Geschichten aus Rahlstedt

von Alexander Posch


Ausgabe 1/2021

Im Wäldchen

„Rasier‘ dich und zupf‘ dir auch die Augenbrauen“, bittet mich meine Frau. Wir machen uns fertig,
als würden wir zu einem Konzert in die Elbphilharmonie gehen. Sehen und gesehen werden.
Meine Frau schminkt sich. Ich habe ihr einen neuen Lidschatten mitgebracht, neontürkis mit
Bronzeglitter. Neontürkiser Bronzeglitter ist nicht der Stil meiner Frau, aber in dieser ereignislosen
Zeit bringe ich ihr jedes Mal etwas anderes mit aus dem Supermarkt. Letztes Mal hatte ich ‚Die
flotte Lotte‘ dabei. In der Hygieneabteilung entdeckt. Als wir die Batterien eingelegt hatten,
bewegte sich die Lotte wackelig über die Matratze. Ein zuckender, rosaroter Plastiklappen mit
Noppen. Wir lachten und ließen dann alles beim Alten. Nun also Disco-Lidschatten und gezupfte
Augenbrauen.
So schick gemacht gehen wir ins nahe Wäldchen, das in der Pandemie zum Zentrum unseres
Lebens geworden ist. Es ist der erste Montag im Januar, Zeit für meine Ornithologen-Frau die
monatliche Vogelzählung durchzuführen.
Am Wäldcheneingang überholt uns Frau Engelmann mit neuen Nordic-Walking-Stöcken. Begeistert
hebt sie die bojen-orangen Stöcke in die Höhe. „Ich mache mal ‚ne Runde“, sagt sie. Das Wäldchen
liegt unbelaubt da. Nur wenige Nadelbäume und Eiben geben etwas Sichtschutz. Die Wege sind
vollkommen überlaufen. Weil man nicht Böllern durfte, liegt nun nach Silvester viel weniger Abfall
herum, als in den Vorjahren. Ich denke, ob ich irgendwo Leichenteile entdecken kann, die jemand
zu Neujahr loswerden wollte. Wie immer halte ich Ausschau nach dem Bösen. Aber durchs graue
Geäst sehe ich nur schwatzende Menschen in grellbunter Skibekleidung. Die Besucherhorden haben
viele zusätzliche Wege ins Unterholz getrampelt. Und nirgendwo Leichenteile. Genauso wenig wie
Vögel.
Wir gehen an den Waldrand. Dort liegt die ehemalige Weide. An ihrer Stelle befindet sich nun ein
Binsen umstandener künstlicher Tümpel mit Hügeln drumherum. Hügel und Tümpel wurden als
Ausgleich für die angrenzende würfelkompakte Neubausiedlung geschaffen. Wegen des
Klimawandels nutzten im letzten Jahr einige Flamingos diesen Tümpel erstmalig als
Zwischenstopp. Aber heute bekommen wir keine Flamingos zu Gesicht. Meine Frau und ich lehnen
am Gatter. Neben dem Tümpel macht eine Thai-Chi-Gruppe ihre Übungen. Ihre Matten liegen weit
auseinander. In den Schwarzerlen dahinter schimpft der Kolkrabe. Meine Frau holt ihren Block
heraus. Lächelnd macht sie ein Kreuz ins Kästchen hinter ‚Kolkrabe‘. Das Kästchen hinter
‚Flamingo‘ lässt sie leer. Ich selbst habe die Flamingos nicht gesehen. Aber meine Frau hatte mir
ein Foto gezeigt. Wie sie da grau und unfrisiert am Tümpel standen. Und es deutlich war, dass sie
nicht in unsere Breiten gehören. Auf dem Foto sahen sie mehr nach Graureihern aus. Wir drängeln
uns durch eine Gruppe Radfahrer und gehen weiter.
„Ich habe gerade ein Buch gelesen, wo sie um so ein Wäldchen – allerdings war das ein Wäldchen
voller jüdischer Flüchtlinge – einen Stacheldraht gezogen haben. Und dann kam die SS mit
Maschinengewehren…“, fange ich an zu erzählen.
„Guck mal, ein Rotkehlchen“, sagt meine Frau. Sie macht ein Kreuz in ihre Liste. Das Rotkehlchen
hüpft vor uns über den Weg. Es dreht den Kopf etwas zur Seite und blickt uns an. Der Vogel hat
beeindruckend dünne Beinchen. Dann noch eine Amsel, die über den Weg rennt. Eine
Meisenfamilie und ein Kleiber. Und plötzlich steht uns der Stadtteil-Jäger im Weg. In grüner
Jägerweste, das Gewehr über der Schulter. Er nickt uns zu. Im selben Augenblick platzen seine
Hunde aus dem Unterholz. Sie bellen und fallen aufgeregt übereinander. „Jungs! Jetzt seid doch mal
still!“, sagt der Jäger zu den Hunden. Die setzen sich auf die Hinterläufe, ihre Ohren gespitzt. Dann
erst sehe ich das Seil, das der Jäger in den Händen hält. Das Seil verschwindet im Gebüsch. Leise
sage ich zu meiner Frau: „Jäger ist man nicht zufällig. Jäger wird man, um zu schießen. Schon
Tschechow sagte, ein Gewehr ist zum Schießen da“
Der Jäger hebt einen Finger und guckt seine Hunde an. Er zieht am Seil. Als am Seilende ein halb
zerfetzter Teddybär auf dem Weg erscheint, stürzen sich die Hunde auf das Stofftier. Wieder purzeln
sie übereinander. Erneut fordert der Jäger sie auf, sich zu benehmen. Plötzlich wie versteinert sitzen
die Hunde da. Mit heraushängenden Zungen. Ich denke an die flotte Lotte. Was wir da aufschreiben
würden, fragt uns der Jäger und streckt seine Hand nach dem Block meiner Frau aus. Die hält ihn
weit von ihm weg und antwortet ihm wissenschaftlich. Ich mache ein weiteres Kreuz in meine
Liste. Ich habe eine andere Liste als meine Frau. Ich setze ein Kreuz ins Kästchen hinter dem Wort
‚Jäger‘. Schon mein fünftes Kreuz: NordicWalker, Skijackenträger, ThaiChiTurner, Radfahrer und
nun Jäger.
Weil wir den Weg blockieren, drängelt sich bunt gekleidetes Volk zwischen uns hindurch. Der Jäger
nuschelt etwas und zeigt in Richtung Flamingotümpel. „Buntspecht“, sagt meine Frau und macht
ein Kreuz. Als sich der Jäger einige Schritte entfernt hat, frage ich meine Frau, ob sie verstanden
hat, was er zuletzt gesagt hat.
„Hat er nicht ‚Schwulenwiese‘ gesagt?!“, antwortet sie. „Sieh mal! Da drüben! Ein Baumläufer und
ein Stieglitz!“ Begeistert macht sie zwei Kreuze. Für mich ist bis zu Hause nichts mehr dabei. Nur
noch Skijackenträger.
Als wir durch die Gartenpforte treten, fängt es an zu schneien. Dicke Flocken, die mir sofort den
Mantel bedecken und sein Blau weiß färben. Meine Frau stupst mich an und lächelt.
Dann hören wir einen Schuss. Es ist nicht klar, ob er aus dem Wäldchen kommt oder vom
Fußgängertunnel unter der Bahnstrecke, wo die Stadtteiljugend am liebsten böllert, weil es dort am
lautesten hallt.
„Wo war das?“, frage ich. In meinem Kopf erscheinen Bilder, wie der Vesuv ausbricht und Pompeji
mit Asche bedeckt. Wie meine Frau und ich im Lavagas ersticken.
„Nehmen wir einfach an, der Knall kommt von den Jugendlichen, die ihre Restböller verballern“,
schlägt sie vor.
Ich denke, ich sollte nicht so negativ sein, und lasse Vesuv und Pompeji aus meinem Kopf
verschwinden.
„Was denkst du?“, fragt mich meine Frau.
„Wer heute von uns gewonnen hat. Ich habe fünf Kreuze!“
Meine Frau wedelt mit ihrem Block und lächelt ihr Siegerlächeln.


Ausgabe 4/2020

Rave in Rahlstedt

Schon im März hatten wir vom Rahlstedter Freiluftclub gehört. Aber den ersten Lockdown ließen wir den Freiluftclub Freiluftclubsein. Stattdessen plünderten wir die Kleiderstangen des örtlichen Kostümverleihs: Dirndl und Lederhose fürs Oktoberfest, Förster, Krankenschwester und das Mauerset – wir nahmen alles mit. Zu Hause verkleideten wir uns, setzten uns aufs Sofa und ließen es langsam angehen. Zündeten Kerzen an, genossen das schöne warme Licht und machten Selfies. Einmal nutzten wir das Kerzenwachs zum Enthaaren. Da trugen wir biblische Kostüme.

Aber der Mensch will raus. Und meine alte Stadtteilfreundin Frau Engelmann sagte, sie hätte schon so lange nichts mehr erlebt. Und sich nur noch mit ihren Hühnern zu unterhalten, das sei nichts. Als die Pandemiegebote sich im Juli etwas lockerten, erzählten wir ihr vom Freiluftclub und nahmen sie mit dorthin.

Nach Einbruch der Dunkelheit gingen wir gemeinsam durch den undurchsichtigen Wald zur halbversumpften Wiese am Flüsschen, die im Rahlstedter Ortskern liegt. Seltsamerweise ist das alles bislang von den verschiedensten Bauprojekten unberührt geblieben. Hier leben viele Sträucher und seltene Insekten. Hundebesitzer freuen sich ohne Gassibeutel unterwegs sein zu können, denn die Sträucher wachsen hoch und Hinterlassenschaften sind kaum zu entdecken. Diesen Vorteil nutzen auch die Kunden des Fastfoods hinten an der Schnellstraße, der mit dem Tankstellengebäude verschmolzen ist. Auch die lokale Drogenszene ist vertreten. Und so laufen wir zwischen Hundekot, alten Styroporverpackungen und Spritzen herum und folgen dem Beat.

Als wir auf die Wiese treten, vibriert der Boden und Frau Engelmann sagt: „Das hier ist ein wichtiges Biotop! Hier brütet die Rohrdommel.“

Fluorierende Bänder markieren den Platz für die Tänzer. Ein leuchtendes Gitter liegt über der gesamten Wiese. Bunte Masken überall.

„Aber es ist Juli“, sage ich. „Hier brütet nichts mehr.“ Meine Frau nickt. Sie ist Ornithologin. Ich weiß nicht, ob sie mich richtig versteht mit meiner Maske. Man versteht sein Gegenüber nicht so gut. Aber ich verstehe, dass meine Frau tanzen will.

Wir wippen im Rhythmus. Wir bewegen uns wie Katzen auf dem heißen Blechdach. Jeder in seinem Tanzquadrat.

„Ja, das ist gut! Sofort anfangen, wenn man kommt!“, sagt einer der jungen Tänzer neben uns. „Denn später kommt immer die Polizei.“

Die Wiese füllt sich immer mehr. Ich rieche Haschisch. Ein Mann geht mit einer Blechbüchse herum. Er sammelt Geld für die DJs. Die stehen im Zentrum der Tanzenden an einem portablen DJ-Set.

„Ich habe früher gerne den Elvis gehört“, sagt Frau Engelmann. „Das war auch so schöne Musik.“ Sie winkelt die Arme an und dreht ihren Oberkörper nach links und rechts.

Nach einer ganzen Weile holen wir uns Energiedrinks beim Fastfood an der Schnellstraße. Meine Frau und ich sind so alt, dass wir keine anderen Drogen mehr brauchen. Von Frau Engelmann müssen wir gar nicht reden. Die jungen Tänzer trampeln mit nicht nachlassender Energie die Wiese platt.

„Wir sind das Zentrum des Universums!“, brüllt mir ein Raver ins Ohr. „Alles gruppiert sich um uns herum!“ Ich nicke und tanze wieder. Meine Frau tanzt neben mir und auch Frau Engelmann wiegt sich rhythmisch auf der Wiese. Über uns die Sterne.

Doch schon bald funktionieren unsere Beine nicht mehr. Es ist anders als vor 25 Jahren. Auch unsere Lungen fühlen sich an, als seien sie perforiert und verlören Luft auch ohne dass wir ausatmen. Da hilft kein Energiedrink. Unsere Masken sind durchgeschwitzt, wir stellen uns an den Wiesenrand. Dort ist es ein wenig leiser.

„Weißt du noch“, frage ich meine Frau, „wie wir in den zu Clubs umgebauten Etablissements auf dem Kiez getanzt haben. Wo die Pufftapeten noch an den Wänden hingen und überall waren Separees, in die man sich fleezen konnte – aber statt Schaumwein gab es nur noch Flaschenbier und auf der winzigen und aus Spiegeln bestehenden Tanzfläche tanzten keine Nackten mehr!? Die Fläche war noch kleiner als die Tanzquadrate hier!“

„Weißt du noch“, fragt mich meine Frau, „wie du an Carolas Hals hingst, als du ich-weiß-nicht-wie-viele Tequila Sunrise getrunken hattest damals im U-Bootbunker? Und wie ich mit dir Schluss gemacht habe deswegen. Aber später kamen wir wieder zusammen und dann war es besser.“

„Lange her“, sage ich. „ECHT lange her!“ Und ich erinnere mich daran, dass ich in einer dieser Subkulturkneipen die schweißige Achsel von Ilona leckte, das war die Freundin, die ich hatte, als meine Frau mit mir Schluss gemacht hatte. Würde ich heute nicht mehr machen, denke ich.

„Wollen Sie noch mal tanzen?“, fragt Frau Engelmann.

„Gerade nicht“, antworten wir. Und so lehnen wir an alten Baumstämmen und beobachten, wie sich schwarze Silhouetten rhythmisch vor dem heller erscheinenden Waldhintergrund bewegen. Immer wieder setzt die Musik sekundenlang aus. Sei es, weil das Stromaggregat schwächelt, sei es, weil einer der Raver in die Anlage getanzt ist.

In einer dieser Pausen stößt mich meine Frau an: „Hör mal! Da! Eine Rohrdommel.“ Frau Engelmann, ich, meine Frau – wir lauschen. Ich gucke über das fahle Schilfgras in Richtung Schleswig-Holstein, von wo der neue Tag heraufdämmern wird. Sanft wird das jungfräuliche Licht durch den Wald scheinen und sich auf die Weiden am Flüsschen legen. Aber eine Rohrdommel kann ich beim besten Willen nicht hören, dazu sind die Polizeisirenen zu laut. Blaues Licht flackert zwischen den Stämmen.

Als die ersten Polizeiwagen auf die Wiese fahren und über Megaphon verkünden: Die Wiese wird geräumt! Hier brütet die Rohrdommel nimmt mich meine Frau am Arm und pfeift mir den Ruf des Vogels ins Ohr. Ja, jetzt höre ich sie doch, die Rohrdommel. Um mich herum ist es hektisch, Flüchtende, Polizisten, die uns anrempeln, und dann dieses zarte Pfeifen, wie ein milder Tinnitus. Ich denke: Meine nächste Anschaffung wird ein Hörgerät sein. Im Durcheinander verlieren wir Frau Engelmann. Aber sie ist alt genug. Sie wird alleine zurück nach Hause finden.

„Ich bin müde“, sage ich zu meiner Frau. Sie zieht mich stärker an sich. „Bald sind wir zu Hause“, sagt sie. „Folge nur dem Ruf der Rohrdommel.“

‚Stubenhocker‘, die Kunstzeitschrift mit sieben neuen Geschichten von Lars Dahms und Alexander Posch und Illustrationen von Thomas Tannenberg ist erschienen. Für 10,- Euro (+ Porto 1,45 Euro) direkt beim Autor erhältlich: appoche@gmx.de


Ausgabe 3/20202

Geschichten aus Rahlstedt
Schwimmen gehen

Meine Frau arbeitet zu Hause: Homeoffice. Wir stören und sollen den Nachmittag im Freibad verbringen. Also gehe ich mit meinem fünfjährigen Sohn in das Freibad meiner Jugend. Das Bad liegt direkt neben dem Friedhof. Auf einer großen Reklametafel, die zwischen den beiden öffentlichen Orten steht, wirbt der Stadtteil-Konditor mit dem Slogan: ‚So gut, dass die Toten auferstehen!‘. Auf dem Plakat steigt eine lachende Frau im Bikini aus einer rosafarbenen Torte. Hier in Rahlstedt sind die Wege kurz. Alles liegt nah beieinander: Vergnügen und Tod, gestern und heute.

Als ich jung war, war das Bad nur eine mit Regenwasser vollgelaufene Tongrube. Vor einiger Zeit hat die Stadt weißen Sand aufgeschüttet. Die Tongrube heißt jetzt ‚Kupa piti‘ und ist ein Beach Club, wo die Leute in Liegestühlen am Wasser sitzen und Cocktails trinken. Alles wirkt noch provinzieller als zu meiner Zeit.

Am Strand breiten wir unsere Handtücher aus. Mein Sohn stupst mich an, als wir uns umziehen: „Papa, erzähl von früher, als du hier schwimmen warst!“ Also erzähle ich von der Eisenbahn, die auf dem Seegrund verrostet. Und ich erwähne das Flugzeug, das im 2.Weltkrieg notlanden wollte, aber im See versank. Ich berichte von dem riesigen Wels, der tief unten im Schwarzwasser lebt. Schwimmt man zu weit hinaus, kitzelt er einen zunächst mit seinen Barteln, dann beißt er dem Schwimmer in die Füße und zieht ihn ins Dunkel hinab. Und ich erzähle von den eiskalten Strömungen, die dem See unterirdisch zufließen, so dass man augenblicklich schockgefrieren und ertrinken kann, hat man das Pech, in eine solche Strömung zu geraten.

Mein Sohn steht in seiner Badehose direkt am Ufer. Das Wasser ist zehn Zentimeter von seinen Zehenspitzen entfernt, aber er macht keine Anstalten sich weiter nach vorne zu bewegen.

„Willst du nicht reingehen?“, frage ich. Mein Sohn schüttelt den Kopf. Er will ein Eis.

Ich schwimme eine kleine Runde. Mein Sohn bleibt mit seinem Eis auf dem Handtuch sitzen.

Nach einer Viertelstunde bin ich zurück und trockne mich ab. Wir packen zusammen.

„Gibt es denn keine guten Geschichten von dem See?“,  fragt mein Sohn, als wir aus dem Freibad gehen. „Etwas mit Tieren? Aber mit netten Tieren?“

„Doch“, sage ich. „Es gibt eine Seehundgeschichte. Denn einmal hatte sich ein Seehund ins Freibad verirrt“, erzähle ich. „Das war ein extremer Winter, als sogar die ins Freibad einfließende Wandse zugefroren war. Und der See selbst war natürlich auch zugefroren. Niemand wusste, woher der Seehund kam. Das Tier lag ganz gemütlich auf den Eisschollen. Und von Zeit zu Zeit schlüpfte der Seehund durch ein Loch im Eis und fing sich einen Fisch. Aber dann hat ihn ein verrückter Angler erschossen. Das Seehundblut, so ein kräftiges Rot auf dem Weiß, das konnte man noch wochenlang auf den Eisschollen sehen.“

„Seehundblut“, murmelt mein Sohn. „Wie hieß denn der Seehund, Papa?“

„Na, das ist ja eine alte Geschichte“, sage ich, „Da war ich noch ein kleiner Junge. Vielleicht hieß der Seehund Wolfgang, so wie Opa?“

Mein Sohn sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er. „Nicht Wolfgang – ich glaube, der Seehund hieß Fuchsgang.

„Ja, dann eben Fuchsgang. Kann schon sein“, sage ich. Und in diesem Moment merke ich, dass ich mich schon unendlich weit vom Kindsein entfernt habe.

„Erzähl noch mehr von früher, Papa!“, drängelt mein Sohn.

„Na gut“, sage ich. „Wenn ich in den Sommerferien bei meiner Oma zu Besuch war, musste ich sie überallhin begleiten. Sie ging mit mir zur Post, zum Supermarkt, überallhin. Und sie ging in etwa so.“ Ich gehe nun so zügig, dass mein Sohn neben mir hergaloppieren muss.

Er lacht. Höre ich auf, so schnell zu gehen, sagt er: „Мach wieder so, wie die Oma geht!“

„Ihr seid aber schnell wieder da“, wundert sich meine Frau als wir zur Haustür hereinkommen. Wir waren keine Stunde weg.

„Im Freibad – da war zu viel Seehundblut“, sagt mein Sohn. Ich nicke.


Ausgabe 1/2020

Geschichten aus Rahlstedt
Ein Seminar auf dem Land

Helga Bier, so wurde die Frau genannt, die ihnen den Platz zuwies. Es waren einfache Holzbänke, man saß zu zweit auf einer Bank, weit genug voneinander entfernt, so dass sich die Ellenbogen nicht berührten.
Die Bänke waren nach vorne ausgerichtet, wo Helga Bier auf einem einzelnen hölzernen Schaukelstuhl saß wie eine billige Königin.
Am Nagel eines Deckenbalkens über ihr war ein Transistorradio befestigt, aus dem beschwingte folkloristische Musik kam.
Um den Schaukelstuhl verteilt standen einige Windlichter. Das Poster hinter ihr an der Wand war nur schlecht beleuchtet. Auf ihm waren die unterschiedlichsten Strickarten dargestellt: Rechts, links, Strukturmuster, Patent, die arabische Reihe, die halbe Perle, die vollendete Perle, Ajour.
Von drei Reihen bebilderter Strickarten kannte Maria nur das linke und das rechte Stricken.

Ihre Kollegen aus dem Büro hatten ihr ein Strickwochenende geschenkt. Wie immer war es ein Verlegenheitsgeschenk gewesen – die männlichen Kollegen bekamen zu jedem Geburtstag eine Krawatte, die Frauen erhielten ‚ein Präsent der Saison‘, also einen Yogakurs oder eine Einführung ins Intervallfasten. Und als Maria Geburtstag hatte, berichteten die Blogger und Frauenzeitschriften gerade vermehrt über die neue Trend-Handarbeit Stricken.

Maria erinnerte sich, dass sie das letzte Mal bei Frau Melzer in der vierten Klasse gestrickt hatte. Dies war überhaupt das einzige Mal gewesen, dass sie gestrickt hatte. Sie strickte einen dunkelblauen Schal für ihren Vater. Als sie eine Masche fallen ließ, ribbelte der Schal auf. Ihre aufmerksame Lehrerin nahm die Masche weiter unten notdürftig wieder auf, aber der Schal sah aus, als hätte eine Motte an ihm gefressen.
Marias Vater freute sich über das Geschenk, so wie sich ein Vater über etwas Selbstgemachtes seiner Kinder freut. Dann wusch Marias Mutter den Schal zu heiß und er schnurrte auf die Hälfte seiner Größe zusammen, schließlich war er ganz verschwunden.

‚Bitte unbedingt Arbeitskleidung anziehen‘, stand auf dem Anmeldeformular für das geschenkte Strickwochenende.
So war Maria nicht allein mit ihrer schlecht sitzenden Kleidung. Sie hatte ihre Malkleidung aus der untersten Schublade des Schranks angezogen: Ein grotesk großes, weiß besprenkeltes Männerhemd, das sie einmal auf einem Clownlehrgang bekommen hatte sowie eine fleckige Jeans, die ihr kaum noch passte, wie sie beim Hineinschlüpfen feststellte. Die Renovierung ihrer Wohnung lag einige Jahre zurück, Maria ließ den obersten Knopf offen stehen.

Die anderen Frauen trugen ebenfalls Unmögliches. Besonders beeindruckt war Maria von einer Frau mit einem Einteiler. Der Einteiler war kakifarben und mit goldener und rosa Farbe bespritzt. Auf dem Kopf trug die Frau eine ausgefranste orange Schülerlotsenmütze. Aber hier ging es um ein Handarbeitswochenende, nicht um einen Kurs zum Flirten.
Welch ein Glück, dachte Maria, denn ihre Kollegin Mandy bekam vor zwei Jahren einen Flirtkurs zum Geburtstag geschenkt und hatte sich nach diesem Wochenende einen anderen Arbeitsplatz gesucht.

Wie dem auch sei, die am Strickkurs teilnehmenden Frauen, die sich schließlich auf dem Bahnsteig in der Lüneburger Heide sammelten, waren durch die Art ihrer Bekleidung schon im Zug zu erkennen gewesen.
Spätestens am Treffpunkt, der an eine rasch zusammengezimmerte Theaterkulisse erinnerte, war dem knappen Dutzend Frauen klar, dass sie alle stricken würden, denn außer ihnen verließ kaum jemand den Zug. Es war Hauptverkehrszeit, Freitagnachmittag. Mit ihnen stieg nur noch ein Mann aus, der einen Käfig voll zischender Marder dabei hatte. Trotz der Größe des Käfigs war der Mann sogleich auf einem der Sandwege verschwunden, ebenso schnell, wie die beiden Jungen, die im Jugendslang miteinander sprachen und sich mit ihren Handys beschäftigten.

Die verbliebenden Frauen unterhielten sich lebhaft über das bevorstehende Seminar. Kein Mann war dabei. Maria wunderte sich nicht darüber. Suspekt hatte sie gefunden, dass auf dem Anmeldeformular weder eine Adresse noch eine Telefonnummer gestanden hatte, einzig diese abgelegene Haltestelle war dort als Treffpunkt genannt worden.
Aber Maria fühlte sich wohl in der Gruppe, und als eine Frau aus dem Dämmerlicht neben dem Bahnhofsunterstand trat, um sie zu begrüßen, verließen Maria jegliche Zweifel.

Maria saß im Dämmerlicht des Raumes und strickte nach den Anweisungen der sanft vor und zurück schaukelnden Helga Bier.
‚Pullover – Kindergröße 136, halbe Perle‘, hörte Maria. Erst war sie unsicher, wie sie beginnen sollte. Sie sah nach links zu ihrer Banknachbarin, die sofort zu arbeiten begonnen hatte, dann strickte auch sie los, anfangs immer noch einmal mit einem Blick zur Seite, um ihre Technik zu verbessern.

Jede der Kursteilnehmerinnen hatte einen geflochtenen Korb mit einem Haufen von Wollknäueln neben der Bank stehen. Angenehm drang das Klappern der Stricknadeln an Marias Ohr, vermengt mit dem leisen Radio und verschiedenen Geräuschen, die aus einem Raum hinter Helga Biers Schaukelstuhl kamen. Drängende Geräusche, ein dauerndes gedämpftes Klopfen und Schaben und Mähen.
In ihrem zu großen Hemd fühlte sich Maria frei. Sie arbeitete schnell und verfiel durch die verschiedenen Geräusche bald in eine Art Trance.

„Habt ihr etwas fertig?“, fragte Helga Bier in regelmäßigen Abständen. Wurde ihr ein fertig gestricktes Teil gemeldet, dann rutschte ein kleiner Hund unter den Bankreihen entlang, nahm die Strickarbeit vorsichtig ins Maul und trug sie nach vorne zu seiner Herrin. Diese begutachtete sie und besserte eventuelle Schwächen aus. Der Raum war gefüllt mit einer Atmosphäre äußerster Konzentration.

Maria spürte ihrem Atem nach und strickte wie im Traum. Sie merkte, dass sie nicht mehr an dem Pullover strickte, mit dem sie begonnen hatte, auch einen Babystrampler hatte sie wohl in diesem schlafähnlichen Zustand vollendet, nun war sie mit einer großen Decke beschäftigt. Sie atmete ein und aus.

Eigenartig fand sie nur, dass sich niemand miteinander unterhielt – unterhalten durfte. Kam es vor, dass zwei Strickerinnen ein Gespräch begannen, dann wurde das Radio lauter, so laut, dass es in den Ohren schmerzte. Verstummten daraufhin die Anwesenden, regulierte sich die Lautstärke des Radios wieder auf eine angenehme Zimmerlautstärke.
Maria hielt den Mund. Sie folgte ihrem Atem und strickte. Je nach Größe des geforderten Kleidungsstücks, je nach seiner handwerklichen Schwierigkeit vollendete sie Stück um Stück und überließ es dann dem apportierenden Hund.

Immer weitere von Helga Bier geforderte Strickvorgaben säuselten an ihr Ohr. Das Radio lief ohne Unterlass. Ab und zu schlief Maria ein. Anhand des Dämmerlichts im Raum war es nicht zu erkennen ob es noch Tag oder schon Nacht war. Maria glaubte, es sei Nacht, denn außer einem dünnen Ton, der sich wie ein leise rieselnder Bach anhörte, bemerkte sie nichts. Keine Befehle oder Fragen von Helga Bier, die eher für den Tag sprachen, kein Hund, der unter die Bänke schlüpfte. Dann aber sagte doch wieder eine Stimme von vorne ‚links, links, links‘ nur dieses Mal in einem etwas langsameren Tempo: ‚Patent, kurzes Abendkleid‘. Sie empfand die Stimme so schön wie ein Wiegenlied.

Doch irgendwann bemerkte Maria, dass ihre Haare matt wurden. Sie fielen ihr nicht mehr so leicht auf die Schulten. Sie roch daran. Ihre Haare waren fettig. Sie überlegte, wann sie zuletzt geduscht hatte. Ihr ganzer Körper fühlte sich so an, als habe sie bereits eine ganze Woche in dem Zimmer verbracht. Wie konnte das sein? Allerdings drangen neben dem Fettgeruch ihrer Haare auch die Gerüche der mit ihr Arbeitenden in die Nase. Aber all das war ihr nicht wirklich unangenehm. Es war warm, sie bekam regelmäßig zu essen und zu trinken und auch die Holzbänke waren viel bequemer, als Maria zunächst vermutet hatte.
Fand sie sonst manche Nacht in ihrem eigenen Bett nicht gut in den Schlaf, weil die Dinge des Lebens sie noch beschäftigten, so konnte sie hier im Strickkurs hervorragend schlafen. Im Sitzen und auf der harten Holzbank. Und von einem Moment auf den anderen.

Für die Notdurft wurde eine Schüssel durch die Reihen gereicht, ähnlich wie der Korb für die Kollekte in der Kirche, in den jeder etwas hineinlegen konnte. Maria schämte sich beim ersten Mal. Was ist denn das für eine Idee?!, dachte sie. Ja, wenn sie einen Rock angezogen hätte, so wie ihre Banknachbarin. Aber einige Zeit später, als die Schüssel wieder durch die Reihen ging, gelang es ihr sich aus der Hose zu schälen und nach getaner Verrichtung reichte sie die Schüssel nach hinten weiter. Alles war im Fluss. Maria fühlte, dass Raum und Zeit eine Einheit bildeten. Unentwirrbar. Der ewige Frieden. Maria ließ sich treiben, strickte und atmete. Nickte ein.

Genau in dem Moment, als sich die Wand hinter Helga Bier – ähnlich wie eine automatische Garagenwand – öffnete und die Schafherde in den Raum strömte, erwachte Maria aus traumlosem Schlummer.
Schafe streiften durch die Reihen. Ein besonders vorwitziges sprang zu Maria auf die Bank und legte sich eingekuschelt zwischen sie und ihre Nachbarin. Warm war das Schaf und es roch streng.
Fast im selben Augenblick erhellte ein greller Blitz den Raum und das Radio klang fremdländisch. Die polkaeske Musik verzerrte, der Takt wechselte, die Stimmen der Singenden leierten. Dann verstummte das Radio, Funken sprühten um den Nagel am Deckenbalken. Maria sah, wie der Schatten eines Schafs zu Boden fiel.

Aber dann verliefen die sich an den Zwischenfall anschließenden Stunden so harmonisch wie immer. Man strickte, der Hund holte sich die fertige Ware, das Radio surrte im Wechsel mit der Schermaschine, mit der Frau Bier die Schafe schor. Nur die nächste Mahlzeit ließ Maria aus, denn auf jedem Teller lag ein großes Fleischstück. Maria war Vegetarierin.
Ist es dasselbe Schaf, das sich nun wieder zu mir legt, überlegte Maria, als ein nacktes Schaf neben sie auf die Bank drängte. Zwar gab auch das nackte Tier Wärme ab, aber wollige Schafe waren Maria eindeutig lieber. Sie strickte und dusselte wieder weg.

Als sie wieder einmal aufblickte stand die Doppelflügeltür des Raumes weit offen, Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer, Staub und Wollfasern tanzten in der Luft.
Außer Maria befand sich niemand mehr im Raum. Der Schaukelstuhl war leer, das Radio abgestellt, alle Kursteilnehmerinnen und alle Schafe waren verschwunden. Maria streckte sich. Sie schüttelte ihre Beine aus.

Auf dem Weg zur Tür kam sie an einem Tischchen vorbei. Auf einer Wollarbeit lag ein Zettel mit ihrem Namen. Ich hoffe sehr, Sie einmal wieder bei mir begrüßen zu dürfen!, las Maria. Außerdem gab es eine 10er-Sammelkarte. 10 Mal zahlen, elf ist für umme, stand oben auf der Karte. Das erste Kästchen war mit einem Stempel versehen.
Maria faltete das Kleidungsstück auseinander. Ihr Blut pumpte schneller. Es war ein Pullover mit einem flammenden Herz auf der Vorderseite. Alles mit kräftigen Farben gestrickt: rot und gelb und schwarz auf grauem Grund.
Habe ich den Pullover selbst gestrickt?, überlegte sie. Sie wusste es nicht.

Beseelt trat Maria aus der Tür in die Sonne. Da sie niemanden im Garten traf, ging sie zum Bahnhof. Auch dort war sie allein. Gerne hätte sie sich mit einer der anderen Strickerinnen unterhalten. Was die wohl als Geschenk für das Wochenende erhalten hatten? Und wie gerne hätte sie sich bei Helga Bier bedankt!
So zog sie sich den Pullover über und fuhr durchdrungen von guten Gefühlen nach Hause. Dort angekommen, fiel sie sogleich ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde Marias Pullover bewundert. Maria strahlte. Wortreich bedankte sie sich bei den Kollegen. Wie großartig war dieses Wochenende gewesen, und dass sie das Strickseminar als nächsten Betriebsausflug vorschlagen würde – denn: „Glücklich allein ist die Seele, die strickt.“

Mehr über den Autor auf http://www.literaturagentur-brinkmann.de/autoren/alexander-posch.html

Zurück zu den anderen Kolumnen