Sich im Streit wieder verbinden

„Zieh die Jacke an, wir müssen los!“ „Nein, ich will noch spielen!“ „Wir kommen zu spät. Zieh dich jetzt an!“ „Nein!“ „Es reicht mir! Wir gehen heute Nachmittag nicht mehr Eis essen!“ Solche oder ähnliche Streitgespräche bekomme ich von Eltern häufig beschrieben. Meistens wünschen sie sich, dass sie den Konflikt anders hätten lösen können und fragen sich, was schief gelaufen ist.

Wann entsteht Streit?
Eltern streiten mit Kindern häufig über das Missachten von Regeln und (persönlichen) Grenzen oder über ein Verhalten, das sie nicht tolerieren wollen. Darüber zu diskutieren und zu verhandeln ist völlig in Ordnung. Doch oft werden wir dabei laut und verletzend. Es kommt vor, dass Eltern eine Strafe aussprechen, ihr Kind grob anfassen oder Worte sagen, durch die sie Kinder abwerten: „Nichts kannst du allein!“ Dass das nicht ok ist, spüren wir reflektierten Eltern eigentlich schon in dem Moment, in dem es geschieht. Anschließend fühlen wir uns schuldig, schließlich sind doch wir die Erwachsenen, die ihre Gefühle eigentlich regulieren können sollten. Wir möchten mit gutem Beispiel voran gehen und unsere Kinder nicht verletzen.
Warum klappt es dann so oft nicht?

Die Aggression ist Schuld
Aggression, die verletzendem Handeln oft zugrunde liegt, kann durch das Gefühl von Hilflosigkeit entstehen oder wenn wir uns nicht wert geschätzt fühlen. Schreit das Baby und wir können es nicht beruhigen, isst ein Kind nicht und wir sorgen uns um seine Gesundheit, fühlen wir uns hilflos. Provoziert uns ein Kind, indem es an allem herum meckert, glauben wir, dass der geliebte kleine Mensch nicht anerkennt, was wir ihm zuliebe alles tun. Dann können Emotionen überkochen. Wir brüllen oder handeln unfair. Schon wieder. Erneut schlagen die Schuldgefühle zu und machen alles noch schlimmer. Denn wenn Eltern die Ansicht verinnerlichen, dass sie schlechte Eltern sind, kann es passieren, dass sie immer wieder unfair handeln und diese Meinung so bestätigen.

Gegensätzliche Bedürfnisse
Das Kind hat ein Bedürfnis. Es will zum Beispiel weiter spielen. Mama oder Papa haben ein anderes Bedürfnis. Sie wollen sich an Zeitabsprachen halten und pünktlich sein. Beide Bedürfnisse passen nicht zusammen. Häufig übergehen Eltern das Anliegen der Kinder, weil sie glauben, dass sie besser wissen, was gerade wichtig für das Kind oder den Tagesablauf ist. Das Bedürfnis des Kindes ist somit nicht gleichwertig. Dadurch fühlen sich Kinder in ihrer Würde verletzt. Besonders, wenn am Ende auch noch das geliebte Eis gestrichen wird. Stellen wir uns vor, dass mit uns so umgegangen würde, in Partnerschaft oder Berufsleben, können wir nachvollziehen, dass die Beziehung darunter leidet. Kinder haben den Wunsch nach Aufrechterhaltung ihrer Würde, genau wie wir Erwachsenen. Darum protestieren sie. Bleibt ihr Protest erfolglos, kämpfen sie vielleicht an anderer Stelle mit uns, um sich dort durchzusetzen. Ein Nährboden für Machtkämpfe. Auch Kinder möchten, dass wir sie wert schätzen. Mangelnde Wertschätzung und Hilflosigkeit kann auch sie aggressiv machen.
Wie können wir aus diesem Kreislauf aussteigen?

Verbindung herstellen
In einem Streit verlieren wir kurzzeitig die Verbindung zu unserem Kind. Ein Weg, um aus dieser „Streitfalle“ auszusteigen, besteht darin, unsere emotionale Verbindung wieder herzustellen, z.B. durch echtes Verständnis: „Ich würde dir gerne sagen, was ich von dir verstanden habe.“ Der Fokus sollte auf den Gefühlen und Bedürfnissen liegen: „Du bist sauer, weil du so gerne weiter spielen würdest, oder?“ Fühlen sich die Kinder verstanden, steigt das Gefühl der Wertschätzung und die Kooperationsbereitschaft. Stimmt unsere Vermutung nicht, fragen wir auf einfühlende Weise weiter, bis wir eine Idee davon bekommen, um was es wirklich geht. Vielleicht ist der beste Freund heute nicht in der Kita und das Kind fühlt sich dort allein? Wir könnten auch fragen, was das Kind gerade von uns verstanden hat. Manchmal liegt nur ein Missverständnis vor. Wenn wir uns gegenseitig gut verstanden haben, können wir Verbindungsfragen formulieren: „Wie geht es dir mit dem, was ich dir gerade gesagt habe?“

Sind wir verbunden, können wir Kompromisse finden
Wir spüren deutlich, wenn wir wieder in Kontakt miteinander sind. Der Ton wird ruhiger, wir haben Blickkontakt, Körper und Mimik entspannen sich. Die Aggression auf beiden Seiten verfliegt. Nun können wir unsere gegensätzlichen Bedürfnisse offen legen: Ich möchte dies, du möchtest das. Wie können wir das hinkriegen? Oft sind Kinder sehr kompromissbereit, wenn sie merken, dass ihr Bedürfnis als gleichwertig anerkannt wird. Wenn es nicht direkt erfüllt werden kann, können wir signalisieren: Ich habe das gehört und ich kümmere mich darum, dass wir z.B. nach der Kita genug Zeit haben, um weiter zu spielen. Dieser Weg braucht ein wenig Übung. Zu Beginn dauert es vielleicht etwas länger. Doch wenn wir uns darin üben, auf die Bedürfnisse und Gefühle der Kinder zu sehen, kommen wir immer schneller zum Kern des Konflikts und damit zu einer Lösung, die für alle schöner ist, als ein gekränktes Kind in der Kita abzugeben und dann mit Schuldgefühlen oder wütend zur Arbeit zu fahren. Und aufs Eis am Nachmittag müssen wir dann auch nicht verzichten.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Alle Informationen gibt es auf der Website: www.Jessica-Rother.de