Der Herbst ist da. Er macht uns Stress. Heihussassa

Mit steigender Regenwahrscheinlichkeit steigt die Sorge vieler Eltern, dass ihnen und ihren Kindern in der grauen Jahreszeit die Decke auf den Kopf fallen könnte. Können wir unsere Nachmittage nun nicht mehr mit Spielplatz, Freibad, Eisdiele, Radtour oder Picknick füllen. Die Vorstellung, sich drinnen „auf der Pelle“ zu sitzen, weniger Bewegung zu haben, drohende Langeweile und das Gefühl, ständig neue Ideen aus dem Hut zaubern zu müssen, ist für viele ein Graus.
Wie kommen wir da durch?
Indem wir die graue Jahreszeit positiv betrachten. Sie als Ruhephase ansehen und ihre Besonderheiten feiern.
Es gibt Dinge, die Kindern im Herbst mehr Freude bereiten als im Sommer:
Laterne laufen oder ein Abendspaziergang mit Taschenlampe und Blink-Lichtern. Das ist aufregend im Dunkeln. Kürbislichter, Blätterbilder oder Kastanienmännchen basteln. Sich dick anziehen, durchs Herbstlaub streifen, bei Regen in Pfützen hüpfen oder sich vom Wind die Haare zerzausen lassen. Dabei machen Kinder zugleich wichtige körperliche Erfahrungen. Danach eine heiße Schokolade trinken, Kekse knabbern und gemeinsam ein Hörspiel hören oder in die dampfende Badewanne eintauchen. Am Wochenende lange frühstücken, vielleicht mit Waffeln, Pfannkuchen oder selbst gemischtem Müsli. Draußen nichts zu verpassen, kann auch entspannen.
Auch wenn Regen und Kälte nicht geschätzt werden, freuen sich die meisten auf die Adventszeit. Ist sie dann da, bleibt meist zu wenig Zeit, um alle Vorhaben in die Tat umzusetzen. Stress entsteht.
Wie wäre es, die Adventszeit ein wenig vorzuziehen?
Schon jetzt können wir Plätzchen backen, Marzipankugeln herstellen, Weihnachtskarten basteln, Bratäpfel essen, es uns jeden Sonntag bei Kerzenschein gemütlich machen und eine Geschichte lesen. So haben wir für all die schönen Adventsmomente mehr Zeit und am 20. Dezember nicht das Gefühl, dass wir alles noch in die letzte Woche quetschen müssen, weil wir unsere Versprechen halten möchten. Diese Gemütlichkeit kann man auch im Januar weiter zelebrieren.
Im Übrigen müssen Eltern ihren Kindern nicht ständig ein spektakuläres Programm bieten.
Besonders jüngere Kinder freuen sich auch über kleine Aktivitäten:
Gemeinsam durch die Waschanlage fahren und sich dabei ein Gewitter vorstellen kann aufregend sein. Genauso wie 20 Minuten an einer Baustelle stehen bleiben und zusehen. Statt in die Eisdiele, können wir in ein Café gehen und Kuchen essen. Kinder möchten beteiligt werden und wollen mithelfen. Sie könnten beim Einkauf 4-5 Aufträge bekommen, die sie sich merken und suchen müssen. Das ist spannender als nebenher zu trotten und eine tolle Übung für Merkfähigkeit und Konzentration in einer ablenkenden Umgebung. Lassen wir sie beim Kochen oder anderen Arbeiten helfen, fühlen sie sich groß und zugehörig. Natürlich dauert alles länger, aber dem gelangweilten Genörgel setzen wir damit etwas entgegen und erledigen gleichzeitig unsere Aufgaben.
Es fällt zwar nicht immer leicht, aber es kann sich lohnen, auch Langeweile auszuhalten.
Bieten wir Kindern nicht direkt Ideen an, werden sie gefordert, selbst etwas zu entwickeln und kreativ zu werden. Hier könnten wir uns die Frage stellen, ob wir ihnen ein gutes Vorbild sind. Wann sehen sie, dass Mama oder Papa Löcher in die Luft starren oder aus dem Fenster schauen, das Nichts-Tun aushalten und sogar genießen? Das ist eher selten der Fall. Auch Eltern beschäftigen sich
ständig mit irgendetwas, wie Arbeit, Haushalt, PC oder Smartphone. Kinder betrachten Bücher eher als sinnvolle Beschäftigung, wenn sie auch ihre Eltern regelmäßig lesen sehen.
Und wenn sich doch einmal alle nerven, hier ein paar Vorschläge, zur Entspannung der Situation:
Es hilft, wenn sich alle kurz Wind um die Nase pusten lassen, egal wie das Wetter ist. Den Spielplatz um die Ecke aufsuchen und kurz schaukeln, zum Einkaufen laufen, auch wenn wir nur 3 Dinge brauchen oder eine Karte zum Postkasten bringen. Hauptsache raus aus der Situation und den Reset-Knopf drücken. 30 Minuten Tageslicht helfen auch gegen Winterblues, selbst wenn die Sonne nicht scheint. Wenn wir Raum für uns brauchen, sollten wir das mitteilen. Nach Möglichkeit einmal allein spazieren gehen oder sich kurz zurückziehen. Geht das nicht, kann Musik entspannen. Am besten Lieder zum Mitsingen und Tanzen. Wer singt und tanzt, kann nicht schlecht gelaunt bleiben. Um Ruhe rein zu bringen können wir etwas vorlesen, zusammen basteln, puzzeln oder malen oder gemeinsam einen Tee trinken. Ruhige Aktivitäten entspannen. Meistens auch die Eltern. Dabei können wir bewusst tief in den Bauch atmen. Negativen Gedankenkarussells entkommen wir, wenn wir uns auf die positiven Dinge der Kinder konzentrieren: Was finden wir an ihnen toll? Was macht sie besonders? Wo waren sie heute kooperativ? Das bringt uns wieder in eine wohlwollende Haltung. Und zu guter Letzt können wir Verträge ausmachen: „Wenn du mich jetzt 20 Minuten ausruhen lässt, höre ich dir danach wieder zu, lese dir vor, spielen wir etwas.“ Dafür den Wecker stellen oder die Uhr zeigen, denn Kinder können Zeit oft nicht einschätzen. Vielleicht sind sie nach Ablauf der Zeit ins Spiel vertieft und wir können fragen, ob wir noch etwas verlängern wollen.
Ja, der Herbst ist da. Er bringt uns Nähe. Heihussassa.
Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Weitere Informationen finden Sie auf meiner Website: www.Jessica-Rother.de und bei Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching