann hat mir einen Hausschlüssel gegeben. Im letzten Sommer
hatte ich sie dehydriert auf ihrer Gartenbank gefunden. Sie musste für einige
Tage ins Krankenhaus. Seitdem treffe ich sie häufiger am Esstisch im ersten
Stock ihres Hauses.
„Mir geht es gut“, sagt sie mit geschlossenen Augen, wenn ich zu ihr und
ihrem jeweiligen Gesprächspartner an den Tisch trete. Frau Engelmann erzählt
mir ihre imaginären Geschichten. Sie erzählt überhaupt viel, wenn ich zu ihr
komme. Sie erzählt mir, was in ihren geliebten Fernsehserien passiert. Dort
erlebt Frau Engelmann die Dinge, die ihr die Wirklichkeit nicht bietet: Den
Schulalltag der Enkel, häusliche und berufliche Dramen von Eheleuten. Aber
all das ist weit weg. Die Welt der Kinder und Enkelkinder existiert nicht,
seidem ihre beiden Söhne fortgezogen sind.
„Hast du eine Tochter, dann bekommst du eine Familie“, erzählt mir Frau
Engelmann dann immer. „Hast du Söhne, dann gibst du sie weg und du bist
allein. So ist das!“
Auf ihren Reisen durch die Fernsehwelten erfuhr Frau Engelmann auch von
dem Zerimoniell, bei dem ein Urwaldstamm seine Verstorbenen einäschert und
die Asche der Toten, mit Früchten vermischt, gemeinsam verspeist. Die
Lebenden verleiben sich ihre Toten ein, sie behalten sie in sich. „Dieser Brauch
leuchtet mir ein“, sagt Frau Engelmann. „Aber soetwas ist in Deutschland
verboten. Hier darf man auch nicht die Urne mit der Asche als Möbelstück in
seiner Wohnung behalten. Das hätte ich gerne mit der Urne von Günther
getan“, erzählt sie. „Allerdings war es erlaubt, sich aus Günthers Asche einen
Diamanten pressen zu lassen. Und so habe ich ihn immer bei mir.“ Sie fasst
sich an ihren Anhänger, einen Diamanten. „Dieser Anhänger, das ist Herrn
Carolino, und die Diamantbrosche das ist mein Günther.“
Frau Engelmann hustet. Dann fragt sie mich, wann wir uns das erste Mal
gesehen haben.
„Das war irgendwann auf dem Wochenmarkt“, antworte ich. „Wir standen an
und kamen ins Gespräch. Daran erinnern Sie sich nicht?“
„Nein, ich habe kein Bild davon zurückbehalten. Auf den Markt geht man ja
auch jeden Samstag, nicht?!“
Das Gedächtnis bewahrt nur, was aus dem Rahmen fällt, denke ich. Frau
Engelmann wird mich vergessen.
„Trinken Sie mal einen Schluck“, sage ich. Dann verabschiede ich mich.
Ob ich jemals Frau Engelmanns rückwärtslaufendes Huhn oder sie selbst
vergessen werde, überlege ich, als ich nach Hause gehe.
Meine Frau schläft schon, als ich mich frage, was passiert, wenn ich tot bin.
Sie waschen mich und kleiden mich neu ein wie ein Baby. Nur dass ich davon
nichts mitbekommen werde. Alle Wärme wird dann aus mir gewichen sein. Ich
erinnere mich an die Abschiedsfeier von Hennis Mutter, meinem Schulfreund.
Als wir uns vor dem Beerdigungsinstitut trafen, war uns allen beklommen
zumute. Aber nach einer Weile versammelte sich die kleine Gruppe von
Verwandten und Freunden im Nebenraum, in dem Hennis Mutter hinter einem
Vorhang aufgebahrt lag. Wir umringten sie. Sie war größer, als sie noch lebte.
Im Tod zusammengeschrumpft, dachte ich. Wir Anwesenden hielten uns an den
Händen. Einige hatten die Augen geschlossen. Dann schlüpften die anderen
durch den Vorhang und verließen den Raum mit der Toten. Alleine stand ich
bei ihr. Neugierig streichelte ich den überraschend kalten Körper, fasste ihre
kalten Hände an.
Ein Schauer läuft durch meinen Körper, nun, wo ich im Bett liege und mich
daran erinnere. Ich schüttele mich, zittere. Meine Frau schnarcht leise. Ich
streichel mir über beide Handrücken und fühle die Wärme in meinem Körper.
Dann nehme ich vorsichtig die Hand meiner Frau. Sie ist ebenfalls warm. Kurz
stockt sie in ihrem Schnarchen, dann atmet sie wieder gleichmäßig. Wir sind
beide am Leben, wie schön, denke ich. Ich lege die Hand zurück, lege mich auf
den Rücken und verschränke die Arme hinter dem Kopf. Und wenn ich als
Gertrud wiedergeboren würde, denke ich. Dann könnte ich moonwalken. Mit
diesem Gedanken schlafe ich ein.


Ausgabe 3/2021

Auf der Suche nach der Pforte

Lange Zeit war ich als Kind auf der Suche nach dem Übergang gewesen. Nach irgendeinem Gang oder einer Tür, die mich in eine andere Welt führen würde. Überall schien es solche Türen zu geben: In Büchern, in Hotels, im Theater. Nur in unseren Siedlungshäusern gab es keine.

Bei meinem Freund Thomas gab es immerhin eine Durchreiche, durch die seine Mutter Bohnen und Blumenkohl und weitere Schalen mit dampfendem Gemüse an den Esstisch reichte, wenn ich nach der Schule bei ihm aß. Gab es Blumenkohl, reichte Thomas die Schüssel direkt zurück in die Küche.

Mit Blick auf die Durchreiche wurde mir bewusst, dass eine Pforte nicht nur in eine Richtung funktionierte, sondern dass Dinge auch aus der anderen Welt in die eigene eindringen konnten. Und dass dies nicht immer die besten Dinge sein mussten.

Mein Leben war langweilig. Da waren die Schule, das Lauftraining und der Klavierunterricht. Alles absolvierte ich lustlos. Außerdem gab es Familienwochenenden, die meine Eltern, meine Zwillingsbrüder und ich auf verregneten Campingplätzen verbrachten oder Wochenenden mit nicht enden wollenden Brettspielen am heimischen Tisch. Niemand war an mir interessiert. Nur wenn die Zwillinge mich verprügelten, kam es zu Körperkontakt. Ich war allein zwischen meinen Eltern und den Zwillingen. Zwei Paaren, die am liebsten Paare waren. Ich sehnte mich nach einem Wandel. Mit meiner Langeweile kam mir die Idee zu verschwinden.

Bei Lewis Carroll las ich davon, wie Alice durch ein Kaninchenloch in eine andere Welt fiel. Aber in unserem Garten gab es weder Tiere noch Löcher. Maulwürfe erschlug mein Vater und das Loch, das ich im Beet grub, füllte sich innerhalb von Tagen mit einer Unzahl von Raupen, die meine Mutter in kochendem Wasser ertränkte.

So blieb für mich als einzige Pforte unser Klo übrig. Doch einen Übertritt gerade dort stellte ich mir eklig vor. Obwohl mir das Abflussrohr mit seinem großen Durchmesser passierbar erschien.

Neben unserer Siedlung stand ein imposantes Haus mit vielen Fenstern zur Straße. Es war beinahe schlossartig. Eines der Fenster war mit silbernen Sternen beklebt. Ich fragte mich, wer dort wohl wohnt. Erst jetzt im Erwachsenenalter, wo ich Filme wie ‚Citizen Kane‘ und ‚Boulevard der Dämmerung‘ kenne, wird mir die Riesenhaftigkeit des Hauses wirklich bewusst. Dieses Haus zog mich damals in seinen Bann. An einem Baum des Vorgartens hing eine Diskokugel. Sie glänzte im Sonnenlicht und ihr Funkeln hielt mich gefangen. Lange saß ich so da auf dem Bordstein vor dem Haus. Die Discokugel glitzerte und ich wartete, ob etwas geschah. Als es dämmerte, gingen hinter den Fenstern Lichter an, aber zu sehen war niemand.

Ich nahm all meinen Mut zusammen, lief über die Straße und klingelte. Eine Hausangestellte öffnete mir. „Bist du ein Freund von Anne?“, fragte sie, und als ich nicht antwortete, bat sie mich hinein.

Über eine geschwungene Marmortreppe führte sie mich in ein pinkfarbenes Zimmer im ersten Stock. Dort saß eine Person mit faltiger Haut in einem Rollstuhl wie eine Greisin. Der Zimmereinrichtung nach zu urteilen, konnte sie aber kaum älter sein als ich. Auf ihrem Schoß hockte ein weißer Hase mit roten Pupillen und einem Geschwür an der Stirn. Ich hatte noch kein Wort gesagt, als sie mich ansprach: „Hallo, ich bin Anne. Ich hab‘ Progerie. Das ist eine multimorbide Krankheit. Ich sterbe. Willst du einen Kuss von mir bekommen?“

Ich antwortete nicht. Anne fuhr mit ihrem Stuhl an mich heran und gab mir einen Kuss auf den Mund. Äußerlich fühlte es sich so an, als würden meine Lippen mit Bimsstein gebürstet. Innerlich dachte ich, etwas stürzt in mir zusammen und gleichzeitig bricht Wasser auf mich herab. Es fühlte sich an, als würde ich geflutet.

„Willst du ihnauch küssen?“, fragte Anne und zeigte auf den Hasen. Ich schüttelte den Kopf. „Aber er wird bald sterben“, sagte sie. „Er hat einen Tumor.“ Ich schüttelte den Kopf.

Um acht kam die Hausangestellte. Sie deutete auf die Standuhr und sagte: „Es ist Zeit, mein lieber Freund.“

Nun wusste ich, wer in dem Haus lebte, aber die Pforte hatte ich dort nicht entdeckt. Am nächsten Morgen stand ich leise auf und schlich in die Toilette. Dort zog ich mich aus und fettete mich mit Butter ein. Im Internet stand, es gäbe kein besseres Gleitmittel. Ich machte einige Kniebeugen und dehnte meinen Körper, um ihn unbeschadet nach drüben zu bringen, als die Zwillinge ins Zimmer stürmten und sich auf mich warfen. Der Kampf endete unentschieden, weil ihre Schläge dieses Mal durch das Fett an mir abglitten. Mit einem Sprung ins Klo versuchte ich zu entkommen, aber nur eins meiner Beine verschwand dort bis zum Knie. Ein Klempner wurde gerufen und im Moment der Befreiung verflüchtigte sich meine Sehnsucht zu Verschwinden.

Stattdessen besuchte ich Anne. Stets öffnete mir die Hausangestellte, führte mich in die Halle, entschuldigte sich, dass sie noch etwas zu erledigen habe, und ließ mich allein vor der ausladenden Treppe stehen. Manches Mal erkundete ich das Haus, bevor ich zu Anne hinauf ging. In einem der Säle stieß ich auf eine Tapetentür. Hinter ihr lag ein dunkler, schmaler Gang, der zu einer Wendeltreppe führte. Vorsichtig stieg ich die Stufen hinab. Es roch deutlich nach Blumenkohl. Schließlich trat ich in die Küche, von wo mich die Hausangestellte zurück in die Halle führte.

Wenn ich Anne begeistert von den Räumen ihres Hauses erzählte und wenn ich sie bat, einmal mitzukommen, antwortete sie mir jedesmal: „Dafür bin ich zu müde. Geh du nur, wenn du magst. Ich warte hier auf dich.“

Im Winter starb Anne. Mit ihr verschwanden die Silbersterne. Ich fragte mich, ob man den Hasen mit ins Grab gelegt hatte. Über das Küssen hatte sie nie wieder mit mir gesprochen.

Jahrelang stand das Haus leer. Gestern sah ich, dass es renoviert wird und schlagartig hatte ich alles wieder vor Augen: Meine langweilige Kindheit, das leere Haus und Anne.

Lesungen mit Alexander Posch

Do., 27. Mai 2021, 19 Uhr, WADEK c/o M28 Hoch2, Am Sandtorkai 27; zur Bilderausstellung von Thomas Tannenberg, kostenlos.

So., 6. Juni 2021, 16 Uhr, WADEK c/o M28 Hoch2, Am Sandtorkai 27; Atelier zur Bilderausstellung/Finisage von Thomas Tannenberg; zeitgleich übertragen auf den Kibbelsteg und die Sandtorbrücke, kostenlos.

Do., 10. Juni 2021, 19:30, Gutskultur, Gut Karlshöhe, Karlshöhe 60 d, 10,- Euro;

weiteres unter: www.gut-karlshoehe.de/gutskultur

So., 13. Juni 2021, 16 Uhr, musikalisch-literarischer Rundgang durch Bramfeld (1,5 h), Start: Bücherhalle Bramfeld, Bramfelder Marktplatz.

Mi., 30. Juni 2021, schischischo, mit S.Amtsberg&M.Weins, Barkasse Hedi, 19:30 – 22:30, 10,-/12,- Euro.

So., 8. August 2021, 16 Uhr, musikalisch-literarischer Rundgang durch Bramfeld (1,5 h),

Start: Bücherhalle Bramfeld, Bramfelder Marktplatz.


Ausgabe 2/2021

Im Wendehammer

„Flammend blühen die Fuchsien im Sonnengleiß“ rezitiert Wuttke.

„Oh! Rainer Maria Rilke!“, sage ich. „Das habe ich lange nicht mehr gehört.“

„Der olle Rilke“, lächelt Wuttke. Wuttke ist ein Studienfreund meiner Frau.

Wir stehen im Wendehammer am Ende unserer Straße. Im Hammerrund blühen die großartigsten Forsythien des Hamburger Ostens. Ein Traum in Gelb. Davor die beiden schwarz ausgebrannten Autos. Die haben sich im vergangenen Monat zu einem kleinen Hype auf Instagramm entwickelt. Jugendliche fotografieren sich vor den Autoleichen, Jogger, Großmütter mit Hunden. Einige kommen aus Schleswig-Holstein angereist. Weltgeschichte en miniature.

Trotz des Feuers, der Löschspuren und des Polizeiabsperrbands sind die Fabrikate leicht zu identifizieren: Ein Porsche Cayenne und ein Ford Mustang. Das Kühlerpferd ist noch gut zu erkennen. Beide gehören dem Radiologen Dr. Islinghausen. In den letzten Jahren zogen immer mehr Wohlhabende an den Ostrand der Stadt.

Wuttke, meine Frau und ich beobachten einen Zaunkönig, wie er etwas Füllung aus der schräg in den Himmel ragenden, unversehrten Heckklappe von Islinghausens Porsche pickt.

„Zaunkönige bauen jedes Frühjahr bis zu neun Nester. Ihre Weibchen sind sehr wählerisch“, sagt Wuttke. „Die Autos – war das ein gelangweilter Feuerwehrmann?“

„Ich glaube, das ist nur ein Kollateralschaden“, sage ich. „Erst hat das Schilf gebrannt, dann hat das Feuer auf die Autos übergegriffen.“

„Hier gibt´s überhaupt kein Schilf“, sagt meine Frau. „Und warum sollte etwas, das es gar nicht gibt, gebrannt haben?“

„Die Behörde brennt die Rahlstedter Schilfbestände ab. Denn das Schilf ist der Ort, in den sich die Wildschweine gerne zurück ziehen. Und um die Afrikanische Schweinegrippe einzudämmen, wird es abgebrannt“, sage ich.

„Ich sehe hier nur Forsythien“, unterstützt Wuttke meine Frau.

„War ja nur so`ne Idee“, sage ich. „Jedenfalls weiß niemand, wer das gewesen ist. Seit einem Monat suchen die schon. Bei uns haben die auch geklingelt. Aber die Autos brannten nachts, und da haben wir geschlafen“, erzähle ich Wuttke.

Wir haben ein Jugendhaus in unserer Straße, in dem die Polizei den Täter vermutete. G20 und so. Außerdem durchsuchte sie die Wohnungen einiger ortsbekannter Neonazis. Zwar hätte man denen die Anschläge nicht zugetraut, aber man wollte deutlich machen, dass man sie auf dem Schirm hat. So stand es in der Zeitung. Gefunden hat die Polizei in vier Wochen nichts.

Wuttke geht zu einem der Laternenpfähle im Wendehammer. Dort hängt ein Plakat: „Rahlstedter, Mitbürger, Freunde!“, liest er vor. „Wir, ihre Polizei, wussten von einem möglichen Brandanschlag in der Stadt. Aber dass der Plan soweit abseits des Zentrums umgesetzt werden würde, überraschte uns. Wer Angaben zu den Tätern machen kann, melde sich. Herzlich Ihre Polizei. Und dann eine Telefonnummer. Wer hat das denn formuliert?!“

Inzwischen ist wieder eine Gruppe Fahrradfahrer angekommen, die sich vor den Autos verewigt. Und wie jeden Tag spaziert der alte Herr mit seinem Spaniel durchs Wendehammerrund. Ein Anwohner, der seinen Hund täglich die angeschmolzene Felge markieren lässt.

Wir gehen rüber in unseren Garten. Es ist sonnig, es hat genügend geregnet. Ideal für ein Erblühen des Gartens – allein: Wir haben eine Nacktschneckenplage. Alles Angepflanzte ist bis auf wenige Zentimeter abgenagt.

Wuttke weiß ein Rezept gegen Nacktschnecken, hatte mir meine Frau gesagt. Deshalb ist er zu Besuch gekommen. Während er zur Bestandsaufnahme in unser abgefressenes Staudenbeet tritt, erzählt mir meine Frau: „Wuttkes Rezept sind nicht die üblichen indischen Laufenten. Die vertilgen zwar die Schnecken, aber die verunreinigen unseren Garten mit ihrem gipsartigen Kot. Keine Ornithologin wird dir jemals indische Laufenten empfehlen“, zwinkert sie mir zu. „Thomas´ Methode stammt von dem Stamm, bei dem er gelebt hat. Wo warst du nochmal, Thomas?!“

Wuttke kommt aus dem Kahlfraßbeet zurück auf den Rasen. „Ich war ein Jahr im Hochland von Neuguinea bei den Enga. Einige von denen lassen einen Wurm für sich jagen. Den Neuguinea-Plattwurm. Aber der frisst dann wirklich ALLE Schnecken. Und dann muss man dem Wurm die Schnecken wieder irgendwie abjagen. Kein Spaß! Na, jedenfalls fangen die Enga Schnecken und lassen die dann vier Tage lang hungern, damit sich der Darm entleert. Später salzen sie sie ein und verspeisen sie bei Ritualen in der Gruppe. Eine Delikatesse! Ich lege sie nicht in Salz, sondern in Zucker ein: Kandierte Nacktschnecke zum Tee.“

„Oder zum Espresso?“, schlage ich vor. Wuttke nickt und holt eine Plastikdose aus seinem Rucksack.

„Ein hermaphroditisches Wesen

wär’ mir was Apartes gewesen,

da fand ich ’n Ding

das bei mir nicht verfing,

an diesem befremdlichen Wesen“, rezitiert er schon wieder ein Gedicht.

„Wieder Rilke?“, frage ich.

„Shakespeare“, antwortet er und lächelt schelmisch. „Wollt ihr mal  probieren?!“ Mit spitzen Fingern nimmt er etwas Ingwerwurzelartiges aus der Dose.

„Ich mach uns mal schnell ‚nen Espresso“, sage ich und verschwinde im Haus.

Abends sehen meine Frau und ich wie immer die Regionalfernsehsendung ‚Der Tag in Hamburg‘.

„Guck mal, unser Wendehammer“, sage ich. Eine Stimme aus dem Off sagt, dass ein 67 Jahre alter Rentner im Rahlstedter Supermarkt mit seinen Taten geprahlt hat. So ist man dem Täter auf die Spur gekommen. Aus Neid hat er die Autos angezündet.

Vor der gelb glühenden Blütenwand, vor der wir heute selbst mit Wuttke standen, wird eine alte Dame interviewt. Die Stimme aus dem Off sagt: Der Brandstifter von Rahlstedt ist gefunden und hier ist seine Frau im Exklusivinterview.

„Wie konnte es dazu kommen?“, wird die Frau von einem Reporter gefragt. Sie antwortet: „Unverdient sei Dr. Islinghausen an den Porsche gekommen, hat mein Mann gesagt. Der ist doch korrupt, der Islinghausen, hat er gesagt. Wie kann der sich denn ständig neue Luxuskarossen leisten?! Der ist doch auch nur Arzt. Und als er mit Karl-Gustav, unserem Spaniel, die nächtliche Runde machte, und dabei im Wendehammer schon wieder neue Modelle stehen sah, da ist es wohl über ihn gekommen. Aber er hat es mir auch erst eine Woche später gestanden.“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Dass er sich auch immer mit den anderen vergleichen muss. Und dann vom Gefühl her schlecht abschneidet. Ich habe nur den alten Daimler und immer dieselbe  graue Frau, statt junger, blonder Freundinnen, sagt er immer. Ich dachte, dass er das so im Spaß sagen würde. Manfred ist doch immerhin Ingenieur. Uns geht es doch gut!“

Dann sieht man den Reporter mit dem Sprecher der Polizei. „Die Verhandlung über den bislang nicht Vorbestraften wird voraussichtlich im nächsten Monat stattfinden“, sagt der Polizeisprecher.

Als meine Frau den Fernseher ausschaltet, frage ich sie, ob ich noch eine von den Zuckerschnecken haben kann.

„Was für ein apartes Ding sich bei mir verfing“, zitiert meine Frau Shakespeare oder Wuttke und reicht mir die geöffnete Dose.


Ausgabe 1/2021

Im Wäldchen

„Rasier‘ dich und zupf‘ dir auch die Augenbrauen“, bittet mich meine Frau. Wir machen uns fertig,
als würden wir zu einem Konzert in die Elbphilharmonie gehen. Sehen und gesehen werden.
Meine Frau schminkt sich. Ich habe ihr einen neuen Lidschatten mitgebracht, neontürkis mit
Bronzeglitter. Neontürkiser Bronzeglitter ist nicht der Stil meiner Frau, aber in dieser ereignislosen
Zeit bringe ich ihr jedes Mal etwas anderes mit aus dem Supermarkt. Letztes Mal hatte ich ‚Die
flotte Lotte‘ dabei. In der Hygieneabteilung entdeckt. Als wir die Batterien eingelegt hatten,
bewegte sich die Lotte wackelig über die Matratze. Ein zuckender, rosaroter Plastiklappen mit
Noppen. Wir lachten und ließen dann alles beim Alten. Nun also Disco-Lidschatten und gezupfte
Augenbrauen.
So schick gemacht gehen wir ins nahe Wäldchen, das in der Pandemie zum Zentrum unseres
Lebens geworden ist. Es ist der erste Montag im Januar, Zeit für meine Ornithologen-Frau die
monatliche Vogelzählung durchzuführen.
Am Wäldcheneingang überholt uns Frau Engelmann mit neuen Nordic-Walking-Stöcken. Begeistert
hebt sie die bojen-orangen Stöcke in die Höhe. „Ich mache mal ‚ne Runde“, sagt sie. Das Wäldchen
liegt unbelaubt da. Nur wenige Nadelbäume und Eiben geben etwas Sichtschutz. Die Wege sind
vollkommen überlaufen. Weil man nicht Böllern durfte, liegt nun nach Silvester viel weniger Abfall
herum, als in den Vorjahren. Ich denke, ob ich irgendwo Leichenteile entdecken kann, die jemand
zu Neujahr loswerden wollte. Wie immer halte ich Ausschau nach dem Bösen. Aber durchs graue
Geäst sehe ich nur schwatzende Menschen in grellbunter Skibekleidung. Die Besucherhorden haben
viele zusätzliche Wege ins Unterholz getrampelt. Und nirgendwo Leichenteile. Genauso wenig wie
Vögel.
Wir gehen an den Waldrand. Dort liegt die ehemalige Weide. An ihrer Stelle befindet sich nun ein
Binsen umstandener künstlicher Tümpel mit Hügeln drumherum. Hügel und Tümpel wurden als
Ausgleich für die angrenzende würfelkompakte Neubausiedlung geschaffen. Wegen des
Klimawandels nutzten im letzten Jahr einige Flamingos diesen Tümpel erstmalig als
Zwischenstopp. Aber heute bekommen wir keine Flamingos zu Gesicht. Meine Frau und ich lehnen
am Gatter. Neben dem Tümpel macht eine Thai-Chi-Gruppe ihre Übungen. Ihre Matten liegen weit
auseinander. In den Schwarzerlen dahinter schimpft der Kolkrabe. Meine Frau holt ihren Block
heraus. Lächelnd macht sie ein Kreuz ins Kästchen hinter ‚Kolkrabe‘. Das Kästchen hinter
‚Flamingo‘ lässt sie leer. Ich selbst habe die Flamingos nicht gesehen. Aber meine Frau hatte mir
ein Foto gezeigt. Wie sie da grau und unfrisiert am Tümpel standen. Und es deutlich war, dass sie
nicht in unsere Breiten gehören. Auf dem Foto sahen sie mehr nach Graureihern aus. Wir drängeln
uns durch eine Gruppe Radfahrer und gehen weiter.
„Ich habe gerade ein Buch gelesen, wo sie um so ein Wäldchen – allerdings war das ein Wäldchen
voller jüdischer Flüchtlinge – einen Stacheldraht gezogen haben. Und dann kam die SS mit
Maschinengewehren…“, fange ich an zu erzählen.
„Guck mal, ein Rotkehlchen“, sagt meine Frau. Sie macht ein Kreuz in ihre Liste. Das Rotkehlchen
hüpft vor uns über den Weg. Es dreht den Kopf etwas zur Seite und blickt uns an. Der Vogel hat
beeindruckend dünne Beinchen. Dann noch eine Amsel, die über den Weg rennt. Eine
Meisenfamilie und ein Kleiber. Und plötzlich steht uns der Stadtteil-Jäger im Weg. In grüner
Jägerweste, das Gewehr über der Schulter. Er nickt uns zu. Im selben Augenblick platzen seine
Hunde aus dem Unterholz. Sie bellen und fallen aufgeregt übereinander. „Jungs! Jetzt seid doch mal
still!“, sagt der Jäger zu den Hunden. Die setzen sich auf die Hinterläufe, ihre Ohren gespitzt. Dann
erst sehe ich das Seil, das der Jäger in den Händen hält. Das Seil verschwindet im Gebüsch. Leise
sage ich zu meiner Frau: „Jäger ist man nicht zufällig. Jäger wird man, um zu schießen. Schon
Tschechow sagte, ein Gewehr ist zum Schießen da“
Der Jäger hebt einen Finger und guckt seine Hunde an. Er zieht am Seil. Als am Seilende ein halb
zerfetzter Teddybär auf dem Weg erscheint, stürzen sich die Hunde auf das Stofftier. Wieder purzeln
sie übereinander. Erneut fordert der Jäger sie auf, sich zu benehmen. Plötzlich wie versteinert sitzen
die Hunde da. Mit heraushängenden Zungen. Ich denke an die flotte Lotte. Was wir da aufschreiben
würden, fragt uns der Jäger und streckt seine Hand nach dem Block meiner Frau aus. Die hält ihn
weit von ihm weg und antwortet ihm wissenschaftlich. Ich mache ein weiteres Kreuz in meine
Liste. Ich habe eine andere Liste als meine Frau. Ich setze ein Kreuz ins Kästchen hinter dem Wort
‚Jäger‘. Schon mein fünftes Kreuz: NordicWalker, Skijackenträger, ThaiChiTurner, Radfahrer und
nun Jäger.
Weil wir den Weg blockieren, drängelt sich bunt gekleidetes Volk zwischen uns hindurch. Der Jäger
nuschelt etwas und zeigt in Richtung Flamingotümpel. „Buntspecht“, sagt meine Frau und macht
ein Kreuz. Als sich der Jäger einige Schritte entfernt hat, frage ich meine Frau, ob sie verstanden
hat, was er zuletzt gesagt hat.
„Hat er nicht ‚Schwulenwiese‘ gesagt?!“, antwortet sie. „Sieh mal! Da drüben! Ein Baumläufer und
ein Stieglitz!“ Begeistert macht sie zwei Kreuze. Für mich ist bis zu Hause nichts mehr dabei. Nur
noch Skijackenträger.
Als wir durch die Gartenpforte treten, fängt es an zu schneien. Dicke Flocken, die mir sofort den
Mantel bedecken und sein Blau weiß färben. Meine Frau stupst mich an und lächelt.
Dann hören wir einen Schuss. Es ist nicht klar, ob er aus dem Wäldchen kommt oder vom
Fußgängertunnel unter der Bahnstrecke, wo die Stadtteiljugend am liebsten böllert, weil es dort am
lautesten hallt.
„Wo war das?“, frage ich. In meinem Kopf erscheinen Bilder, wie der Vesuv ausbricht und Pompeji
mit Asche bedeckt. Wie meine Frau und ich im Lavagas ersticken.
„Nehmen wir einfach an, der Knall kommt von den Jugendlichen, die ihre Restböller verballern“,
schlägt sie vor.
Ich denke, ich sollte nicht so negativ sein, und lasse Vesuv und Pompeji aus meinem Kopf
verschwinden.
„Was denkst du?“, fragt mich meine Frau.
„Wer heute von uns gewonnen hat. Ich habe fünf Kreuze!“
Meine Frau wedelt mit ihrem Block und lächelt ihr Siegerlächeln.


Ausgabe 4/2020

Rave in Rahlstedt

Schon im März hatten wir vom Rahlstedter Freiluftclub gehört. Aber den ersten Lockdown ließen wir den Freiluftclub Freiluftclubsein. Stattdessen plünderten wir die Kleiderstangen des örtlichen Kostümverleihs: Dirndl und Lederhose fürs Oktoberfest, Förster, Krankenschwester und das Mauerset – wir nahmen alles mit. Zu Hause verkleideten wir uns, setzten uns aufs Sofa und ließen es langsam angehen. Zündeten Kerzen an, genossen das schöne warme Licht und machten Selfies. Einmal nutzten wir das Kerzenwachs zum Enthaaren. Da trugen wir biblische Kostüme.

Aber der Mensch will raus. Und meine alte Stadtteilfreundin Frau Engelmann sagte, sie hätte schon so lange nichts mehr erlebt. Und sich nur noch mit ihren Hühnern zu unterhalten, das sei nichts. Als die Pandemiegebote sich im Juli etwas lockerten, erzählten wir ihr vom Freiluftclub und nahmen sie mit dorthin.

Nach Einbruch der Dunkelheit gingen wir gemeinsam durch den undurchsichtigen Wald zur halbversumpften Wiese am Flüsschen, die im Rahlstedter Ortskern liegt. Seltsamerweise ist das alles bislang von den verschiedensten Bauprojekten unberührt geblieben. Hier leben viele Sträucher und seltene Insekten. Hundebesitzer freuen sich ohne Gassibeutel unterwegs sein zu können, denn die Sträucher wachsen hoch und Hinterlassenschaften sind kaum zu entdecken. Diesen Vorteil nutzen auch die Kunden des Fastfoods hinten an der Schnellstraße, der mit dem Tankstellengebäude verschmolzen ist. Auch die lokale Drogenszene ist vertreten. Und so laufen wir zwischen Hundekot, alten Styroporverpackungen und Spritzen herum und folgen dem Beat.

Als wir auf die Wiese treten, vibriert der Boden und Frau Engelmann sagt: „Das hier ist ein wichtiges Biotop! Hier brütet die Rohrdommel.“

Fluorierende Bänder markieren den Platz für die Tänzer. Ein leuchtendes Gitter liegt über der gesamten Wiese. Bunte Masken überall.

„Aber es ist Juli“, sage ich. „Hier brütet nichts mehr.“ Meine Frau nickt. Sie ist Ornithologin. Ich weiß nicht, ob sie mich richtig versteht mit meiner Maske. Man versteht sein Gegenüber nicht so gut. Aber ich verstehe, dass meine Frau tanzen will.

Wir wippen im Rhythmus. Wir bewegen uns wie Katzen auf dem heißen Blechdach. Jeder in seinem Tanzquadrat.

„Ja, das ist gut! Sofort anfangen, wenn man kommt!“, sagt einer der jungen Tänzer neben uns. „Denn später kommt immer die Polizei.“

Die Wiese füllt sich immer mehr. Ich rieche Haschisch. Ein Mann geht mit einer Blechbüchse herum. Er sammelt Geld für die DJs. Die stehen im Zentrum der Tanzenden an einem portablen DJ-Set.

„Ich habe früher gerne den Elvis gehört“, sagt Frau Engelmann. „Das war auch so schöne Musik.“ Sie winkelt die Arme an und dreht ihren Oberkörper nach links und rechts.

Nach einer ganzen Weile holen wir uns Energiedrinks beim Fastfood an der Schnellstraße. Meine Frau und ich sind so alt, dass wir keine anderen Drogen mehr brauchen. Von Frau Engelmann müssen wir gar nicht reden. Die jungen Tänzer trampeln mit nicht nachlassender Energie die Wiese platt.

„Wir sind das Zentrum des Universums!“, brüllt mir ein Raver ins Ohr. „Alles gruppiert sich um uns herum!“ Ich nicke und tanze wieder. Meine Frau tanzt neben mir und auch Frau Engelmann wiegt sich rhythmisch auf der Wiese. Über uns die Sterne.

Doch schon bald funktionieren unsere Beine nicht mehr. Es ist anders als vor 25 Jahren. Auch unsere Lungen fühlen sich an, als seien sie perforiert und verlören Luft auch ohne dass wir ausatmen. Da hilft kein Energiedrink. Unsere Masken sind durchgeschwitzt, wir stellen uns an den Wiesenrand. Dort ist es ein wenig leiser.

„Weißt du noch“, frage ich meine Frau, „wie wir in den zu Clubs umgebauten Etablissements auf dem Kiez getanzt haben. Wo die Pufftapeten noch an den Wänden hingen und überall waren Separees, in die man sich fleezen konnte – aber statt Schaumwein gab es nur noch Flaschenbier und auf der winzigen und aus Spiegeln bestehenden Tanzfläche tanzten keine Nackten mehr!? Die Fläche war noch kleiner als die Tanzquadrate hier!“

„Weißt du noch“, fragt mich meine Frau, „wie du an Carolas Hals hingst, als du ich-weiß-nicht-wie-viele Tequila Sunrise getrunken hattest damals im U-Bootbunker? Und wie ich mit dir Schluss gemacht habe deswegen. Aber später kamen wir wieder zusammen und dann war es besser.“

„Lange her“, sage ich. „ECHT lange her!“ Und ich erinnere mich daran, dass ich in einer dieser Subkulturkneipen die schweißige Achsel von Ilona leckte, das war die Freundin, die ich hatte, als meine Frau mit mir Schluss gemacht hatte. Würde ich heute nicht mehr machen, denke ich.

„Wollen Sie noch mal tanzen?“, fragt Frau Engelmann.

„Gerade nicht“, antworten wir. Und so lehnen wir an alten Baumstämmen und beobachten, wie sich schwarze Silhouetten rhythmisch vor dem heller erscheinenden Waldhintergrund bewegen. Immer wieder setzt die Musik sekundenlang aus. Sei es, weil das Stromaggregat schwächelt, sei es, weil einer der Raver in die Anlage getanzt ist.

In einer dieser Pausen stößt mich meine Frau an: „Hör mal! Da! Eine Rohrdommel.“ Frau Engelmann, ich, meine Frau – wir lauschen. Ich gucke über das fahle Schilfgras in Richtung Schleswig-Holstein, von wo der neue Tag heraufdämmern wird. Sanft wird das jungfräuliche Licht durch den Wald scheinen und sich auf die Weiden am Flüsschen legen. Aber eine Rohrdommel kann ich beim besten Willen nicht hören, dazu sind die Polizeisirenen zu laut. Blaues Licht flackert zwischen den Stämmen.

Als die ersten Polizeiwagen auf die Wiese fahren und über Megaphon verkünden: Die Wiese wird geräumt! Hier brütet die Rohrdommel nimmt mich meine Frau am Arm und pfeift mir den Ruf des Vogels ins Ohr. Ja, jetzt höre ich sie doch, die Rohrdommel. Um mich herum ist es hektisch, Flüchtende, Polizisten, die uns anrempeln, und dann dieses zarte Pfeifen, wie ein milder Tinnitus. Ich denke: Meine nächste Anschaffung wird ein Hörgerät sein. Im Durcheinander verlieren wir Frau Engelmann. Aber sie ist alt genug. Sie wird alleine zurück nach Hause finden.

„Ich bin müde“, sage ich zu meiner Frau. Sie zieht mich stärker an sich. „Bald sind wir zu Hause“, sagt sie. „Folge nur dem Ruf der Rohrdommel.“

‚Stubenhocker‘, die Kunstzeitschrift mit sieben neuen Geschichten von Lars Dahms und Alexander Posch und Illustrationen von Thomas Tannenberg ist erschienen. Für 10,- Euro (+ Porto 1,45 Euro) direkt beim Autor erhältlich: appoche@gmx.de


Ausgabe 3/20202

Geschichten aus Rahlstedt
Schwimmen gehen

Meine Frau arbeitet zu Hause: Homeoffice. Wir stören und sollen den Nachmittag im Freibad verbringen. Also gehe ich mit meinem fünfjährigen Sohn in das Freibad meiner Jugend. Das Bad liegt direkt neben dem Friedhof. Auf einer großen Reklametafel, die zwischen den beiden öffentlichen Orten steht, wirbt der Stadtteil-Konditor mit dem Slogan: ‚So gut, dass die Toten auferstehen!‘. Auf dem Plakat steigt eine lachende Frau im Bikini aus einer rosafarbenen Torte. Hier in Rahlstedt sind die Wege kurz. Alles liegt nah beieinander: Vergnügen und Tod, gestern und heute.

Als ich jung war, war das Bad nur eine mit Regenwasser vollgelaufene Tongrube. Vor einiger Zeit hat die Stadt weißen Sand aufgeschüttet. Die Tongrube heißt jetzt ‚Kupa piti‘ und ist ein Beach Club, wo die Leute in Liegestühlen am Wasser sitzen und Cocktails trinken. Alles wirkt noch provinzieller als zu meiner Zeit.

Am Strand breiten wir unsere Handtücher aus. Mein Sohn stupst mich an, als wir uns umziehen: „Papa, erzähl von früher, als du hier schwimmen warst!“ Also erzähle ich von der Eisenbahn, die auf dem Seegrund verrostet. Und ich erwähne das Flugzeug, das im 2.Weltkrieg notlanden wollte, aber im See versank. Ich berichte von dem riesigen Wels, der tief unten im Schwarzwasser lebt. Schwimmt man zu weit hinaus, kitzelt er einen zunächst mit seinen Barteln, dann beißt er dem Schwimmer in die Füße und zieht ihn ins Dunkel hinab. Und ich erzähle von den eiskalten Strömungen, die dem See unterirdisch zufließen, so dass man augenblicklich schockgefrieren und ertrinken kann, hat man das Pech, in eine solche Strömung zu geraten.

Mein Sohn steht in seiner Badehose direkt am Ufer. Das Wasser ist zehn Zentimeter von seinen Zehenspitzen entfernt, aber er macht keine Anstalten sich weiter nach vorne zu bewegen.

„Willst du nicht reingehen?“, frage ich. Mein Sohn schüttelt den Kopf. Er will ein Eis.

Ich schwimme eine kleine Runde. Mein Sohn bleibt mit seinem Eis auf dem Handtuch sitzen.

Nach einer Viertelstunde bin ich zurück und trockne mich ab. Wir packen zusammen.

„Gibt es denn keine guten Geschichten von dem See?“,  fragt mein Sohn, als wir aus dem Freibad gehen. „Etwas mit Tieren? Aber mit netten Tieren?“

„Doch“, sage ich. „Es gibt eine Seehundgeschichte. Denn einmal hatte sich ein Seehund ins Freibad verirrt“, erzähle ich. „Das war ein extremer Winter, als sogar die ins Freibad einfließende Wandse zugefroren war. Und der See selbst war natürlich auch zugefroren. Niemand wusste, woher der Seehund kam. Das Tier lag ganz gemütlich auf den Eisschollen. Und von Zeit zu Zeit schlüpfte der Seehund durch ein Loch im Eis und fing sich einen Fisch. Aber dann hat ihn ein verrückter Angler erschossen. Das Seehundblut, so ein kräftiges Rot auf dem Weiß, das konnte man noch wochenlang auf den Eisschollen sehen.“

„Seehundblut“, murmelt mein Sohn. „Wie hieß denn der Seehund, Papa?“

„Na, das ist ja eine alte Geschichte“, sage ich, „Da war ich noch ein kleiner Junge. Vielleicht hieß der Seehund Wolfgang, so wie Opa?“

Mein Sohn sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er. „Nicht Wolfgang – ich glaube, der Seehund hieß Fuchsgang.

„Ja, dann eben Fuchsgang. Kann schon sein“, sage ich. Und in diesem Moment merke ich, dass ich mich schon unendlich weit vom Kindsein entfernt habe.

„Erzähl noch mehr von früher, Papa!“, drängelt mein Sohn.

„Na gut“, sage ich. „Wenn ich in den Sommerferien bei meiner Oma zu Besuch war, musste ich sie überallhin begleiten. Sie ging mit mir zur Post, zum Supermarkt, überallhin. Und sie ging in etwa so.“ Ich gehe nun so zügig, dass mein Sohn neben mir hergaloppieren muss.

Er lacht. Höre ich auf, so schnell zu gehen, sagt er: „Мach wieder so, wie die Oma geht!“

„Ihr seid aber schnell wieder da“, wundert sich meine Frau als wir zur Haustür hereinkommen. Wir waren keine Stunde weg.

„Im Freibad – da war zu viel Seehundblut“, sagt mein Sohn. Ich nicke.


Ausgabe 1/2020

Geschichten aus Rahlstedt
Ein Seminar auf dem Land

Helga Bier, so wurde die Frau genannt, die ihnen den Platz zuwies. Es waren einfache Holzbänke, man saß zu zweit auf einer Bank, weit genug voneinander entfernt, so dass sich die Ellenbogen nicht berührten.
Die Bänke waren nach vorne ausgerichtet, wo Helga Bier auf einem einzelnen hölzernen Schaukelstuhl saß wie eine billige Königin.
Am Nagel eines Deckenbalkens über ihr war ein Transistorradio befestigt, aus dem beschwingte folkloristische Musik kam.
Um den Schaukelstuhl verteilt standen einige Windlichter. Das Poster hinter ihr an der Wand war nur schlecht beleuchtet. Auf ihm waren die unterschiedlichsten Strickarten dargestellt: Rechts, links, Strukturmuster, Patent, die arabische Reihe, die halbe Perle, die vollendete Perle, Ajour.
Von drei Reihen bebilderter Strickarten kannte Maria nur das linke und das rechte Stricken.

Ihre Kollegen aus dem Büro hatten ihr ein Strickwochenende geschenkt. Wie immer war es ein Verlegenheitsgeschenk gewesen – die männlichen Kollegen bekamen zu jedem Geburtstag eine Krawatte, die Frauen erhielten ‚ein Präsent der Saison‘, also einen Yogakurs oder eine Einführung ins Intervallfasten. Und als Maria Geburtstag hatte, berichteten die Blogger und Frauenzeitschriften gerade vermehrt über die neue Trend-Handarbeit Stricken.

Maria erinnerte sich, dass sie das letzte Mal bei Frau Melzer in der vierten Klasse gestrickt hatte. Dies war überhaupt das einzige Mal gewesen, dass sie gestrickt hatte. Sie strickte einen dunkelblauen Schal für ihren Vater. Als sie eine Masche fallen ließ, ribbelte der Schal auf. Ihre aufmerksame Lehrerin nahm die Masche weiter unten notdürftig wieder auf, aber der Schal sah aus, als hätte eine Motte an ihm gefressen.
Marias Vater freute sich über das Geschenk, so wie sich ein Vater über etwas Selbstgemachtes seiner Kinder freut. Dann wusch Marias Mutter den Schal zu heiß und er schnurrte auf die Hälfte seiner Größe zusammen, schließlich war er ganz verschwunden.

‚Bitte unbedingt Arbeitskleidung anziehen‘, stand auf dem Anmeldeformular für das geschenkte Strickwochenende.
So war Maria nicht allein mit ihrer schlecht sitzenden Kleidung. Sie hatte ihre Malkleidung aus der untersten Schublade des Schranks angezogen: Ein grotesk großes, weiß besprenkeltes Männerhemd, das sie einmal auf einem Clownlehrgang bekommen hatte sowie eine fleckige Jeans, die ihr kaum noch passte, wie sie beim Hineinschlüpfen feststellte. Die Renovierung ihrer Wohnung lag einige Jahre zurück, Maria ließ den obersten Knopf offen stehen.

Die anderen Frauen trugen ebenfalls Unmögliches. Besonders beeindruckt war Maria von einer Frau mit einem Einteiler. Der Einteiler war kakifarben und mit goldener und rosa Farbe bespritzt. Auf dem Kopf trug die Frau eine ausgefranste orange Schülerlotsenmütze. Aber hier ging es um ein Handarbeitswochenende, nicht um einen Kurs zum Flirten.
Welch ein Glück, dachte Maria, denn ihre Kollegin Mandy bekam vor zwei Jahren einen Flirtkurs zum Geburtstag geschenkt und hatte sich nach diesem Wochenende einen anderen Arbeitsplatz gesucht.

Wie dem auch sei, die am Strickkurs teilnehmenden Frauen, die sich schließlich auf dem Bahnsteig in der Lüneburger Heide sammelten, waren durch die Art ihrer Bekleidung schon im Zug zu erkennen gewesen.
Spätestens am Treffpunkt, der an eine rasch zusammengezimmerte Theaterkulisse erinnerte, war dem knappen Dutzend Frauen klar, dass sie alle stricken würden, denn außer ihnen verließ kaum jemand den Zug. Es war Hauptverkehrszeit, Freitagnachmittag. Mit ihnen stieg nur noch ein Mann aus, der einen Käfig voll zischender Marder dabei hatte. Trotz der Größe des Käfigs war der Mann sogleich auf einem der Sandwege verschwunden, ebenso schnell, wie die beiden Jungen, die im Jugendslang miteinander sprachen und sich mit ihren Handys beschäftigten.

Die verbliebenden Frauen unterhielten sich lebhaft über das bevorstehende Seminar. Kein Mann war dabei. Maria wunderte sich nicht darüber. Suspekt hatte sie gefunden, dass auf dem Anmeldeformular weder eine Adresse noch eine Telefonnummer gestanden hatte, einzig diese abgelegene Haltestelle war dort als Treffpunkt genannt worden.
Aber Maria fühlte sich wohl in der Gruppe, und als eine Frau aus dem Dämmerlicht neben dem Bahnhofsunterstand trat, um sie zu begrüßen, verließen Maria jegliche Zweifel.

Maria saß im Dämmerlicht des Raumes und strickte nach den Anweisungen der sanft vor und zurück schaukelnden Helga Bier.
‚Pullover – Kindergröße 136, halbe Perle‘, hörte Maria. Erst war sie unsicher, wie sie beginnen sollte. Sie sah nach links zu ihrer Banknachbarin, die sofort zu arbeiten begonnen hatte, dann strickte auch sie los, anfangs immer noch einmal mit einem Blick zur Seite, um ihre Technik zu verbessern.

Jede der Kursteilnehmerinnen hatte einen geflochtenen Korb mit einem Haufen von Wollknäueln neben der Bank stehen. Angenehm drang das Klappern der Stricknadeln an Marias Ohr, vermengt mit dem leisen Radio und verschiedenen Geräuschen, die aus einem Raum hinter Helga Biers Schaukelstuhl kamen. Drängende Geräusche, ein dauerndes gedämpftes Klopfen und Schaben und Mähen.
In ihrem zu großen Hemd fühlte sich Maria frei. Sie arbeitete schnell und verfiel durch die verschiedenen Geräusche bald in eine Art Trance.

„Habt ihr etwas fertig?“, fragte Helga Bier in regelmäßigen Abständen. Wurde ihr ein fertig gestricktes Teil gemeldet, dann rutschte ein kleiner Hund unter den Bankreihen entlang, nahm die Strickarbeit vorsichtig ins Maul und trug sie nach vorne zu seiner Herrin. Diese begutachtete sie und besserte eventuelle Schwächen aus. Der Raum war gefüllt mit einer Atmosphäre äußerster Konzentration.

Maria spürte ihrem Atem nach und strickte wie im Traum. Sie merkte, dass sie nicht mehr an dem Pullover strickte, mit dem sie begonnen hatte, auch einen Babystrampler hatte sie wohl in diesem schlafähnlichen Zustand vollendet, nun war sie mit einer großen Decke beschäftigt. Sie atmete ein und aus.

Eigenartig fand sie nur, dass sich niemand miteinander unterhielt – unterhalten durfte. Kam es vor, dass zwei Strickerinnen ein Gespräch begannen, dann wurde das Radio lauter, so laut, dass es in den Ohren schmerzte. Verstummten daraufhin die Anwesenden, regulierte sich die Lautstärke des Radios wieder auf eine angenehme Zimmerlautstärke.
Maria hielt den Mund. Sie folgte ihrem Atem und strickte. Je nach Größe des geforderten Kleidungsstücks, je nach seiner handwerklichen Schwierigkeit vollendete sie Stück um Stück und überließ es dann dem apportierenden Hund.

Immer weitere von Helga Bier geforderte Strickvorgaben säuselten an ihr Ohr. Das Radio lief ohne Unterlass. Ab und zu schlief Maria ein. Anhand des Dämmerlichts im Raum war es nicht zu erkennen ob es noch Tag oder schon Nacht war. Maria glaubte, es sei Nacht, denn außer einem dünnen Ton, der sich wie ein leise rieselnder Bach anhörte, bemerkte sie nichts. Keine Befehle oder Fragen von Helga Bier, die eher für den Tag sprachen, kein Hund, der unter die Bänke schlüpfte. Dann aber sagte doch wieder eine Stimme von vorne ‚links, links, links‘ nur dieses Mal in einem etwas langsameren Tempo: ‚Patent, kurzes Abendkleid‘. Sie empfand die Stimme so schön wie ein Wiegenlied.

Doch irgendwann bemerkte Maria, dass ihre Haare matt wurden. Sie fielen ihr nicht mehr so leicht auf die Schulten. Sie roch daran. Ihre Haare waren fettig. Sie überlegte, wann sie zuletzt geduscht hatte. Ihr ganzer Körper fühlte sich so an, als habe sie bereits eine ganze Woche in dem Zimmer verbracht. Wie konnte das sein? Allerdings drangen neben dem Fettgeruch ihrer Haare auch die Gerüche der mit ihr Arbeitenden in die Nase. Aber all das war ihr nicht wirklich unangenehm. Es war warm, sie bekam regelmäßig zu essen und zu trinken und auch die Holzbänke waren viel bequemer, als Maria zunächst vermutet hatte.
Fand sie sonst manche Nacht in ihrem eigenen Bett nicht gut in den Schlaf, weil die Dinge des Lebens sie noch beschäftigten, so konnte sie hier im Strickkurs hervorragend schlafen. Im Sitzen und auf der harten Holzbank. Und von einem Moment auf den anderen.

Für die Notdurft wurde eine Schüssel durch die Reihen gereicht, ähnlich wie der Korb für die Kollekte in der Kirche, in den jeder etwas hineinlegen konnte. Maria schämte sich beim ersten Mal. Was ist denn das für eine Idee?!, dachte sie. Ja, wenn sie einen Rock angezogen hätte, so wie ihre Banknachbarin. Aber einige Zeit später, als die Schüssel wieder durch die Reihen ging, gelang es ihr sich aus der Hose zu schälen und nach getaner Verrichtung reichte sie die Schüssel nach hinten weiter. Alles war im Fluss. Maria fühlte, dass Raum und Zeit eine Einheit bildeten. Unentwirrbar. Der ewige Frieden. Maria ließ sich treiben, strickte und atmete. Nickte ein.

Genau in dem Moment, als sich die Wand hinter Helga Bier – ähnlich wie eine automatische Garagenwand – öffnete und die Schafherde in den Raum strömte, erwachte Maria aus traumlosem Schlummer.
Schafe streiften durch die Reihen. Ein besonders vorwitziges sprang zu Maria auf die Bank und legte sich eingekuschelt zwischen sie und ihre Nachbarin. Warm war das Schaf und es roch streng.
Fast im selben Augenblick erhellte ein greller Blitz den Raum und das Radio klang fremdländisch. Die polkaeske Musik verzerrte, der Takt wechselte, die Stimmen der Singenden leierten. Dann verstummte das Radio, Funken sprühten um den Nagel am Deckenbalken. Maria sah, wie der Schatten eines Schafs zu Boden fiel.

Aber dann verliefen die sich an den Zwischenfall anschließenden Stunden so harmonisch wie immer. Man strickte, der Hund holte sich die fertige Ware, das Radio surrte im Wechsel mit der Schermaschine, mit der Frau Bier die Schafe schor. Nur die nächste Mahlzeit ließ Maria aus, denn auf jedem Teller lag ein großes Fleischstück. Maria war Vegetarierin.
Ist es dasselbe Schaf, das sich nun wieder zu mir legt, überlegte Maria, als ein nacktes Schaf neben sie auf die Bank drängte. Zwar gab auch das nackte Tier Wärme ab, aber wollige Schafe waren Maria eindeutig lieber. Sie strickte und dusselte wieder weg.

Als sie wieder einmal aufblickte stand die Doppelflügeltür des Raumes weit offen, Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer, Staub und Wollfasern tanzten in der Luft.
Außer Maria befand sich niemand mehr im Raum. Der Schaukelstuhl war leer, das Radio abgestellt, alle Kursteilnehmerinnen und alle Schafe waren verschwunden. Maria streckte sich. Sie schüttelte ihre Beine aus.

Auf dem Weg zur Tür kam sie an einem Tischchen vorbei. Auf einer Wollarbeit lag ein Zettel mit ihrem Namen. Ich hoffe sehr, Sie einmal wieder bei mir begrüßen zu dürfen!, las Maria. Außerdem gab es eine 10er-Sammelkarte. 10 Mal zahlen, elf ist für umme, stand oben auf der Karte. Das erste Kästchen war mit einem Stempel versehen.
Maria faltete das Kleidungsstück auseinander. Ihr Blut pumpte schneller. Es war ein Pullover mit einem flammenden Herz auf der Vorderseite. Alles mit kräftigen Farben gestrickt: rot und gelb und schwarz auf grauem Grund.
Habe ich den Pullover selbst gestrickt?, überlegte sie. Sie wusste es nicht.

Beseelt trat Maria aus der Tür in die Sonne. Da sie niemanden im Garten traf, ging sie zum Bahnhof. Auch dort war sie allein. Gerne hätte sie sich mit einer der anderen Strickerinnen unterhalten. Was die wohl als Geschenk für das Wochenende erhalten hatten? Und wie gerne hätte sie sich bei Helga Bier bedankt!
So zog sie sich den Pullover über und fuhr durchdrungen von guten Gefühlen nach Hause. Dort angekommen, fiel sie sogleich ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde Marias Pullover bewundert. Maria strahlte. Wortreich bedankte sie sich bei den Kollegen. Wie großartig war dieses Wochenende gewesen, und dass sie das Strickseminar als nächsten Betriebsausflug vorschlagen würde – denn: „Glücklich allein ist die Seele, die strickt.“

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