„Mehr Harmonie bitte!“ Streitauslöser erkennen und vermeiden

Im letzten Heft ging es darum, wie Eltern und Kinder sich in Streitsituationen wieder verbinden können. Schön wäre es, gar nicht erst zu streiten, doch das wird nicht vollends gelingen. Wir haben unterschiedliche Charaktere, Meinungen und Bedürfnisse. Diese stehen sich zuweilen entgegen und müssen ausgehandelt werden. Wenn Kinder sich an ihren Eltern reiben, suchen sie manchmal gezielt den Widerstand, um zu verstehen, wie ihre Eltern funktionieren und wo ihre Grenzen sind. Reibung hat also auch Sinn. Trotzdem würden wir einige Konflikte gerne vermeiden. Hilfreich ist es, typische Streitauslöser zu kennen und ihnen vorzubeugen. Einige Beispiele:
Fragen stellen, die keine sind
Oft stellen Eltern eine Frage, um die Aufforderung dahinter zu verbergen und nett zu wirken. „Wollen wir jetzt die Schuhe anziehen?“ „Räumst du schon mal auf?“ Meistens hören wir ein „Nein“ und das zu recht. Wenn wir eine Frage stellen, müssen wir auch die Antwort akzeptieren.
Alternative: Eltern sollten Kindern klar sagen was sie wollen und die Aufforderung nicht hinter einer Frage verstecken: „Ich möchte, dass du deine Schuhe anziehst.“ oder eine Wahlmöglichkeit anbieten, die für sie vertretbar ist. „Möchtest du Schuhe anziehen oder Stiefel?“ Klar ist, eins von beiden wird angezogen. „Möchtest du vor dem Abendessen aufräumen oder direkt danach?“ Das Kind kann entscheiden, aber aufgeräumt wird auf jeden Fall. Wählt es nach dem Essen, kann man es dann freundlich daran erinnern. Wichtig ist hier das kleine Wörtchen „direkt“. Sonst könnte „nach dem Essen“ ein dehnbarer Zeitraum sein, der Nährboden für Streit bietet.
Abrupte Auf- und Abbrüche
Kinder leben im Hier und Jetzt. Schön vertieft ins Spiel auf dem Spielplatz, ruft Mama plötzlich: „Max und Maja! Kommt! Wir wollen jetzt nach Hause!“ Auf diesen unverhofften Aufbruch reagieren Kinder mit Protest oder mit Verhandlungen. Das kann anstrengend sein und Streit fördern.
Alternative: Übergänge ermöglichen. Kinder können sich innerlich vorbereiten, wenn Eltern rechtzeitig ankündigen, was passieren wird. Eventuell zwei oder drei Mal. „Wir müssen bald nach Hause gehen.“ Später: „Noch 2x Mal rutschen, dann gehen wir los.“ Mit älteren Kindern kann verhandelt werden: „Ich möchte bald nach Hause, denn wir wollen noch einkaufen. Was möchtest du noch zwei Mal machen, bevor wir gehen?“ Dann sollten wir auch gehen und nicht verhandeln. Sonst gibt es auch beim nächsten Mal Diskussionen.
Zu zweit auf das Kind einreden
Mama diskutiert mit Lea über heruntergeworfene Bauklötze. Lea will sie nicht aufheben. Papa meint es gut, möchte unterstützen: „Lea, mach was Mama sagt. Heb die Klötze auf!“ Lea verschließt sich oder beginnt zu kämpfen, denn zwei gegen einen empfinden selbst kleine Kinder als unfair.
Alternative: Eigene Grenzen und Regeln selbst aushandeln. Greift der Vater öfter ein, wirkt die Mutter unglaubwürdig, weil sie sich nicht selbst durchsetzt. Lea und Mama müssen ihren eigenen Weg finden, die Situation zu klären. Wenn Mama die Klötze selbst aufhebt oder so lange wartet, bis Lea es tut oder sich zurückzieht, weil sie merkt, dass sie in einem Machtkampf steckt, ist das ihre Entscheidung. Papa muss das aushalten, auch wenn er selbst anders handeln würde.
Unklare Regeln/Ambivalenz
Mal ist es erlaubt, das Brötchen im Zimmer zu essen, mal gibt es dann Ärger. Das soll einer verstehen. Wenn eine Regel heute gilt und morgen nicht, sie also diskutabel ist, merken Kinder es und testen aus oder diskutieren. Haben Eltern dann keinen guten Tag, kann schnell Streit entstehen.
Alternative: Feste Regeln und Grenzen sind für Kinder leichter einzuhalten, weil sie klar sind. Eltern wiederrum fällt das Durchsetzen leichter, wenn sie eine Regel vor sich selbst gut begründen können. Straßenverkehr ist ein gutes Beispiel. Es droht Gefahr und wir sagen „Stopp!“, ohne Verhandlung. Da sind wir ganz deutlich. Sinnvoll ist es auch, Regeln, die wir nicht begründen können, zu überdenken. Vielleicht können wir an dieser Stelle gelassener werden oder diesen Punkt ganz streichen. Das kann das Familienleben entlasten.
Das Kind ist „drüber“
Müdigkeit, Hunger, Ruhe, Rückzug, diese wichtigen Bedürfnisse äußern Kinder häufig nicht. Eher werden sie übellaunig und Streit entsteht. Manchmal haben Kinder auch keine Chance, ihr Bedürfnis nach Ruhe zu erfüllen, wenn Eltern sie nach der Kita noch zum Turnen oder Einkaufen mitnehmen.
Alternative: Kinder im Blick haben. Durch Beobachten können Eltern herausfinden, wann die Kinder beginnen zu nörgeln und erkennen, was sie in diesem Moment brauchen. Vielleicht ist das Turnen nach einem langen Kita-Tag eine Überforderung? Vielleicht muss das Kind früher ins Bett? Geregelte Essenszeiten können dem „Hungerloch“ vorbeugen. Gleiches gilt für die Bedürfnisse der Eltern. Zu beobachten, wann wir dünnhäutig werden, kann helfen vorzubeugen. Vielleicht isst Papa noch eine Banane bevor er die Tochter aus der Kita abholt, weil Hunger seinen Nerven nicht gut tut?
Die Liste ist nicht vollständig. Wir werden noch oft streiten. Gut so. Denn Konflikte sind wichtig für die Entwicklung von Kindern. Sie lernen sich zu behaupten, ihre Meinung zu vertreten, Kompromisse auszuhandeln, zurückzustecken, Disharmonie auszuhalten und sich wieder zu vertragen. Wenn also der nächste Streit nicht vermeidbar ist, sehen wir ihn doch einfach als Erwerb von Kompetenzen, die unsere Kinder fürs Leben stärken.


Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Aktuelle Termine und weitere Informationen finden Sie auf meiner Website: www.Jessica-Rother.de und bei Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoachin