Erziehungsstress

Jessica Rother zeigt auf, wie man Erziehungsstress vermeiden kann. Mit ihren Tipps fängt Erziehung sogar an, Spaß zu machen.

Ausgabe 2/2021

Ist das ‘ne sinnvolle Regel oder kann die weg?

Regeln und Grenzen sind sinnvoll, damit wir Menschen friedlich und möglichst gefahrlos durchs Leben gehen können. Von Kindern wird erwartet, dass sie sich nicht nur zu Hause, sondern auch in Kita oder Schule, im Straßenverkehr, im Spiel mit Freund*innen, bei den Großeltern, im Sportverein an die geltenden Regeln halten. Selbstbestimmung kommt oft zu kurz. Kein Wunder, dass in der Familie Regeln verhandelt, ausgedehnt und diskutiert werden. Schnell entsteht ein unschöner Machtkampf. Ich halte viel davon, zu Hause ein paar Regeln zu lockern oder ganz zu streichen. Denn das kann unser Zusammenleben entspannen.

Wie reduzieren wir Regeln?
Erstens wir Eltern könnten darüber nachdenken, welche Regeln wirklich wichtig und sinnvoll für uns sind. Das finden wir heraus, wenn wir unsere familiären Anforderungen gut begründen können. Ist dies nicht der Fall, könnte es sich um eine Regel handeln, die sich aus dem Umfeld oder aus der Kindheit „eingeschlichen“ hat, die quasi unreflektiert übernommen wurde. Wenn wir eine Regel nicht gut begründen können, wird es schwerfallen, sie durchzusetzen. Das merken Kinder. Sobald sie Spielraum wittern, werden sie die Grenzen austesten oder mit uns diskutieren. Schließlich möchten Kinder einbezogen werden und mitbestimmen. Haben wir dazu gerade keine Nerven, kommt es schnell zum Streit.

Zweitens könnten wir uns fragen: Was möchte ich damit erreichen? Welche Befürchtung steckt hinter der Regel? Und ist diese wirklich realistisch?
Ein Beispiel: Wenn ein dreijähriges Kind am Tisch ruhig sitzen bleiben soll, bis alle fertig gegessen haben, was möchten wir erreichen? Soll das Kind gesellschaftliche Normen einhalten lernen? Möchten wir ihm stilles Sitzen mit Blick auf die Schule frühzeitig beibringen? Befürchten wir, ein „Zappelkind“ heranzuziehen, das mit seiner wilden Art überall anecken wird?
Haben wir Ziele und Befürchtungen aufgedeckt, können wir uns fragen, wie realistisch sie sind. Gesellschaftliche Normen kann ein dreijähriges Kind rein kognitiv noch nicht nachvollziehen. Stillsitzen und Konzentrieren lernen Kinder in der (Vor-)Schule auch. So könnten wir entscheiden, dass das noch früh genug ist.


Stellen wir fest, dass wir diese Vorgabe aus dem Elternhaus übernommen haben, könnten wir uns drittens fragen, wie wir es selbst fanden, sich daran halten zu müssen? Was haben wir daraus gelernt? Machen wir das heute noch so? Fühlen wir uns dabei wohl? War es sinnvoll, dass wir so früh dazu „erzogen“ wurden oder hätten wir es später auch selbst gelernt?
Bemerken wir, dass eine Regel tatsächlich aus unbegründeten Befürchtungen oder aus der Kindheit stammt, könnten wir uns entschließen, sie zu lockern oder ganz aufzugeben. Es könnte zunächst auch testweise ausprobiert werden, wie es der Familie ohne die Regel geht. Vielleicht macht das Abendessen plötzlich mehr Spaß? Unsere Kinder müssen sich in ihrem Alltag an so viele Regeln halten, da kann es für alle entspannend sein, ein paar Grenzen fallen zu lassen. Kinder brauchen es, auch einmal nur „sein“ zu dürfen, ohne dass wir ständig an ihnen herummäkeln. Ganz bestimmt werden sie dadurch nicht gleich zu gesellschaftlichen Außenseiter*innen oder tanzen uns dann nur noch auf der Nase herum.
Können wir eine Regel jedoch gut begründen (Zähne putzen ist wichtig, weil wir Karies verhindern wollen), ist sie für uns sinnvoll und kann aufrecht erhalten bleiben. Auch wenn das „Einfordern“ manchmal schwierig ist, werden wir hier vermutlich konsequent bleiben, was Kindern Klarheit bietet.

Sich viertens an die eigene Nase fassen.
Fragen wir uns einmal ehrlich: Halten wir uns selbst immer an unsere Regeln? Wenn wir selbst Sachen herumliegen lassen oder zum Trödeln neigen, können wir dann von unseren Kindern Ordnung verlangen und dass sie morgens pünktlich angezogen sind? Für geltende Regeln sollten Eltern ein möglichst gutes Vorbild sein, denn Kinder achten mehr auf das, was wir tun, als auf das, was wir sagen. Fällt es uns selbst schwer, uns nach einer Regel zu richten, warum lassen wir sie nicht weg? Soll sie bestehen bleiben, tragen wir die gleichen Konsequenzen wie die Kinder. Vergessen wir die Hände vor dem Essen zu waschen, müssen wir genauso noch einmal aufstehen und es nachholen. Das ist fair. Mein Sohn hatte neulich die Idee, ein Bild zu malen, dass uns ans Hände waschen erinnert. Seit das Bild hängt, passt er von sich aus auf, dass diese Regel eingehalten wird, denn Kinder lieben es, wenn sie einbezogen werden und ihre Ideen Gehör finden.

Fünftens, Verständnis für unkooperatives Verhalten aufbringen.
Leider sehen wir Eltern oft eher die Situationen, in denen Kinder Regeln nicht einhalten. Dadurch übersehen wir tolle Momente, in denen Kinder kooperieren. Anziehen, Zähne putzen, abwarten, bis die kleine Schwester angezogen ist. Auch sehr kleine Kinder kooperieren, wenn sie uns die Arme beim Jacke Anziehen entgegenstrecken, uns die Schuhe holen oder selbständig frühstücken.
Nachdem Kinder in Schule oder Kita den ganzen Tag ihr Möglichstes getan haben, um sich an die geltenden Regeln zu halten, haben sie zu Hause das Bedürfnis, sich selbst nicht mehr so stark regulieren zu müssen. Oft bekommen sie dann Ärger, weil sie „herumflippen“, turnen, laut werden, nicht mehr mitmachen wollen. Dabei geht es uns Erwachsenen manchmal ähnlich. Wir kooperieren während der Arbeit den ganzen Tag, schlucken vielleicht Dinge herunter, mit denen wir nicht einverstanden sind. Auch wir wollen zu Hause gerne einmal Fünfe gerade sein lassen.
Den Blick auf die positiven Situationen richten und die Perspektive wechseln kann helfen, mehr Verständnis für Kinder aufzubringen, wenn sie gerade nicht so „funktionieren“, wie wir es gerne hätten.

Nicht zuletzt gibt es auch viele schöne Regeln, nämlich unsere familiären Rituale. Das gemeinsame Essen, Vorlesen oder das Kuscheln am Abend. Von solchen Regeln dürfen wir ruhig viele aufstellen und sie gemeinsam in vollen Zügen genießen.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Kurse, Coachings und Supervision zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen für Fachkräfte und Eltern an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.
Infos auf www. Jessica-Rother.de und Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching.
Kontakt: Mail@Jessica-Rother.de


Ausgabe 1/2021

Selbstfürsorge für Eltern in Zeiten der Pandemie

Liebe Eltern, willkommen in 2021. Ein turbulentes Jahr liegt hinter uns. Vieles musste neu gelernt, umgeworfen, anders getan werden. Für Menschen, die einen Lebensstil innehaben, der sich wohl fühlt mit Struktur, Planbarkeit und Vorbereitung, war das eine große Herausforderung.

Nun befinden wir uns erneut im Lockdown. Die Unplanbarkeit des Jahres 2020 wird uns also weiter begleiten und unser Familienleben prägen. Besonders in Zeiten wie diesen, die uns durch äußere Umstände stark fordern, brauchen wir ein starkes Inneres. Eine Widerstandskraft, die uns trägt und den Blick immer wieder nach vorn richten lässt. Selbstfürsorge ist das Stichwort, das unser Inneres (wieder) kräftigen kann. Das fällt nicht immer leicht. In meinem Bekannten und Klient*innenkreis stelle ich fest, dass besonders Mütter die Tendenz haben, als erstes die eigenen Bedürfnisse zu streichen, manchmal gar basale Dinge wie Essen, Trinken und Bewegung zu vergessen, wenn sie sehr gefordert sind. Das tut auf Dauer nicht gut. Weder ihnen noch ihrer Familie.

Wir Eltern sind die emotionale Stütze unserer Familie. An Tagen, an denen wir nicht im Gleichgewicht sind, uns ausgelaugt fühlen, keine Lust und keinen freien Kopf haben, um auf die Bedürfnisse und Gedanken unserer Kinder wirklich einzugehen, ist oft nicht nur unsere Laune schlecht. Der komplette Haussegen hängt schief. Kinder spiegeln unsere Stimmung wider. Sie werden unzufrieden, nörgeln, langweilen oder streiten sich. Sorgen wir gut für uns selbst und für unsere innere Balance, geht es nicht nur uns, sondern auch unseren Lieblingsmenschen zu Hause besser.

Wie kann ich als Mutter oder Vater für mich selbst sorgen und positiv bleiben? Kleinigkeiten, die den Blick auf den Alltag verändern und Mini-Auszeiten, die wir uns regelmäßig einräumen, können schon helfen. Hier sind einige Ideen, die Eltern ausprobieren können:

  • Dankbar in den Tag starten: Vor dem Aufstehen drei Dinge überlegen, für die ich heute dankbar bin:  Die Sonne, die Gesundheit, meine Beziehung, die Kinder, mein Haustier, Kaffeeduft, den Job, mein Zuhause.
  • Kleine Auszeiten einplanen, um sich selbst zu spüren: 20 Minuten lang z.B. Spazieren gehen und das Wetter und die Umgebung bewusst wahrnehmen, Yoga üben, die Lieblingsmusik hören, mit einem Becher Kaffee oder Tee aus dem Fenster schauen, den Gedanken nachgehen und spüren: „Wie geht es mir eigentlich gerade?“
  • Am Abend aufzählen oder aufschreiben, was ich heute alles geschafft habe und damit herauskommen aus dem Negativblick auf die noch nicht erledigten To dos. Wir schaffen oft so vieles mehr als wir glauben.
  • Sich regelmäßig mit lieben Menschen austauschen. Miteinander (Video)telefonieren, Sprachnachrichten senden, sich mal wieder schreiben. Der soziale Kontakt ist wichtig für unseren Ausgleich und das Gefühl, geliebt, gemocht, verstanden zu werden. Auch wenn wir uns zu k.o. dafür fühlen, danach sind wir sicher energiegeladener als vorher.
  • Gespräche mit dem*der Partner*in führen darüber, wie es uns geht, was wir brauchen für unsere innere Balance. Vielleicht können wir Dinge eine Zeitlang anders aufteilen, um sich gegenseitig Freiräume einzuräumen. Alleinerziehende könnten dies mit einer vertrauten nahestehenden Person oder Familie wechselseitig vereinbaren.
  • Das Mindset, also den Blick auf die Situation ändern. Ich sage nicht: „Och nö, die Kinder sind schon wach und ich bin so müde“. Ich sage: „Wie schön, dass meine Kinder so fröhlich in den Tag starten und direkt Lust haben, Zeit mit mir zu verbringen. Was brauche ich, um ihnen das bieten zu können?“ Vielleicht bitte ich sie noch 15 Minuten Bücher anzugucken, bis ich aufgestanden bin und mir einen Kaffee gemacht habe.
  • Positive Dinge wahrnehmen: Wann spielt mein Kind allein, kooperiert gut, gibt mir Raum für meine Dinge? Ich freue mich, dass mein Kind glücklich, gesund und froh ist.
  • Für sich selbst sorgen, ohne die anderen einzuschränken. Wenn es mir zu laut wird, gehe ich kurz vor die Tür oder benutze Ohr-Stöpsel anstatt meine Kinder anzumeckern. Denn Ruhe ist mein Bedürfnis. Die Kinder stört ihr wildes und lautes Spielen ja nicht.
  • Weglassen, was mir nicht guttut. Wenn ich jeden Tag ein schlechtes Gewissen habe, weil ich eigentlich joggen wollte und es wieder nicht geschafft habe, kann es helfen, das Joggen einfach mal eine Weile zu streichen. Das kann sehr entlasten. Vielleicht gehe ich stattdessen spazieren, wenn der innere Schweinehund dann kleiner ist. Hauptsache, es geht mir gut damit.
  • Weniger Raum für Themen, die mich aktuell zu sehr stressen, wie z.B. steigende Infektionszahlen. Ich könnte eine vertraute Person bitten, mich zu informieren, wenn es etwas gibt, das ich wissen sollte, mich selbst distanziere ich von diesen Themen, bis mein Fell wieder so dick ist, dass ich mich damit wieder beschäftigen mag.
  • Die Paar-Zeit nicht vergessen: Gespräche führen, sich bedanken für die Unterstützung. Leichtigkeit hineinbringen, indem wir mal wieder ein Spiel spielen, zusammen Hörbücher hören, wenn die Kinder schlafen, etwas zusammen kochen, sich in den Arm nehmen und dankbar sein, dass wir auch schwierige Zeiten zusammen durchstehen.
  • Beratungsangebote nutzen. Befinde ich mich in einer Krise, kann ich Hilfe bei meiner*m Hausarzt*ärztin oder in (online-) Beratungsangeboten finden. Tun wir das! Rechtzeitig! Für uns und auch für unsere Kinder. Denn sie verdienen die beste Version ihrer Eltern.

Ich wünsche allen Eltern, Freude und Leichtigkeit beim Ausprobieren einiger dieser Impulse und ein gutes inneres Gleichgewicht im Jahr 2021.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Kurse, Coachings und Supervision zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen für Fachkräfte und Eltern an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Infos auf www. Jessica-Rother.de und Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching.

Kontakt: Mail@Jessica-Rother.de


Ausgabe 4/2020

AUSTAUSCH UND VERBINDUNG. DER FAMILIENRAT

In Kitas und Schulen wird Partizipation von Kindern immer bedeutsamer. Auch vielen Eltern ist es ein Anliegen, ihre Kinder in ihre Entscheidungen einzubinden. Das ist eine schöne Entwicklung, hin zu mehr Austausch und Verbindung zwischen Kindern und Erwachsenen. Zusätzlich wirkt es auf Kinder ermutigend, wenn sie spüren, dass ihre Ansichten ernst genommen werden. Eine gute Möglichkeit, Kindern in der Familie Mitsprache einzuräumen und den Austausch untereinander zu verbessern, bietet der Familienrat nach Rudolf Dreikurs, den ich heute Schritt für Schritt vorstellen möchte.

Der Familienrat läuft nach bestimmten Regeln ab und eignet sich für Kinder ab dem Vorschulalter, aber auch kleinere Geschwister werden natürlich eingebunden. Nach oben gibt es keine Altersgrenze.

Die Treffen sollten regelmäßig und zu einer festen Zeit stattfinden: z.B. sonntags nach dem Frühstück. Die Themen werden vorab in einem Buch oder einer hübschen Schachtel gesammelt. Neben „Mecker-Themen“ sollten auch schöne Dinge vorkommen, die zusammen geplant werden, wie die Gestaltung der Adventszeit. Kleinere Kinder können ihre Vorschläge malen.

Die 1. Sitzung

Zu Beginn werden Rollen verteilt: Wer übernimmt heute die Leitung, das Vorlesen und Aufschreiben der Vereinbarungen? Wer achtet auf Zeit und Gesprächsregeln? Kleinere Kinder werden von den Eltern unterstützt.

Zunächst überlegen wir, wie wir miteinander umgehen wollen im Familienrat z.B.: Wir bleiben sitzen. Jede*r wird gehört. Wir lassen uns ausreden. Wir gehen achtsam miteinander um. Niemand wird beschämt oder beschuldigt.

Wir überlegen, wie wir uns an die Regeln erinnern können, z.B. indem wir gemeinsam Kärtchen schreiben oder malen. Es könnte auch besprochen werden, wo die Themen gesammelt werden, wann der beste Zeitpunkt für den Rat ist und in welchen Abständen und wie lange er stattfinden soll. Oft reichen diese Punkte für den 1. Termin aus und alle bekommen einen Eindruck, was ein Familienrat ist.

Die 2. Sitzung

Wir verteilen die Rollen und starten mit dem Wiederholen der Rat-Regeln, bis sie verinnerlicht sind.

Dann werden alle Themen vorgelesen. Es können Rückfragen an die Person gestellt werden, die das Thema eingebracht hat.

Es wird festgelegt, welche Punkte besprochen werden sollen. Vielleicht haben sich einige im Laufe der Woche schon erledigt.

Die Themen werden nacheinander besprochen. Alle dürfen ihre Meinung äußern und Lösungsvorschläge einbringen. Sollte keine Einigung entstehen, wird abgestimmt.

Wir halten fest, worauf wir uns einigen. Die Verabredungen gelten bis zum nächsten Rat.

Dann wird das nächste Thema besprochen. Manchmal reicht die Zeit nicht für alle Punkte. Sie werden dann bis zum nächsten Termin vertagt.

Am Ende des Rats bedankt sich der*die Leiter*in für die Teilnahme (Wertschätzung).

Die weiteren Treffen

starten mit den Verabredungen der letzten Woche. Wie hat die Umsetzung funktioniert? Lief es gut, kann die Vereinbarung so bleiben. Konnte es jemand nicht umsetzen, kann gefragt werden: Was hat dich daran gehindert? Was brauchst du, damit es für dich machbar wird (Erinnerung, anderer Zeitpunkt, anders Vorgehen)? Das kann neu vereinbart und ausprobiert werden.

Wie gehen wir mit emotionalen/schwierigen Themen um?

Hier gilt es, besonders darauf achten, dass niemand beschämt oder beschuldigt wird. Die Schritte der Gewaltfreien Kommunikation helfen dabei:

  • Sachlich und genau beschreiben, worum es geht: Gestern seid ihr gleich vom Tisch aufgestanden, als ihr mit dem Frühstück fertig wart.
  • Gefühl benennen. Was macht das mit mir? Wenn ihr einfach geht und wir noch nicht fertig sind, macht mich das traurig und ärgerlich…
  • Bedürfnis benennen (begründen): weil ich mir mehr Zeit mit euch wünsche.
  • Konkrete Bitte/Wunsch äußern: Könntet ihr in Zukunft sitzen bleiben, bis alle fertig sind?

Lautet die Antwort „Nein“, bitte nicht persönlich nehmen. Dahinter steht ein Bedürfnis, das auch Berechtigung hat. Evtl. Wir haben oft so wenig Zeit zum Spielen, wir wollen dann direkt loslegen.

Fragen, was hinter dem „Nein“ steht: Könnt ihr mir erklären, warum ihr nicht sitzen bleiben mögt? Was braucht ihr, um meiner Bitte nachzukommen? (etwas zum Lesen oder Malen am Tisch?) Werden alle Bedürfnisse gesehen, können Kompromisse gefunden werden: Ihr dürft direkt aufstehen. Um 15 Uhr treffen wir uns wieder und verbringen Zeit zusammen.

Fallstricke

Eltern sollten den Familienrat nicht als Vorwand nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Nur wenn die Stimmen der Kinder gleichwertig zählen und sie sich respektiert fühlen, werden sie sich gerne beteiligen.

Einige Eltern scheuen sich den Rat einzuführen, weil sie befürchten, dass Kinder unangenehme Themen einbringen, über die sie nicht gerne diskutieren, wie die leidige Medienzeit. Doch die Themen werden auch im Alltag aufkommen. Vielleicht in einem Moment, in dem wir keine Nerven für die Auseinandersetzung haben. Dann können wir es notieren, uns Argumente überlegen und im Rat sachlich darüber sprechen. Oft ist das sehr hilfreich.

Kreative/spielerische Ergänzungen

können regelmäßig Teil des Rats sein oder genutzt werden, wenn es nur wenig zu besprechen gibt.

  • Feiern und Bedauern Alle sagen etwas zu den Fragen: Was feiere ich diese Woche? Was hat gut geklappt? Was ist Gutes passiert? Worüber habe ich mich gefreut? Was bedauere ich? Was ist mir nicht so gut gelungen? Wofür hätte ich mir mehr Zeit gewünscht?
  • Eine Gefühlsuhr basteln, deren Zeiger zu Beginn eingestellt werden. Jede*r sagt kurz, warum er*sie gerade zufrieden, gestresst, aufgeregt, traurig ist.
  • Ermutigung: Alle sagen oder schreiben je drei Dinge, die sie an den anderen gut finden.
  • Es kann auch ein Spiel gespielt, ein gemeinsames Bild gemalt oder eine Geschichte gelesen werden.

Alles, was Spaß macht und verbindet, ist erlaubt. Und sollten die ersten Treffen noch etwas holprig verlaufen, nur Mut! Solange es uns um Verbindung geht und wir echtes Interesse an unseren Lieben haben, können wir nichts falsch machen.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Kurse, Coachings und Supervision zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen für Fachkräfte und Eltern an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt. Infos auf www. Jessica-Rother.de und Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching.

Kontakt: Mail@Jessica-Rother.de


Ausgabe 3/2020

MUT TUT GUT (TEIL 2)

Besonders in den ersten Lebensjahren werden die Ansichten über sich selbst und die Welt gebildet. In dieser Zeit ist Ermutigung besonders bedeutsam, damit Kinder selbstbewusst und positiv durchs Leben gehen können.

Im ersten Teil (Ausgabe März 2020) ging es darum, Entmutigungssituationen zu erkennen und zu vermindern. In dieser Ausgabe möchte ich ein paar Impulse geben, was Eltern tun können, um Kinder gezielt zu ermutigen.

  • Kinder fühlen sich angenommen und wertvoll, wenn sie das Gefühl haben, dass Eltern gerne Zeit mit ihnen verbringenEin Satz wie „Ich habe Lust, etwas mit dir zu unternehmen. Hast du eine Idee?“ bringt ihre Augen zum Strahlen. Besonders für Kinder mit Geschwistern ist es wertvoll, wenn sie regelmäßig Alleinzeit mit Mama oder Papa verbringen können, selbst wenn es nur 15 Minuten am Tag sind. Kinder spüren: Ich bin wertvoll und wichtig.
  • Erwachsene richten sich oft an Kinder, um etwas zu erreichen oder in Erfahrung zu bringen. Stellen Eltern dann noch „verhörende“ Fragen, wie „Wie war es in der Schule? Was habt ihr gemacht? Habt ihr Hausaufgaben?“ machen Kinder und Jugendliche oft zu. In einem wirklichen Gespräch sollte es darum gehen, die Sicht, Gedanken und Ideen des Kindes zu hören. Um ein Verhör zu vermeiden, könnten wir zunächst von uns berichten: „Heute war schönes Wetter, da habe ich mein Brot im Park gegessen.“ Vielleicht steigt das Kind ein: „Ich war heute auch draußen.“ Daraus kann ein echtes Gespräch entstehen. Für eine gute Verbindung ist es wichtig, die volle Aufmerksamkeit zu geben: Die Arbeit kurz ruhen lassen, das Smartphone weglegen, zeigt: Ich bin ganz bei dir und höre dir zu. Ein schönes Gefühl.
  • Kinder wollen zur Gemeinschaft gehören und etwas beitragen. Zwar dauert bei den Kleinen alles etwas länger, dafür fühlen sie sich gesehen und wertvoll, wenn sie mitmachen dürfen. Manchmal müssen wir etwas unterstützen: Ist die Schublade zu hoch, legen wir den Besteckkasten auf den Boden. Wird das Besteck anders einsortiert als wir es gerne hätten, halten wir das aus und richten den Blick auf den Beitrag, den das Kind leistet. Größere Kinder können Aufgaben übernehmen, die für die ganze Familie wichtig sind. Das eigene Zimmer aufräumen gehört nicht dazu, wohl aber den Hund füttern, die Blumen gießen, den Müll rausbringen, fegen oder Tisch decken. Jedes Familienmitglied hat eine Aufgabe und Geschwister wechseln sich ab, damit nicht immer das gleiche Kind sich um den Hund kümmern darf.
  • Die Meinung von Kindern wichtig nehmen/ Mitbestimmen lassen. Welchen Kuchen wollen wir backen? Wohin soll der Ausflug gehen? Was machen wir in den Ferien? Die Vorschläge der Kinder haben genauso viel Wert, wie die der Erwachsenen. Dann wird diskutiert und abgestimmt. Das Kind spürt: Deine Meinung ist wichtig und wird gehört, egal wie alt du bist. Zugehörigkeitsgefühl und demokratisches Verständnis werden damit gefördert.
  • Bei den ersten Worten und Schritten sind Eltern geduldige Begleiter*innen. Je älter die Kinder werden, desto mehr Druck entsteht: Erfüllt mein Kind die Voraussetzungen für die Schule? Gibt es Entwicklungsfenster, die wir nicht verpassen dürfen? Diesen Druck spüren auch die Kinder. Druck rausnehmen und darauf vertrauen, dass das Kind seinen Weg machen wird, kann beide Seiten entspannen. Besonders ermutigend ist es, wenn wir das selbständige Lernen unterstützen. Zwei Beispiele:
    • Ein Kind versucht sich die Hose anzuziehen und landet dabei immer mit beiden Füßen im gleichen Bein. Frust entsteht. Wenn Papa sagt: „Schau mal, den Fuß, den ich kitzle, nimmst du zurück und tust ihn ins andere Bein. Genau. Du hast es geschafft und ich musste kaum helfen.“ wirkt das ermutigend.
    • Ein Kind arbeitet ewig an den Knöpfen der Jacke und kriegt sie endlich alle zusammen. Wenn Papa sagt: „So schief geknöpft kann ich mit dir nicht einkaufen gehen.“ ist es entmutigend. Stattdessen kann Papa sich selbst sagen: „Doch, ich gehe so mit dir in den Laden. Ich halte das aus, weil mir Ermutigung wichtig ist.“ und den tollen Entwicklungsschritt des Kindes sehen, das gerade übt, selbständig zu werden.
  • Häufig versuchen Erwachsene, negative Gefühle vor Kindern zu verbergen. Da kleine Menschen jedoch sensible Antennen haben, merken sie, dass etwas nicht stimmt. Ohne Erklärung beziehen sie es auf sich und werden unsicher. Vielleicht testen sie dann stärker unsere Grenzen, weil sie Klarheit brauchen. Gut ist es, Kindern Gefühle zuzutrauen. Ehrlich zu sagen, wenn wir schlecht geschlafen haben, uns der Job stresst oder der Kopf schmerzt. So weiß das Kind was los ist und dass es nicht schuld ist. Vielleicht hat es sogar Verständnis und nimmt Rücksicht. Ein weiterer Pluspunkt: Kinder lernen über eigene Gefühle zu sprechen, wenn Erwachsene es ihnen vorleben.

Was haben Eltern davon, Kinder zu ermutigen?

Ermutigte Kinder haben eine gute Chance, eine positive Meinung über sich selbst zu bilden und trauen sich mehr zu. Kindern, die sich etwas zutrauen, können Eltern mehr Eigenverantwortung übertragen, sie mehr loslassen. Das verhilft zu mehr Gelassenheit im Alltag.

Kinder, die sich zugehörig fühlen, leisten oft freiwillig einen Beitrag zur Gemeinschaft. Das kann den Familienalltag entlasten.

Ermutigte Kinder brauchen seltener negative Strategien, um Aufmerksamkeit zu bekommen, weil sie sich gesehen fühlen und nicht um ihren Platz in der Familie kämpfen müssen. Sie sind also weniger „schwierig“.

Das gilt auch umgekehrt. Kinder, die gerade „schwierig“ sind, brauchen Ermutigung besonders, denn sie fühlen sich nicht ausreichend gesehen. Ihr Selbstwertgefühl ist ins Wanken geraten. Hier kann Ermutigung ein Weg sein, um die Verbindung wieder herzustellen und ins Gleichgewicht zu kommen.

Nicht zuletzt können wir Kinder, die fähig sind, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, guten Gewissens irgendwann ihren eigenen Weg gehen lassen.

Mut tut einfach gut, Kindern und Erwachsenen!

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Kurse, Coachings und Supervision zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen für Fachkräfte und Eltern an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Infos auf www. Jessica-Rother.de und Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching.

Kontakt: Mail@Jessica-Rother.de


Ausgabe 1/2020

MUT TUT GUT (TEIL 1)

Wer meine Texte und Coachings kennt, hat den Begriff Ermutigung vermutlich schon gehört. Heute schreibe ich darüber, was es damit auf sich hat und warum ist es mir so wichtig ist.

Die ersten Lebensjahre sind prägend
Menschen möchten zu einer Gemeinschaft gehören und sich akzeptiert fühlen. Die erste Gemeinschaft, zu der Kinder gehören möchten, ist ihre Familie. Kleinkinder beobachten genau was Eltern und Geschwister tun und wie diese auf ihr Verhalten reagieren. Auf diese Weise entwickeln sie Strategien, um sich in der Familie zugehörig zu fühlen. Sie bilden ihren Lebensstil aus, der meist unbewusst ist und das ganze Leben wirksam bleibt. Er beinhaltet Werte und Normen, die Ansichten über die Welt und unsere individuellen Vorgehensweisen, das Leben zu meistern. Wurden wir als Kinder ermutigt und fühlten wir uns zugehörig, konnten wir förderliche Strategien entwickeln, wie selbstbewusstes Auftreten, Offenheit neuen Situationen und Menschen gegenüber, positives Denken usw.

Haben wir viele entmutigende Erfahren gemacht, könnten sich hinderliche Lebensstilelemente gebildet haben, die z.B. dazu führen, dass wir vor Konflikten davon laufen, unsere Beziehungen sabotieren und negativ denken. Daher ist es wichtig, Kinder besonders in den ersten prägenden Lebensjahren zu ermutigen. Wie können wir das tun?

Die innere Haltung ist die Basis
Ermutigung ist eine Einstellung, die ausstrahlt: Ich liebe dich, so wie du bist, ich verbringe meine Zeit gern mit dir. Kinder merken genau ob wir es ernst meinen oder nicht.
Entmutigend wirkt die Einstellung: Du nervst. Ich hab keine Zeit für dich oder die Meinung, dass das Kind faul, dumm, ungeschickt ist, mich absichtlich provoziert. Auch diese Haltung spüren Kinder.
Neben der Haltung können wir daran arbeiten, entmutigende Äußerungen und Situationen zu erkennen und zu stoppen:

  • Meckern, nörgeln, kritisieren, den Blick auf Fehler richten schafft keine schöne Atmosphäre. Hier kann es helfen, bei sich selbst zu schauen: Wann beginne ich zu meckern? Bin ich müde oder gestresst? Hungrig? Wenn ich das herausfinde, kann ich vorsorgen. Vielleicht drehe ich eine Runde um den Block und atme tief durch, esse ein Brot und gönne mir noch einen Kaffee, bevor ich die Kinder aus der Schule abhole oder nach der Arbeit das Haus betrete. Je öfter ich bemerke, dass ich gerade nörgele, desto öfter wird es gelingen, es zu stoppen und den Blick bewusst auf das zu richten, was gut geklappt hat. Das kann die Mecker-Falle beenden.
  • Manchmal hören Kinder Zuschreibungen, die ihnen ein negatives Bild von sich vermitteln: Tolpatsch, Heulsuse, Nervensäge, zu wild, zu faul, zu blöd… Hören Kinder diese negativen Etikettierungen häufig, könnten sie sie verinnerlichen: „So bin ich eben.“ Dann verhalten sie sich so, dass sie diese Meinung immer wieder bestätigen. Wir können gegen wirken, indem wir so mit Kindern sprechen, dass sie eine gute Meinung über sich selbst entwickeln können.
  • Vergleiche: „Wenn du dich in Mathe mehr anstrengen würdest, könntest du so gut sein, wie deine Schwester!“ Auch gut gemeinte Vergleiche, wirken entmutigend für das Kind, das schlechter weg kommt. Es hört: „So wie ich bin, bin ich nicht gut genug.“ Bei Geschwistern können Vergleiche außerdem die Rivalität fördern, was einer harmonischen Beziehung wenig zuträglich ist. Es ist sinnvoll, Vergleiche zu vermeiden und die Qualitäten und Interessen jedes einzelnen Kindes zu sehen und anzuerkennen.
  • Halbherzige Anerkennung: „Toll, dass du den Tisch abgeräumt hast, aber nächstes Mal, wische ihn bitte auch ab.“ Beim Kind kommt an: „Egal, was ich tue, es ist nie gut genug.“ und vielleicht hilft es nicht mehr gerne freiwillig mit. Ermutigend wäre es, den geleisteten Beitrag wert zu schätzen und das „aber…“ aus dem Satz zu streichen.
  • Zu viel Mitleid kann entmutigend wirken, wenn bei Kindern das Gefühl entsteht, dass sie klein und hilflos sind und es nie allein schaffen werden. Besser ist, das Kind nach einem Missgeschick zu trösten, ihm Wärme zu schenken und es dann wieder auf die eigenen Beine zu stellen und zu vermitteln: „Du schaffst das!“
  • Verwöhnen. Wenn wir Kindern alles abnehmen, was sie auch selbst können, könnten sie das
  • Gefühl haben, dass wir ihnen nicht zutrauen, dass sie allein dazu in der Lage sind. Auf
  • Eltern-Seite könnte sich Erschöpfung breit machen, weil sie glauben, immer alles für das Kind tun zu müssen. Diesem Kreislauf entkommen wir, wenn wir Kindern mehr Eigenverantwortung geben.
  • Der letzte Punkt betrifft das Loben. Kinder, die viel gelobt werden, gewöhnen sich daran, dass ihre Leistung von anderen bewertet wird. Sie streben danach, diese Anerkennung immer wieder zu erhalten. Bleibt sie aus, sind sie frustriert. Sie könnten auch zu perfektionistisch werden und sich nur noch Dinge zutrauen, die sie zu 100% können, sich aber an nichts heranwagen, was noch nicht so gut gelingt.

Unterschied zwischen Lob und Ermutigung
Loben ist nur möglich, wenn eine Leistung erbracht wird, wenn das Kind die ganze Bahn geschwommen ist. Was tun wir aber, wenn Kinder sich bemühen, ihr Ziel aber (noch) nicht erreichen? Dann können wir sie ermutigen, indem wir ihren Fortschritt aufzeigen, die Anstrengung anerkennen, die Idee wert schätzen. Lob bewertet in gut und schlecht, in richtig und falsch. Ermutigung verzichtet auf Bewertungen, richtet den Blick auf Inhalte. Statt zu sagen: „Das Bild ist hübsch.“ erkläre ich, was mir daran gefällt, z.B. die Farben oder Formen und die Geduld und die Ideen des Kindes. Ermutigung kann ein Kind befähigen, die eigenen Stärken zu erkennen und an sich selbst zu glauben. So kann es Selbstbewusstsein und Resilienz entwickeln, Neues wagen und sich Schwierigkeiten mutig stellen. Mut tut einfach gut.


Im nächsten Heft schreibe ich darüber, wie wir Kinder gezielt ermutigen können.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Kurse, Coachings und Supervision zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen für Fachkräfte und
Eltern an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

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Ausgabe 4/2019

DER HERBST IST DA. ER MACHT UNS STRESS. HEIHUSSASSA

Mit steigender Regenwahrscheinlichkeit steigt die Sorge vieler Eltern, dass ihnen und ihren Kindern in der grauen Jahreszeit die Decke auf den Kopf fallen könnte. Können wir unsere Nachmittage nun nicht mehr mit Spielplatz, Freibad, Eisdiele, Radtour oder Picknick füllen. Die Vorstellung, sich drinnen „auf der Pelle“ zu sitzen, weniger Bewegung zu haben, drohende Langeweile und das Gefühl, ständig neue Ideen aus dem Hut zaubern zu müssen, ist für viele ein Graus.

Wie kommen wir da durch?
Indem wir die graue Jahreszeit positiv betrachten. Sie als Ruhephase ansehen und ihre Besonderheiten feiern. Es gibt Dinge, die Kindern im Herbst mehr Freude bereiten als im Sommer: Laterne laufen oder ein Abendspaziergang mit Taschenlampe und Blink-Lichtern. Das ist aufregend im Dunkeln. Kürbislichter, Blätterbilder oder Kastanienmännchen basteln. Sich dick anziehen, durchs Herbstlaub streifen, bei Regen in Pfützen hüpfen oder sich vom Wind die Haare zerzausen lassen. Dabei machen Kinder zugleich wichtige körperliche Erfahrungen. Danach eine heiße Schokolade trinken, Kekse knabbern und gemeinsam ein Hörspiel hören oder in die dampfende Badewanne eintauchen.

Am Wochenende lange frühstücken, vielleicht mit Waffeln, Pfannkuchen oder selbst gemischtem Müsli. Draußen nichts zu verpassen, kann auch entspannen. Auch wenn Regen und Kälte nicht geschätzt werden, freuen sich die meisten auf die Adventszeit. Ist sie dann da, bleibt meist zu wenig Zeit, um alle Vorhaben in die Tat umzusetzen. Stress entsteht.

Wie wäre es, die Adventszeit ein wenig vorzuziehen?
Schon jetzt können wir Plätzchen backen, Marzipankugeln herstellen, Weihnachtskarten basteln, Bratäpfel essen, es uns jeden Sonntag bei Kerzenschein gemütlich machen und eine Geschichte lesen. So haben wir für all die schönen Adventsmomente mehr Zeit und am 20. Dezember nicht das Gefühl, dass wir alles noch in die letzte Woche quetschen müssen, weil wir unsere Versprechen halten möchten. Diese Gemütlichkeit kann man auch im Januar weiter zelebrieren.

Im Übrigen müssen Eltern ihren Kindern nicht ständig ein spektakuläres Programm bieten. Besonders jüngere Kinder freuen sich auch über kleine Aktivitäten: Gemeinsam durch die Waschanlage fahren und sich dabei ein Gewitter vorstellen kann aufregend sein. Genauso wie 20 Minuten an einer Baustelle stehen bleiben und zusehen. Statt in die Eisdiele, können wir in ein Café gehen und Kuchen essen. Kinder möchten beteiligt werden und wollen mithelfen. Sie könnten beim Einkauf 4-5 Aufträge bekommen, die sie sich merken und suchen müssen. Das ist spannender als nebenher zu trotten und eine tolle Übung für Merkfähigkeit und Konzentration in einer ablenkenden Umgebung.

Lassen wir sie beim Kochen oder anderen Arbeiten helfen, fühlen sie sich groß und zugehörig. Natürlich dauert alles länger, aber dem gelangweilten Genörgel setzen wir damit etwas entgegen und erledigen gleichzeitig unsere Aufgaben. Es fällt zwar nicht immer leicht, aber es kann sich lohnen, auch Langeweile auszuhalten. Bieten wir Kindern nicht direkt Ideen an, werden sie gefordert, selbst etwas zu entwickeln und kreativ zu werden.

Hier könnten wir uns die Frage stellen, ob wir ihnen ein gutes Vorbild sind. Wann sehen sie, dass Mama oder Papa Löcher in die Luft starren oder aus dem Fenster schauen, das Nichts-Tun aushalten und sogar genießen? Das ist eher selten der Fall. Auch Eltern beschäftigen sich ständig mit irgendetwas, wie Arbeit, Haushalt, PC oder Smartphone. Kinder betrachten Bücher eher als sinnvolle Beschäftigung, wenn sie auch ihre Eltern regelmäßig lesen sehen. Und wenn sich doch einmal alle nerven, hier ein paar Vorschläge, zur Entspannung der Situation:

Es hilft, wenn sich alle kurz Wind um die Nase pusten lassen, egal wie das Wetter ist. Den Spielplatz um die Ecke aufsuchen und kurz schaukeln, zum Einkaufen laufen, auch wenn wir nur 3 Dinge brauchen oder eine Karte zum Postkasten bringen. Hauptsache raus aus der Situation und den Reset-Knopf drücken. 30 Minuten Tageslicht helfen auch gegen Winterblues, selbst wenn die Sonne nicht scheint.

Wenn wir Raum für uns brauchen, sollten wir das mitteilen. Nach Möglichkeit einmal allein spazieren gehen oder sich kurz zurückziehen. Geht das nicht, kann Musik entspannen. Am besten Lieder zum Mitsingen und Tanzen. Wer singt und tanzt, kann nicht schlecht gelaunt bleiben. Um Ruhe rein zu bringen können wir etwas vorlesen, zusammen basteln, puzzeln oder malen oder gemeinsam einen Tee trinken. Ruhige Aktivitäten entspannen. Meistens auch die Eltern. Dabei können wir bewusst tief in den Bauch atmen.

Negativen Gedankenkarussells entkommen wir, wenn wir uns auf die positiven Dinge der Kinder konzentrieren: Was finden wir an ihnen toll? Was macht sie besonders? Wo waren sie heute kooperativ? Das bringt uns wieder in eine wohlwollende Haltung. Und zu guter Letzt können wir Verträge ausmachen: „Wenn du mich jetzt 20 Minuten ausruhen lässt, höre ich dir danach wieder zu, lese dir vor, spielen wir etwas.“ Dafür den Wecker stellen oder die Uhr zeigen, denn Kinder können Zeit oft nicht einschätzen. Vielleicht sind sie nach Ablauf der Zeit ins Spiel vertieft und wir können fragen, ob wir noch etwas verlängern wollen.
Ja, der Herbst ist da. Er bringt uns Nähe. Heihussassa.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Weitere Informationen finden Sie auf meiner Website: www.Jessica-Rother.de und bei Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching


Ausgabe 3/2019

„MEHR HARMONIE BITTE!“ STREITAUSLÖSER ERKENNEN UND VERMEIDEN

Im letzten Heft ging es darum, wie Eltern und Kinder sich in Streitsituationen wieder verbinden können. Schön wäre es, gar nicht erst zu streiten, doch das wird nicht vollends gelingen. Wir haben unterschiedliche Charaktere, Meinungen und Bedürfnisse. Diese stehen sich zuweilen entgegen und müssen ausgehandelt werden. Wenn Kinder sich an ihren Eltern reiben, suchen sie manchmal gezielt den Widerstand, um zu verstehen, wie ihre Eltern funktionieren und wo ihre Grenzen sind. Reibung hat also auch Sinn. Trotzdem würden wir einige Konflikte gerne vermeiden. Hilfreich ist es, typische Streitauslöser zu kennen und ihnen vorzubeugen. Einige Beispiele:

Fragen stellen, die keine sind
Oft stellen Eltern eine Frage, um die Aufforderung dahinter zu verbergen und nett zu wirken. „Wollen wir jetzt die Schuhe anziehen?“ „Räumst du schon mal auf?“ Meistens hören wir ein „Nein“ und das zu recht. Wenn wir eine Frage stellen, müssen wir auch die Antwort akzeptieren.
Alternative: Eltern sollten Kindern klar sagen was sie wollen und die Aufforderung nicht hinter einer Frage verstecken: „Ich möchte, dass du deine Schuhe anziehst.“ oder eine Wahlmöglichkeit anbieten, die für sie vertretbar ist. „Möchtest du Schuhe anziehen oder Stiefel?“ Klar ist, eins von beiden wird angezogen. „Möchtest du vor dem Abendessen aufräumen oder direkt danach?“ Das Kind kann entscheiden, aber aufgeräumt wird auf jeden Fall. Wählt es nach dem Essen, kann man es dann freundlich daran erinnern. Wichtig ist hier das kleine Wörtchen „direkt“. Sonst könnte „nach dem Essen“ ein dehnbarer Zeitraum sein, der Nährboden für Streit bietet.

Abrupte Auf- und Abbrüche
Kinder leben im Hier und Jetzt. Schön vertieft ins Spiel auf dem Spielplatz, ruft Mama plötzlich: „Max und Maja! Kommt! Wir wollen jetzt nach Hause!“ Auf diesen unverhofften Aufbruch reagieren Kinder mit Protest oder mit Verhandlungen. Das kann anstrengend sein und Streit fördern.
Alternative: Übergänge ermöglichen. Kinder können sich innerlich vorbereiten, wenn Eltern rechtzeitig ankündigen, was passieren wird. Eventuell zwei oder drei Mal. „Wir müssen bald nach Hause gehen.“ Später: „Noch 2x Mal rutschen, dann gehen wir los.“ Mit älteren Kindern kann verhandelt werden: „Ich möchte bald nach Hause, denn wir wollen noch einkaufen. Was möchtest du noch zwei Mal machen, bevor wir gehen?“ Dann sollten wir auch gehen und nicht verhandeln. Sonst gibt es auch beim nächsten Mal Diskussionen.

Zu zweit auf das Kind einreden
Mama diskutiert mit Lea über heruntergeworfene Bauklötze. Lea will sie nicht aufheben. Papa meint es gut, möchte unterstützen: „Lea, mach was Mama sagt. Heb die Klötze auf!“ Lea verschließt sich oder beginnt zu kämpfen, denn zwei gegen einen empfinden selbst kleine Kinder als unfair.
Alternative: Eigene Grenzen und Regeln selbst aushandeln. Greift der Vater öfter ein, wirkt die Mutter unglaubwürdig, weil sie sich nicht selbst durchsetzt. Lea und Mama müssen ihren eigenen Weg finden, die Situation zu klären. Wenn Mama die Klötze selbst aufhebt oder so lange wartet, bis Lea es tut oder sich zurückzieht, weil sie merkt, dass sie in einem Machtkampf steckt, ist das ihre Entscheidung. Papa muss das aushalten, auch wenn er selbst anders handeln würde.

Unklare Regeln/Ambivalenz
Mal ist es erlaubt, das Brötchen im Zimmer zu essen, mal gibt es dann Ärger. Das soll einer verstehen. Wenn eine Regel heute gilt und morgen nicht, sie also diskutabel ist, merken Kinder es und testen aus oder diskutieren. Haben Eltern dann keinen guten Tag, kann schnell Streit entstehen.
Alternative: Feste Regeln und Grenzen sind für Kinder leichter einzuhalten, weil sie klar sind. Eltern wiederrum fällt das Durchsetzen leichter, wenn sie eine Regel vor sich selbst gut begründen können. Straßenverkehr ist ein gutes Beispiel. Es droht Gefahr und wir sagen „Stopp!“, ohne Verhandlung. Da sind wir ganz deutlich. Sinnvoll ist es auch, Regeln, die wir nicht begründen können, zu überdenken. Vielleicht können wir an dieser Stelle gelassener werden oder diesen Punkt ganz streichen. Das kann das Familienleben entlasten.

Das Kind ist „drüber“
Müdigkeit, Hunger, Ruhe, Rückzug, diese wichtigen Bedürfnisse äußern Kinder häufig nicht. Eher werden sie übellaunig und Streit entsteht. Manchmal haben Kinder auch keine Chance, ihr Bedürfnis nach Ruhe zu erfüllen, wenn Eltern sie nach der Kita noch zum Turnen oder Einkaufen mitnehmen.


Alternative: Kinder im Blick haben. Durch Beobachten können Eltern herausfinden, wann die Kinder beginnen zu nörgeln und erkennen, was sie in diesem Moment brauchen. Vielleicht ist das Turnen nach einem langen Kita-Tag eine Überforderung? Vielleicht muss das Kind früher ins Bett? Geregelte Essenszeiten können dem „Hungerloch“ vorbeugen. Gleiches gilt für die Bedürfnisse der Eltern. Zu beobachten, wann wir dünnhäutig werden, kann helfen vorzubeugen. Vielleicht isst Papa noch eine Banane bevor er die Tochter aus der Kita abholt, weil Hunger seinen Nerven nicht gut tut?

Die Liste ist nicht vollständig. Wir werden noch oft streiten. Gut so. Denn Konflikte sind wichtig für die Entwicklung von Kindern. Sie lernen sich zu behaupten, ihre Meinung zu vertreten, Kompromisse auszuhandeln, zurückzustecken, Disharmonie auszuhalten und sich wieder zu vertragen. Wenn also der nächste Streit nicht vermeidbar ist, sehen wir ihn doch einfach als Erwerb von Kompetenzen, die unsere Kinder fürs Leben stärken.


Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Aktuelle Termine und weitere Informationen finden Sie auf meiner Website: www.Jessica-Rother.de und bei Facebook: Jessica Rother – Erziehungscoaching


Ausgabe 2/2019

SICH IM STREIT WIEDER VERBINDEN

„Zieh die Jacke an, wir müssen los!“ „Nein, ich will noch spielen!“ „Wir kommen zu spät. Zieh dich jetzt an!“ „Nein!“ „Es reicht mir! Wir gehen heute Nachmittag nicht mehr Eis essen!“ Solche oder ähnliche Streitgespräche bekomme ich von Eltern häufig beschrieben. Meistens wünschen sie sich, dass sie den Konflikt anders hätten lösen können und fragen sich, was schief gelaufen ist.

Wann entsteht Streit?
Eltern streiten mit Kindern häufig über das Missachten von Regeln und (persönlichen) Grenzen oder über ein Verhalten, das sie nicht tolerieren wollen. Darüber zu diskutieren und zu verhandeln ist völlig in Ordnung. Doch oft werden wir dabei laut und verletzend. Es kommt vor, dass Eltern eine Strafe aussprechen, ihr Kind grob anfassen oder Worte sagen, durch die sie Kinder abwerten: „Nichts kannst du allein!“ Dass das nicht ok ist, spüren wir reflektierten Eltern eigentlich schon in dem Moment, in dem es geschieht. Anschließend fühlen wir uns schuldig, schließlich sind doch wir die Erwachsenen, die ihre Gefühle eigentlich regulieren können sollten. Wir möchten mit gutem Beispiel voran gehen und unsere Kinder nicht verletzen. Warum klappt es dann so oft nicht?

Die Aggression ist Schuld
Aggression, die verletzendem Handeln oft zugrunde liegt, kann durch das Gefühl von Hilflosigkeit entstehen oder wenn wir uns nicht wert geschätzt fühlen. Schreit das Baby und wir können es nicht beruhigen, isst ein Kind nicht und wir sorgen uns um seine Gesundheit, fühlen wir uns hilflos. Provoziert uns ein Kind, indem es an allem herum meckert, glauben wir, dass der geliebte kleine Mensch nicht anerkennt, was wir ihm zuliebe alles tun. Dann können Emotionen überkochen. Wir brüllen oder handeln unfair. Schon wieder. Erneut schlagen die Schuldgefühle zu und machen alles noch schlimmer. Denn wenn Eltern die Ansicht verinnerlichen, dass sie schlechte Eltern sind, kann es passieren, dass sie immer wieder unfair handeln und diese Meinung so bestätigen.

Gegensätzliche Bedürfnisse
Das Kind hat ein Bedürfnis. Es will zum Beispiel weiter spielen. Mama oder Papa haben ein anderes Bedürfnis. Sie wollen sich an Zeitabsprachen halten und pünktlich sein. Beide Bedürfnisse passen nicht zusammen. Häufig übergehen Eltern das Anliegen der Kinder, weil sie glauben, dass sie besser wissen, was gerade wichtig für das Kind oder den Tagesablauf ist. Das Bedürfnis des Kindes ist somit nicht gleichwertig. Dadurch fühlen sich Kinder in ihrer Würde verletzt. Besonders, wenn am Ende auch noch das geliebte Eis gestrichen wird.

Stellen wir uns vor, dass mit uns so umgegangen würde, in Partnerschaft oder Berufsleben, können wir nachvollziehen, dass die Beziehung darunter leidet. Kinder haben den Wunsch nach Aufrechterhaltung ihrer Würde, genau wie wir Erwachsenen. Darum protestieren sie. Bleibt ihr Protest erfolglos, kämpfen sie vielleicht an anderer Stelle mit uns, um sich dort durchzusetzen. Ein Nährboden für Machtkämpfe. Auch Kinder möchten, dass wir sie wert schätzen. Mangelnde Wertschätzung und Hilflosigkeit kann auch sie aggressiv machen.
Wie können wir aus diesem Kreislauf aussteigen?

Verbindung herstellen
In einem Streit verlieren wir kurzzeitig die Verbindung zu unserem Kind. Ein Weg, um aus dieser „Streitfalle“ auszusteigen, besteht darin, unsere emotionale Verbindung wieder herzustellen, z.B. durch echtes Verständnis: „Ich würde dir gerne sagen, was ich von dir verstanden habe.“ Der Fokus sollte auf den Gefühlen und Bedürfnissen liegen: „Du bist sauer, weil du so gerne weiter spielen würdest, oder?“ Fühlen sich die Kinder verstanden, steigt das Gefühl der Wertschätzung und die Kooperationsbereitschaft.

Stimmt unsere Vermutung nicht, fragen wir auf einfühlende Weise weiter, bis wir eine Idee davon bekommen, um was es wirklich geht. Vielleicht ist der beste Freund heute nicht in der Kita und das Kind fühlt sich dort allein? Wir könnten auch fragen, was das Kind gerade von uns verstanden hat. Manchmal liegt nur ein Missverständnis vor. Wenn wir uns gegenseitig gut verstanden haben, können wir Verbindungsfragen formulieren: „Wie geht es dir mit dem, was ich dir gerade gesagt habe?“

Sind wir verbunden, können wir Kompromisse finden
Wir spüren deutlich, wenn wir wieder in Kontakt miteinander sind. Der Ton wird ruhiger, wir haben Blickkontakt, Körper und Mimik entspannen sich. Die Aggression auf beiden Seiten verfliegt. Nun können wir unsere gegensätzlichen Bedürfnisse offen legen: Ich möchte dies, du möchtest das. Wie können wir das hinkriegen? Oft sind Kinder sehr kompromissbereit, wenn sie merken, dass ihr Bedürfnis als gleichwertig anerkannt wird. Wenn es nicht direkt erfüllt werden kann, können wir signalisieren: Ich habe das gehört und ich kümmere mich darum, dass wir z.B. nach der Kita genug Zeit haben, um weiter zu spielen. Dieser Weg braucht ein wenig Übung.

Zu Beginn dauert es vielleicht etwas länger. Doch wenn wir uns darin üben, auf die Bedürfnisse und Gefühle der Kinder zu sehen, kommen wir immer schneller zum Kern des Konflikts und damit zu einer Lösung, die für alle schöner ist, als ein gekränktes Kind in der Kita abzugeben und dann mit Schuldgefühlen oder wütend zur Arbeit zu fahren. Und aufs Eis am Nachmittag müssen wir dann auch nicht verzichten.

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coachings zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Alle Informationen gibt es auf der Website: www.Jessica-Rother.de


Ausgabe 1/2019

DEINE WUT MACHT MICH RASEND – UMGANG MIT KINDLICHEN WUTANFÄLLEN

Es gibt Situationen, die bringen Eltern in Rage.
Die Mutter möchte den Spielplatz verlassen und ihr Liebling wirft sich auf den Boden und schreit so laut, dass sich alle Augen auf sie richten. Sie fühlt sich bloßgestellt und beobachtet.

So könnte es weiter gehen: Mama beugt sich hinunter, redet ruhig auf das Kind ein und erklärt, warum sie los müssen. Das Kind wütet weiter. Mama wird angespannter und versucht das Kind zum Aufstehen zu bewegen. Der kleine Liebling strampelt und schlägt um sich. Nun wird Mama lauter und verbietet den Nachtisch am Abend. Das Kind fühlt sich ungerecht behandelt und schreit. Am Ende klemmt Mama das strampelnde Bündel unter den Arm und trägt es zum Ausgang. Für sie ist der Rest des Tages gelaufen und sie fragt sich, was da eigentlich passiert ist.

Wann werden Eltern wütend?
Wut kann verschiedene Auslöser haben. Hilflosigkeit zum Beispiel. Wenn Eltern nicht wissen, wie sie ihr Kind beruhigen oder ihm helfen können, wie sie die Situation lösen sollen. Das Gefühl, nicht ausreichend wert geschätzt zu werden, kann negative Emotionen anfeuern. Ebenso der Eindruck, dass nichts was sie sagen, bei den Kindern ankommt und sie immer um die gleichen Themen streiten.
Andere Auslöser können mit uns selbst zu tun haben. Wir sind weniger belastbar wenn wir müde oder hungrig sind, wenn wir einem Ruhebedürfnis nicht nachgehen können und zu wenig auf uns achten.

Wann werden Kinder wütend?
Kinder werden wütend, wenn sie durch zu hohe Anforderungen oder zu viele Reize überfordert sind. Wenn sie sich machtlos, entmutigt oder ungerecht behandelt fühlen, oder wenn Eltern ihren Bedürfnissen zu selten Raum geben, beginnen sie zu kämpfen. Genauso wie bei Erwachsenen, ist auch die Zündschnur von Kindern kürzer, wenn sie hungrig oder müde sind. Für Kinder ist es anstrengend, sich den ganzen Tag anzupassen und Regeln zu folgen in Kita oder Schule. Zuweilen müssen sie sich bei ihren Eltern Luft machen. Es ist ein Zeichen dafür, dass sie sich bei ihnen sicher fühlen. Hier dürfen sie auch einmal „ausrasten“ und werden aufgefangen.

Was hilft Eltern?
Erleben wir einen Wutanfall unseres Kindes, sollten wir möglichst ruhig bleiben und es nicht persönlich nehmen. Wir bleiben beim Kind, warten ab ohne weiter über das Thema zu diskutieren. Stattdessen benutzen wir kurze Sätze: „ich bin bei dir“, „ich verstehe dich“, „Treten ist nicht ok, du darfst aber stampfen“. Fühlen wir uns sehr provoziert und befürchten laut oder ungerecht zu werden, ist es hilfreich, sich erst einmal selbst zu beruhigen. Abstand zum Kind und zur Situation ist förderlich. Dafür kann man den Raum verlassen, tief in den Bauch atmen, langsam bis 10 zählen, ein Lied singen, sich Musik anmachen oder tanzen. Es ist schwierig, wütend zu bleiben, wenn man singt und tanzt. Vielleicht macht das Kind sogar mit? Das löst die angespannte Situation auf.


Ebenso ist es hilfreich zu verstehen, was hinter dem Ausbruch stecken könnte. Manchmal sind es Gefühle, wie Verzweiflung, Traurigkeit, Angst, Verletzung, Überforderung, Müdigkeit, Hunger. Mit diesen Emotionen können Eltern oft besser umgehen.

Was hilft Kindern?
Wut ist ein wichtiges Gefühl. Sie zeigt, dass unsere Grenze überschritten wurde. Sie hilft uns, uns zu behaupten und zu entlasten. Wenn Wut nicht erlaubt wird, kommt bei dem Kind an: du bist nicht ok,
weil du wütend bist. Die Wut verschwindet aber nicht einfach, sie wird nur unterdrückt. Das könnte schädliches autoaggressives Verhalten begünstigen. Wut sollte also erlaubt sein aber in einem Rahmen, der für Eltern in Ordnung ist. Wir können unseren Kindern helfen, einen anderen Umgang zu erlernen. Dazu können wir unsere Grenzen aufzeigen:

„Ich möchte von dir nicht getreten oder angebrüllt werden.“ und mit dem Kind besprechen, auf welche Weise es seine Wut ausleben darf: Stampfen, Schreien, ins Kissen Boxen, Wut aus dem Fenster werfen, Wutbälle drücken, Papier zerknüllen, eine Wutkiste mit Kastanien füllen, in die man Stampfen darf, einmal um den Block rennen. Eltern sollten möglichst bei dem Kind bleiben, es begleiten in seiner Wut, ohne dabei auf das Kind einzureden. Es ist ohnehin erst wieder für Verhandlungen aufnahmefähig, wenn der Zorn verflogen ist. Fragen wir die Kinder auch nach eigenen Ideen fördert es zusätzlich das Gefühl der Gleichwertigkeit.

Es ist sinnvoll zu überlegen, welches Vorbild wir bieten. Werden wir laut? Ungerecht? Setzen wir unsere Körperkraft ein? Kinder schauen sich unser Verhalten ab. Manchmal bringen uns gerade die Kinder besonders in Rage, die uns ähnlich sind. Wir können auch mit den Kindern gemeinsam lernen, anders mit unseren Gefühlen umzugehen. Dann boxen wir zusammen ins Kissen oder stampfen durchs Wohnzimmer.

Und danach?
Nach einem Wutanfall können Eltern und Kinder in Ruhe miteinander sprechen. Wir können uns entschuldigen. Ich kann dem Kind erklären, wie ich mich fühle, wenn es mich haut. Wir überlegen zusammen, was wir nächstes Mal anders machen könnten. Auch über die wutauslösende Situation kann jetzt gesprochen werden. Mama kann erklären, warum sie den Spielplatz verlassen mussten. Vielleicht trifft sie eine Abmachung mit dem Kind: „Nächstes Mal sage ich dir vorher, dass wir gleich gehen müssen. Dann darfst du dir noch 2 Dinge aussuchen, die du machen möchtest.“

Jessica Rother ist Diplom-Pädagogin, individualpsychologische Beraterin und Logopädin. Sie bietet Eltern-Kurse und Einzel-Coaching zu erzieherischen, beruflichen oder persönlichen Themen an. Mit ihrer Familie lebt sie in Hamburg-Rahlstedt.

Alle Informationen gibt es auf der Website: www.Jessica-Rother.de

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