Der Pastor lässt die Kirche im Dorf

Kolumnen-Portrait von Pastor Marks
Matthias Marks

Hier könnt Ihr hören und lesen, was Pastor Matthias Marks in unserem Stadtteil so hört und erfährt. Er setzt die Kirchenbrille auf und gibt uns humorvolle oder kritische Einblicke ins Weltgeschehen. Er wählt stets eine leicht verständliche Sprache, so dass seine Beiträge immerzu einfach zu verstehen sind. Damit Ihr wisst, was gemeint ist, klickt Euch durch seine Beiträge.

Ausgabe 6/2021

Singen – auf dass es Weihnachten werde!

VS: Weihnachten rückt näher. Worauf freuen Sie sich am meisten, Pastor Marks?
MM: Am meisten freue ich mich darüber, dass wir wieder singen dürfen. Denn das habe ich, das haben viele, mit denen ich gesprochen habe, im vorigen Jahr am meisten vermisst. Da war wegen der Pandemie vieles nicht erlaubt, was für uns unbedingt zu Weihnachten dazugehört. Und wenn das nicht möglich ist, merkt man erst, wie sehr man es braucht. Es ist etwas anderes, ob ich zuhause eine CD mit Weihnachtsmusik einlege und alleine dazu mitträllere oder ob ich mit anderen zusammenkommen kann und wir in der vollbesetzten Kirche gemeinsam im großen Chor die Weihnachtslieder singen können.
VS: Wie kommt es, dass das Singen an Weihnachten eine so große Bedeutung hat?
MM: Singen hat ja nicht nur an Weihnachten eine große Bedeutung. Sondern überhaupt. Ich teile, was Martin Luther einmal sagte: „Ich liebe die Musik. Denn sie ist ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen; sie macht fröhliche Herzen; sie verjagt Zorn, Begierden, Hochmut.“ Deshalb hat Luther selbst auch Lieder gedichtet, um den neuen Glauben unters Volk zu bringen. Wissenschaftler sind sich einig: ohne die Musik, ohne die Lieder hätte es die Reformation so nie gegeben. Glaube und Musik gehören untrennbar zusammen. Dazu könnten Sie unsere Kirchenmusikerin mal zum Interview einladen, sie könnte Ihnen mehr darüber sagen. Was Weihnachten betrifft, da sind es wohl die Stimmungen und Gefühle, die für uns zu diesem Fest gehören und die beim Musizieren und Singen auf unübertreffliche Weise zu ihrem Recht kommen.
VS: Besonders wohl beim „O du fröhliche“.
MM: In der Tat. Kennen Sie die Krippenandachten im Michel? Eine Hamburger Tradition, die in diesem Stil europaweit einzigartig ist. Vom 1. Weihnachtstag bis 1. Januar jeden Abend um 18 Uhr. Immer steht ein Oratorium oder Teile daraus im Mittelpunkt, umrahmt von einer schlanken Liturgie. Und zum Schluss dann das „O du fröhliche“, gesungen im Chor von 2500 Menschen im Allround-Sound aller vier Orgeln und bei der letzten Strophe geht es einen Ton höher und das Orchester und die Zimbeln der großen Orgel kommen dazu. Da wird einem ganz anders. Da geschieht etwas, das man mit Worten kaum beschreiben kann. Sehr ergreifend. Voriges Jahr mussten diese Krippenandachten wegen Corona ausfallen. Auch dieses Jahr wird der Michel sicher noch nicht so vollbesetzt sein dürfen. Und die Masken verschlucken viel … – Aber es muss überhaupt nicht dieses Mega-Erlebnis im Michel sein. Auch bei uns in Rahlstedt hat die Musik und das gemeinsame Singen in der Kirche eine große Bedeutung – gerade an Weihnachten.
VS: Dieses Jahr wird es – soweit ich informiert bin – wieder überall Weihnachtsmärkte geben. Natürlich mit Maskenpflicht und je nach dem auch unter 3G. Dieser Rummel ist zwar nicht so mein Ding, aber irgendwie gehört es doch dazu, um ein bisschen in Advents- und Weihnachtsstimmung zu kommen, einen Glühwein zu trinken und so. Da wird man ja auch von allerhand weihnachtlicher Musik umgeben: „Last Christmas I gave you my heart“, und wie diese Lieder alle heißen.
MM: Ach ja. Wie könnte es anders sein? Weihnachten ist so populär und erscheint in so vielen Bereichen zum Teil so schräg und krass kommerzialisiert, dass man es der Musikbranche nicht verübeln kann, dass auch sie Weihnachten als Event nutzt, um Geld zu verdienen. Das Lied von der Gruppe „Wham“ aus den 1980er Jahren, das Sie erwähnen, gilt übrigens als eines der meistgespielten Lieder in der Advents- und Weihnachtszeit. Dabei hat der Text gar nichts mit Weihnachten zu tun.
VS: Was ist Ihr persönlicher Weihnachts-Hit, Pastor Marks?
MM: Vielleicht verwundert es Sie, aber es ist nicht „O du fröhliche“ (lacht). Da gibt es in unserem Evangelischen Gesangbuch so manch anderes Lied, das ich immer wieder gern singe. Zum Beispiel: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Martin Luther, von dem es stammt, sagte von sich selber, dass er zum Dichten und Komponieren von Liedern nicht genügend Talent habe. Aber er hat uns einen reichen musikalischen Schatz hinterlassen, unter anderem dieses Weihnachtslied, das er 1535 für seine Kinder geschrieben hat. Es ist ein gesungenes Krippenspiel. Vor ein paar Jahren habe ich die Entstehungsgeschichte mal mit Konfirmand*innen in einem Krippenspiel für unsere heutige Zeit inszeniert. Ich hoffe, Corona erlaubt es bald, dass wir es vielleicht auch hier in Rahlstedt mal aufführen können. Natürlich gibt es weitere Lieder, die mir am Herzen liegen. Übrigens kaum die neueren, die textlich oft so flach und melodisch oft so konstruiert daherkommen. Wenn Sie mich nach meinen Hits fragen, stehen die Weihnachtslieder von Paul Gerhardt für mich nach wie vor ganz oben.
VS: Was haben die, was andere nicht haben?
MM: Darüber wäre viel zu sagen. Dafür reicht der Platz hier im „Rahlstedter Leben“ nicht aus. Versuchen wir´s kurz: Ich spüre beim Singen, dass Text und Musik eine Einheit bilden. Paul Gerhardt war Pastor, der die Gabe hatte, für seine Liedverse Worte zu finden, die im Geist der biblischen Tradition theologisch durchdrungen und zugleich so einfach und persönlich, existenziell bedeutsam und schön gereimt sind, dass nicht nur er und seine Zeitgenossen, sondern auch wir heute sehr tief durch sie berührt werden. Und er hatte das Glück, dass er in den Gemeinden, wo er tätig war, mit Kirchenmusikern zusammenarbeiten konnte, die sein Talent erkannt und seine Verse vertont haben, allen voran Johann Crüger und Johann Georg Ebeling. Ganz große Musiker und Komponisten, die selbst von dem damals so neuen christlichen Geist beflügelt waren und dies in so einfachen und tief berührenden Melodien ausdrücken konnten.
VS: Haben Sie ein Beispiel?
MM: Mein absoluter Lieblings-Hit ist „Ich steh an deiner Krippen hier“ (Ev. Gesangbuch Nr. 37). Da passt alles zusammen. Wenn ich dieses Lied höre oder am besten mit vielen in der Gemeinde an Heiligabend singe, dann wird es in allen Phasen meines Körpers, meiner Seele und meines Geistes echt Weihnachten. Fast wehre ich mich dagegen, diese Erfahrung genauer zu analysieren, aus Angst sie kaputt zu machen. Denn das Lied berührt etwas äußerst Verletzliches und Zerbrechliches in mir. Und wohl nicht nur in mir. Jede und jeder merkt es, wer es wagt, zu Weihnachten seine Panzer abzulegen und sich im Kern seines Wesens und seiner Lebendigkeit berühren zu lassen. Die Melodie hat etwas Fröhliches und Melancholisches zugleich. Sie trägt und umfängt die Verse, in denen es um die Begegnung mit dem Kind in der Krippe von Bethlehem geht und was das mit meiner eigenen Kindheit zu tun hat. Verse, in denen ich mich selbst wiederfinden kann: mit den Erfahrungen, wo Gott mir in schweren Situationen geholfen hat; wo die zerbrochene Seele wieder zusammengefügt wurde; mit der Hoffnung, dass Gott so auch künftig für mich und für uns alle da ist und die Welt in seinen Händen hält. Dies alles und noch mehr transportiert dieses Lied, nicht nur über den Text. Die Melodie spricht das ganze Pensum der Gefühlswelt an, die zu Weihnachten gehört. Ursprünglich war es eine andere. Die heutige stammt aus dem Gesangbuch des Zeitzer Schlosskantors Schemelli von 1736. Johann Sebastian Bach war als Berater daran beteiligt. Aber ob Bach, wie es unser Gesangbuch sagt, wirklich allein der Erfinder dieser Melodie ist, wird bis heute bezweifelt. Ich hätte sie auch Johann Crüger oder Johann Georg Ebeling zugetraut. Aber die waren da schon, genau wie Paul Gerhardt, längst nicht mehr unter den Lebenden.
VS: Sie machen mich neugierig auf Ihren Lieblings-Weihnachts-Hit. Können Sie nicht mal darüber predigen? Mir scheint, die meisten Leute, die Heiligabend zum Gottesdienst kommen, wissen gar nicht, welche Schätze solche Lieder in sich tragen. Man singt sie, spürt vielleicht, dass sie etwas mit einem machen, aber möchte es doch gern auch verstehen.
MM: Eine gute Idee, Frau Siems. Die nehme ich mit. In großer Vorfreude darauf, dass wir dieses Jahr – wenn auch noch mit Maske, aber dennoch – wieder singen dürfen!
VS: Vielen Dank, Pastor Marks, für dieses Interview. Ich wünsche Ihnen besinnliche Advents- und Weihnachtstage – wenn ich das so sagen darf, denn im Pastorendienst ist es ja Hoch-Zeit. Auf jeden Fall dann auch einen guten Start ins neue Jahr.
MM: Das wünsche ich Ihnen, Ihrer Familie und der ganzen Leserschaft des „Rahlstedter Lebens“ auch: Ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes und friedvolles Jahr 2022.


Ausgabe 5/2021

Wie viel Religion steckt in Tattoos?

VS: Wie Sie wissen, Pastor Marks, greifen wir im „Rahlstedter Leben“ gern Themen mitten aus dem Alltag auf. Heute wieder ein Besonderes zum Interview mit ihnen. Und da falle ich gleich mal mit der Tür ins Haus: Haben Sie ein Tattoo? Wenn Ja: Wo? Und welches Motiv?
MM: Nein. Ich habe kein Tattoo. Bis auf die eine oder andere Narbe. Erinnerungsmale an Geschichten, die das Leben schrieb. Und Sie, Frau Siems, haben Sie ein Tattoo?

VS: Nein.
MM: Da haben Sie sich ja wieder ein spannendes, aktuelles Thema überlegt. Tattoos sind ‚in‘. Wie ich mal gelesen habe, ist jeder zehnte Bundesbürger tätowiert oder hat ein Piercing.

VS: Was meinen Sie: Ist das eine Modeerscheinung?
MM: Rein äußerlich betrachtet sind Tattoos Körperschmuck. Manchmal ohne tiefere Hintergründe, entstanden aus einer Laune heraus, als Nachahmung von Idolen, sexueller Kick, erotische Stimulation, Geltungsbedürfnis. Aber wenn man tiefer fragt, warum sich jemand tätowieren lässt, können die Bilder, Zeichen, Zahlen und Worte, die mit Tinte in bzw. unter die Haut gestochen werden, manchmal aufschlussreiche Botschaften enthalten. Da kann es um existenzielle Dinge, um Bewältigung von Krisen, bedeutsame Erinnerungen, Orientierung, Identitätssuche usw. gehen.

VS: Oft sieht man auch religiöse Motive. Manchmal sogar bei Menschen, die mit Kirche nichts am Hut haben.
MM: Ja. Da kommen spirituelle Fragen und Bedürfnisse zum Ausdruck, die oft mit der persönlichen Lebensgeschichte zusammenhängen. Zum Beispiel ein besonderes Erlebnis, das – im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Haut gegangen ist. Es soll nicht in Vergessenheit geraten und wird dann als Tattoo festgehalten. Wer sich tätowieren lässt, findet das meistens nicht nur einfach schön, sondern bringt damit auch etwas von sich selbst zur Ansicht, wofür es vielleicht (noch) keine Worte gibt.

VS: Tattoos werden ja richtig in die Haut hineingestochen. Aua!
MM: Tja, das gehört dazu. Wer sich tätowieren lässt, muss das ertragen – und will das manchmal auch ertragen. Beim Stechen von Tattoos wie auch Piercings werden körperliche und/oder emotionale Spannungszustände kompensiert. Da wird die äußere Haut zur Darstellung eines inneren Konflikts benutzt. Narkose ist ja verpönt. Der Schmerz beim Stechen wird wie eine Mutprobe dafür empfunden, ob die ungleich schmerzhaftere Auseinandersetzung mit der seelischen Verletzung, also mit dem, was ‚echt‘ an die Nerven geht, vielleicht gelingen könnte. So wie die körperliche Wunde heilt, möge bitte auch die seelische Wunde heilen. Ob ein Tattoo das wirklich leisten kann, ist allerdings fraglich.

VS: Es heißt ja auch: Aus der eigenen Haut kommt man so leicht nicht raus.
MM: Manche Fachleute sagen, Tattoos halten unerträgliche Gefühle bloß auf Distanz, sind nur ein Aufschub, ein Snapshot von der Situation, in der man emotional steckengeblieben ist. Ein Tattoo kann also nur vorübergehend beruhigen. Ob viele deshalb mit nur einem Tattoo nicht zufrieden sind und sich bald danach ein weiteres und dann noch eins und noch eins stechen lassen?

VS: Wer weiß? Aber früher trugen doch vor allem Sklaven, Seeleute und Häftlinge ein Tattoo.
MM: Ja, das hatte andere Gründe. Früher dienten Tätowierungen dazu, Menschen zu Besitzstücken und Zwangsarbeitern zu machen, wie der Brandstempel auf Tieren. Genau umgekehrt galten Tattoos dann aber auch als Überlebens-, Schutz- und Freiheitszeichen. Man trug sie als Dank für das neugeschenkte Leben. In diesem Sinne ist übrigens auch in der Bibel davon die Rede, wo jemand zur Erinnerung an seine Befreiung durch Gott ein Zeichen an seinem Leib trägt (Galater 6, 17). Wieder anders erscheint die Bedeutung der Stigmatisierung in der Tradition des tätowierten Seemanns, die sich durch Kapitän James Cook von England aus verbreitet hat. Da ist die Tätowierung ein Identitätsmerkmal. Seemann zu sein, ist eine Auszeichnung. Man versteht sich als Teil einer exklusiven Gruppe.

Ehemalige Häftlinge tragen Tattoos mit Spinnen am Hals oder Hinterkopf, mit Tränen an den Augenrändern („Knasttränen“) oder mit drei Punkten zwischen Daumen und Zeigefinger („Nichts gesehen, nichts gehört und nichts gesagt“). Da hat es mit den Tattoos also einen Wandel gegeben. Was gesellschaftlich früher als negativ galt (Schande, Sünde, Verbrechen, soziales Außenseitertum), wird später zunehmend im positiven Sinne als Zeichen von etwas Herausgehobenem, Besonderem und Exklusivem verstanden und ästhetisch zur Schau getragen. In den 1970er Jahren werden Tätowierungen bei Punks und Rockern modern. Stars im Profi-Fußball und in der Musikbranche werden mit ihren Tattoos zu Vorbildern einer modernen Jugendkultur.

VS: Nochmal zurück zu den religiösen Motiven. Was sagen Sie als Pastor dazu, wenn jemand mit einem Kreuz-Tattoo herumläuft? Manche lassen sich ja auch die aufgeschlagene Bibel auf den Arm tätowieren, wo man einen besonderen Vers lesen kann. Oder eine Madonna oder Engel- und Teufelsgestalten oder betende Hände, oder ein Glaubensbekenntnis: „In God´s Hands“.
MM: Die Welt ist voll von Liturgie. Also von Bildern, Zeichen und Worten, die zeigen, woran Menschen glauben. Tattoos können Zeichen der Hoffnung und Zuversicht auf eine Macht sein, die höher, größer, weiter ist als man selbst und diese Welt. Ausdruck des Glaubens an eine letzte Wahrheit, eine umfassende Güte und Gerechtigkeit, Quelle von Liebe und Frieden. Aber so neu ist das gar nicht. Schon bei den frühen Christen war es üblich, sich zur Vergewisserung ihres Glaubens und als Identifikationszeichen die Initialen CX oder I.N. (Iesus Nazarenus) bzw. christliche Symbole (Lamm, Kreuz, Fisch) auf Stirn oder Handgelenk stechen zu lassen. Dass die Welt heute immer unreligiöser wird, wie manche Leute behaupten, stimmt einfach nicht. Nur ist die Kirche eben nicht (mehr) der einzige Ort, wo dies ausgelebt wird. Gottesdienst muss heute viel umfassender verstanden werden.

VS: Tattoo-Studio als Beichtstuhl?
MM: In gewisser Weise schon. Warum auch nicht? Obwohl derjenige, der sich tätowieren lässt, das selbst wohl nicht so nennen würde. Oft sind es ja auch unbewusste Gründe, die den Gang zum Tattoo-Studio motivieren. Über Tattoos werden Lebenserfahrungen ausgetauscht, Botschaften gesendet, äußern Menschen ihre Not, ihr Glück, ihre Verzweiflung, ihre Sehnsucht nach etwas, das bleibt, ihr Bedürfnis nach Anerkennung trotz allem, was nicht gut war oder nicht gut ist, nach Vergebung, der Chance für einen Neuanfang, nach Heilwerden im umfassenden Sinne. Tattoos können – so gesehen – auch Sinnbilder sein, eng verbunden mit der Gefühlswelt. Ob sie nun in religiöser Verkleidung daherkommen (Engel, Teufel, Maria, Jesus usw.) oder in anderen Gestalten (Drachen, mythische Helden, erotische Frauen, Totenkopf usw.), sie zeigen etwas von den Such- und Fluchtbewegungen im Leben dessen, der sich tätowieren lässt. Und dann kann man nur hoffen, dass sie nicht ins Leere laufen, sondern seelsorgliche Unterstützung finden.
VS: Sind Tattoos dann so etwas Ähnliches wie Ikonen?
MM: Wie viele Seiten in Ihrem Magazin hatten Sie für dieses Interview vorgesehen?

VS: Ach, habe ich da jetzt ein größeres Fass aufgemacht?
MM: Kann man wohl sagen. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, müssten wir so weit ausholen, dass ein Heft vom „Rahlstedter Leben“ nicht ausreicht. Aber spannend allemal. Hier nur kurz: Wer ein Tattoo trägt, verbindet damit häufig das Wirken magischer Kräfte. Das ist nichts Neues, sondern seit dem Ursprung des Phänomens vor vielen tausend Jahren in den verschiedenen Völkern der Welt – Afrika, Ägypten, Russland, Frankreich, den Kulturen Mikronesiens und Polynesiens, bei indigenen und japanischen Urbevölkerungen – üblich. Tattoos können Wunder vollbringen. Zumindest wird das von ihnen erwartet. Ähnliche Erwartungen und Erfahrungen werden in der christlichen Orthodoxie mit Ikonen verbunden. Sie gelten dort als heilige Bilder. Wer sie verehrt und küsst, darf damit rechnen, dass ihm die Sünden vergeben werden.

VS: In Tätowierer-Kreisen gibt es doch die Bezeichnung „Sin-Skin“.
MM: Ja genau. In Dortmund gibt es sogar ein Tattoo-Studio, das so heißt. Dort soll der Name natürlich im provokativen Sinne verstanden werden: als Adelung des Stigmas vom Außenseitertum. Aber die „Sünden-Haut“ erinnert natürlich an die biblische Geschichte vom „Sünden-Fall“ und trifft damit, vielleicht mehr als die Tätowierer und die Tätowierten ahnen, den Kern der Sache.

VS: Das soll aber nun nicht heißen, dass jedes Tattoo eine Ikone ist, oder?
MM: Um Himmels willen: Nein! Aber nun müssten wir länger darüber sprechen, was ein Bild ist, was Bilder können und was nicht.

VS: Das heben wir uns für ein anderes Mal auf. Danke, Pastor Marks, für dieses interessante Interview heute.
MM: Immer gern.


Ausgabe 4/2021

Über die Superhelden unserer Zeit

VS: Hallo Pastor Marks. Willkommen hier in unserem Redaktionsbüro. Für das heutige Gespräch haben wir uns wieder ein merkwürdiges Thema ausgedacht. Was sagen Sie als Pastor dazu: Gibt es so etwas wie eine göttliche Vorherbestimmung, dass manche Menschen zu Superhelden werden?

MM: Na ja, das hängt wohl davon ab, was man unter „Superheld“ versteht. Ist damit ein Mensch gemeint, der durch eine besondere Leistung berühmt geworden ist? Ein Idol, das man in der Jugendzeit anhimmelt? Ein Bühnenstar, der vom Publikum den Riesenapplaus bekommt? Eine Autorität, zu der man ehrfurchtsvoll aufblickt? Wer ein Superheld wird, ist von anderen auch dazu gemacht worden. Das muss erstmal nichts mit göttlicher Vorherbestimmung zu tun haben.

VS: Aber Superhelden strahlen doch etwas aus. Sie faszinieren uns. Auch noch im Erwachsenenalter. Neulich war die Fußball-Europa-Meisterschaft. Tausende von Menschen waren in den Stadien, Millionen saßen vor den Fernsehern. Unter den Spielern erhalten die Superstars immer besondere Aufmerksamkeit. Sogenannte Weltfußballer wie Cristiano Ronaldo zum Beispiel. Manche sprechen von einem „Fußballgott“. Ihm mal auf der Straße zu begegnen, würde so manchen Fan zum Erzittern bringen.

MM: Ja, aus Ehrfurcht vor einer Größe, die uns zugleich klein und groß macht. Klein, weil man meint, ihm die Hand nicht reichen zu können – symbolisch gemeint, faktisch werden es sowieso die Bodyguards zu verhindern wissen. Und groß, weil sich in seiner Nähe eigene tiefe Sehnsüchte bemerkbar machen, der Traum, selbst auch so ein Großer zu sein. Projektive Identifizierung heißt das Fachwort dafür, ein psychischer Mechanismus, der zur Regulierung des Selbstwertgefühls dienen soll.

VS: Wer sind denn Ihre Superhelden, Pastor Marks?

MM: An einem Cristiano Ronaldo, Uwe Seeler, Boris Becker usw. würde ich ziemlich unberührt vorbeilaufen. Die Hall of Fame des Sports liegt mir fern. Anders die Hall of Fame der Musik. Wenn mir Elton John, Eric Clapton, Paul McCartney, Phil Collins oder andere große Musiker, auch aus dem klassischen Bereich, über den Weg laufen würden, bekäme ich schon eine Gänsehaut. Aber Superheld? Da wüsste ich jetzt keinen Namen zu nennen.

VS: Was halten Sie von der Rockoper „Jesus Christ Superstar“?

MM: Die Musik wurde ja von dem damals noch unbekannten Andrew Lloyd Webber geschrieben. Tim Rice hat die Liedtexte in Anlehnung an die Bibelerzählungen der letzten sieben Tage Jesu verfasst. Ein eindrückliches Werk, das ich gern mal live hören und sehen würde. Einige Songs daraus werden ja inzwischen auch immer wieder im evangelischen und katholischen Gottesdienst gesungen. Aber Sie stellen die Frage sicher aus einem anderen Grund.

VS: Was halten Sie davon, dass Jesus Christus als „Superstar“ bezeichnet wird?

MM: Der Titel klingt natürlich reißerisch. Hollywood lässt grüßen. Aber die Geschichte der Passion Jesu wird in der Rockoper nicht so dargestellt, dass man auf den Gedanken käme, Jesus mit Filmhelden wie Superman, Spider Man, Batman und wie sie alle heißen zu vergleichen. Man könnte fragen, ob der Titel ironisch gemeint ist. Denn rein historisch gesehen ist Jesus mit seiner Botschaft gescheitert. Sein Leben, Reden und Handeln für das Reich Gottes hat ihn ans Kreuz gebracht. Ist so einer ein Superheld?

VS: Aber dann gab es ja die Auferstehung. Jesus hat den größten Feind des Lebens, den Tod besiegt. Das ist doch allemal eine Heldenleistung, oder?

MM: Auf jeden Fall. Und da passt nun Ihre Ausgangsfrage, ob es so etwas wie eine göttliche Vorherbestimmung dafür gibt, dass Menschen zu Superhelden werden. Als Christen glauben wir, dass Jesus für uns der Christus, das heißt Gottes Sohn ist. Ein Mensch, der mit göttlicher Vollmacht gesegnet war, in ziemlich vollkommener Weise die unendliche Liebe Gottes verkörpert und unter die Menschen gebracht hat. In seinem Geiste ist sie bis heute leibhaftig erfahrbar. Ein Dauerbrenner. Und das war und ist, so glauben wir, keine Laune der Natur, sondern göttlicher Wille, Gottes Rettungsplan für die Menschheit und insofern Vorherbestimmung.

VS: Hat Gott so einen Masterplan auch für uns, für dich und mich?

MM: Ich glaube, dass Gott viel daran gelegen ist, dass wir unsere besonderen Gaben und damit auch Aufgaben im Leben erkennen. Manches ist uns vielleicht in die Wiege gelegt, anderes findet sich mit der Zeit. Meist sind es nicht wir selbst, die darauf aufmerksam werden. Dafür brauchen wir den anderen, dafür braucht der andere uns. Und wenn wir uns so gegenseitig zu erkennen geben, wo unsere besonderen Stärken liegen, können sie sinnvoll gefördert, trainiert und kultiviert werden. Und wenn dies im Sinne der Liebe und des Friedens geschieht, spricht nichts dagegen, dies mit einem göttlichen Masterplan in Verbindung zu bringen. Platt gesagt: Gott hat nur unsere Hände und unsere Füße zur Verfügung, um die Welt zum Guten hin zu verwandeln.

VS: Das hieße ja, wir alle sind potenzielle Superhelden?

MM: Ja, und das nicht deshalb, weil wir uns damit den Applaus eines großen Publikums abholen und berühmt werden wollen. Die Superhelden unserer Zeit sind für mich ganz andere Menschen: Der Mann, der seine demente Frau zuhause pflegt, weil er sie liebt und ihr vor dem Traualtar sein Versprechen gegeben hat, in guten wie in schweren Zeiten an ihrer Seite zu sein. Die Kapitänin, die Kopf und Kragen riskiert, als sie ihr mit Flüchtlingen überladenes Schiff trotz Verbot und Strafandrohung in den Hafen steuert. Die Ärzte und Krankenpflegenden, die in der Corona-Hochzeit Übermenschliches geleistet haben. Und viele andere mehr, die überhaupt nicht in Erscheinung treten.

VS: Ein großartiger Masterplan: Jede und jeder, möglichst bunt und unterschiedlich mit den individuellen Gaben und Aufgaben, so dass wir uns, wenn es klappt, sinnvoll ergänzen und gegenseitig unterstützen.

MM: Wenn (!) es klappt. Wenn da nicht immer wieder die Angst wäre, selbst zu kurz zu kommen, der Zweifel, minderwertig zu sein, der Neid, wenn ich sehe, was der andere hat oder kann, was ich nicht habe oder nicht kann. Wir alle brauchen sie, die Vorbilder, die Idole, die Lehrerinnen und Lehrer, bei denen wir etwas finden von dem, was wir selbst als erstrebenswert und lebenswert erachten. Aber sie dürfen uns auch nicht im Wege stehen, wenn es darum geht, die eigenen Stärken zu entdecken, zu achten und an den Start zu bringen. Jeder Mensch ist einzigartig, nicht kopierbar. Auch das gehört zu Gottes Masterplan.

VS: Schön zu wissen, dass sich einer etwas dabei gedacht hat. Aber diese Einzigartigkeit ist damit ja auch eine Bürde: Wenn ich nicht wie alle bin. Wenn ich es wage, Ich zu sein, und damit nicht der Mehrheitsmeinung entspreche. Wenn ich mal wieder anecke, ablehnende Blicke und Gesten ernte, weil ich zu mir und meinen Überzeugungen stehe. Wie soll man damit umgehen?

MM: Niemand lebt nur für sich selbst. „Ich ist ein Anderer“ lautet das Credo des französischen Philosophen Emmanuel Lévinas. Er meint: Wenn ich wissen will, wer ich bin, tue ich gut daran, dem Anderen mein Ohr, meinen Blick, mein Herz zu öffnen. Er liest mir quasi vor, was bei mir über die Rampe kommt. Vor allem auch die Dinge, die ich nicht gern sehen will, die ich aus bestimmten Gründen ausblende und verdränge. Das hat Gott mit seiner Liebe schon prima eingerichtet: Wir sind aufeinander angewiesen, wenn es so etwas wie Freiheit und Wahrheit in dieser Welt geben soll. Das Recht, meine eigene Einzigkeit zu leben, setzt voraus, dass ich bereit und fähig bin, dem Anderen das gleiche Recht zuzugestehen. Das ist uns nicht in die Wiege gelegt. Das will gelernt sein: die Kunst des Liebens.

VS: Da kommt mir gerade ein Satz in den Sinn, den ich neulich irgendwo gelesen habe. Er stammt, glaube ich, auch von einem Philosophen. Ich weiß nicht, ob ich ihn zusammenkriege: „Jegliches Gesicht, das in das Deine blickt, sieht nichts von sich selber Verschiedenes, weil es seine eigene Wahrheit sieht. …“

MM: „ … Wer Dich also mit liebendem Blick anschaut, der fühlt Deinen Blick liebevoll auf sich gerichtet. Und mit je größerer Liebe er Dich anzublicken strebt, um so liebevoller wird Dein Blick ihm entgegenleuchten.“ Nikolaus von Cues.

VS: Vielen Dank, Pastor Marks, für das interessante Gespräch.

MM: Immer wieder gern. Ich danke auch.


Ausgabe 3/2021

Würde Jesus bei „Fridays for Future“ mitmachen?

VS:         Sie wissen ja schon, Pastor Marks, dass unsere Fragen an Sie immer ein bisschen ungewöhnlich sind. Aber wenn wir darüber ins Gespräch kommen, erfahren wir oft ungeahnt Neues. Und so lautet unsere heutige Frage: Was meinen Sie, würde Jesus bei „Fridays for Future“ mitmachen?

MM:      (Lacht). Ich denke schon. Unter den vielen jungen Leuten würde er wohl kaum auffallen. Aber Sie stellen die Frage ja sicher aus einem bestimmten Grund.

VS:         Natur- und Klimaschutz sind zunehmend brisante Themen. Und jetzt im Frühling und Sommer zieht es die Menschen hinaus. Wir freuen uns auf Aktivitäten im Freien bei angenehmen Temperaturen, spüren wieder, wie gut das tut. Und dann kommt der Gedanke, wie bedroht die Schöpfung ist.

MM:      Meinen Sie, die Fridays-for-Future-Bewegung würde ernster genommen, wenn die Menschen wüssten, dass Jesus die Sache unterstützt? Ähnlich wie bei anderen Hilfsaktionen, wo sich Promis engagieren oder die Schirmherrschaft übernehmen?

VS:         Ja, damit einfach mehr Aufmerksamkeit und Tatendrang entsteht. Wie steht die Kirche zum Klimaschutz? Was tut sie für den Naturschutz? Im Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel heißt es doch: Gott hat die Welt erschaffen, Himmel und Erde, Pflanzen und Tiere usw. Da kann es ihm doch nicht egal sein, was wir Menschen damit anstellen.

MM:      Nun reden wir auf verschiedenen Ebenen. Natur im biologischen Sinne ist ja nicht dasselbe wie Schöpfung im biblischen Sinne. Wer einen bewussteren und verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur fordert, bewegt sich in weltlichen Zusammenhängen. Was der biblische Schöpfungsbericht erzählt, sind ja Glaubensaussagen, wo es um geistliche Dinge geht, z.B. das Verhältnis von Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf.

VS:         Ach, ich erinnere. Das ist doch die Sache, die die Zeugen Jehovas gern für ihre Haustür-Missionen benutzt haben: „Glaubst du an die Schöpfung oder an den Urknall“, war da immer die Frage.

MM:      Ja, damit wollten sie die Leute in die Enge treiben: Glaube oder Nicht-Glaube? Entscheide dich! Aber auf diese Masche sollte man nicht reinfallen. Schöpfung – Urknall, das muss man nicht als Entweder-Oder sehen, sondern das kann beides nebeneinander bestehen. Es sind unterschiedliche Deutungen, die man nicht vermischen sollte.

VS:         Aber Naturschutz und Bewahrung der Schöpfung haben doch trotzdem miteinander zu tun. Wer das eine tut, kann das andere doch nicht lassen.

MM:      Das sehe ich auch so. Auf diese Weise kann man beide Deutungen aufeinander beziehen und zum Beispiel fragen: Was trägt mein christlicher Glaube dazu bei, dass ich verantwortungsvoll mit der Natur umgehe, dass ich mich für den Klimaschutz einsetze, dass ich ein Herz für Tiere habe usw.

VS:         Was ist Ihre Antwort?

MM:      Glaube ist für mich eine Seh-Schule. Er öffnet mir die Augen und alle anderen Sinne. Ich nehme die Welt intensiver wahr, gerate ins Staunen über die Wunder der Schöpfung und erkenne wie großartig das alles ist und funktioniert. Wie von selbst kommt da der Gedanke, dass dies kein Zufall sein kann, sondern dass ein großer Schöpfergeist und eine starke Schöpferkraft dahinter stehen muss. Albert Schweitzer nannte diese Haltung „Ehrfurcht vor dem Leben“.

VS:         Verstehe ich Sie richtig? Wer verantwortungsvoll mit der Natur umgehen will, muss sie zuerst einmal mit wachen Sinnen entdecken und lieben lernen.

MM:      Ja, diese Haltung teile ich mit Albert Schweitzer und vielen anderen Zeugen des christlichen Glaubens. Zu erkennen, dass ich selbst ein Teil dieser großartigen Schöpfung bin, macht mich klein und groß zugleich. Ich werde demütig und bin zugleich stolz darauf, ein Geschöpf dieses Schöpfers zu sein und zusammen mit den anderen Geschöpfen leben zu dürfen.

VS:         Angefangen beim Regenwurm bis hin zu dem Wechsel der Jahreszeiten.

MM:      O ja. Frühling, Sommer, Herbst und Winter – keine dieser Jahreszeiten möchte ich missen. Jede hat ihren Reiz. Vivaldi hat sie ja in seinem Werk „Die Vier Jahreszeiten“ feinsinnig und unverwechselbar anmutend zum Ausdruck gebracht. Diese Musik ist nicht nur Naturbeschreibung in Tönen, sondern trägt auch eine religiöse Dimension in sich.

VS:         Beim Komponieren wird das Geschöpf, inspiriert durch die Schöpfung, selbst zu einem Schöpfer.

MM:      Sie sagen es. Diesen Zusammenhang hat der Dichter des 8. Psalms in der Bibel wunderbar in Verse gekleidet: „Herr, mein Gott, Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk …“ (Ps 8, 4-7).

VS:         O je. Das hätte er sich vielleicht besser überlegen sollen, oder?

MM:      Tja, anders als Gott fabriziert der Mensch leider nicht nur Gutes. Den sogenannten „Herrschaftsauftrag“, den Gott dem Menschen laut Schöpfungsbericht gegeben hat, wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte so oft schon vergeigt und missbraucht. „Machet sie (meine Geschöpfe) euch untertan und herrschet über sie“, heißt es in der Lutherübersetzung (1. Mose 1, 28). Das haben viele missverstanden, haben sich über die anderen Geschöpfe erhoben und gedacht, sie könnten mit ihnen machen, was sie wollten.

Das ist ja leider bis heute nicht besser geworden: Massentierhaltung, Raubbau an den Urwäldern, Versiegelung von Naturflächen, die Liste der Umweltsünden ist lang. Wenn der Mensch Gott nicht mehr auf dem Schirm hat und so das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf gestört ist, kann auch die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und seinen Mitgeschöpfen nicht in Ordnung sein. Haben-, Herrschen- und Geltenwollen sind die drei Übel der Macht, wo das Gute und das Böse dicht beieinander liegen können.

VS:         Gibt es Vorbilder, von denen wir lernen können, wie „Ehrfurcht vor dem Leben“ funktioniert? Nicht nur sonntags beim Waldspaziergang, sondern als persönliche Grundhaltung?

MM:      Mir kommt Franz von Assissi (1182-1226) in den Sinn. Er, der damalige Mönch, zählt heute zu den beliebtesten und bekanntesten Heiligen. Er hat Anhänger bei kirchentreuen Katholiken, bei liberalen Protestanten und auch bei Umwelt- und Friedensaktivisten. Echt ökumenisch. Und das liegt wohl an der liebevollen Art, mit der er anderen begegnete. Mit jedem Schritt seines Lebens hat Franziskus auf Gott verwiesen. Davon zeugt auch sein berühmtes Werk „Sonnengesang“ (1225). Darin bezeichnet er alle Kreaturen als seine „Schwestern und Brüder“, die Sonne, den Mond, das Wasser, die Sterne, das Feuer, sogar den Tod.

VS:         Beeindruckend.

MM:      Finde ich auch. Und diese Ehrfurcht vor der Kreatur hat nichts mit romantischer Idylle zu tun und auch nichts mit Angst um ein Weiterbestehen der Erde, die uns heute im Nacken sitzt. Er war der tiefen Überzeugung, dass alles Zeitliche mit dem Ewigen zusammenhängt und alle Geschöpfe von Gott stammen und in ihm verbunden und bewahrt sind.

VS:         Wissen das die Anhänger von „Fridays for Future“?

MM:      Sollten sie! Wer heute für Klima- und Naturschutz eintritt und weitere Leute zum Mitmachen gewinnen möchte, braucht gute Argumente. Wie heißt es doch so schön: ‚Wenn du ein Schiff bauen willst und eine Crew suchst, wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer.‘ In diesem Sinne hat Jesus es verstanden, die Herzen der Menschen für Gott zu öffnen. Das ist die Basis, auf der das Gute wächst und wir im Natur- und Klimaschutz echt was erreichen können.

VS:         Wie verbringen Sie den Sommer, Pastor Marks?

MM:      Viel in der Natur. Und am liebsten singend: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“

VS:         Vielen Dank für das Gespräch!

MM:      Immer gern.


Ausgabe 2/2021

Warum gibt’s zu Pfingsten eigentlich keine Geschenke?

MM:    Tja, Pfingsten ist eben nicht Weihnachten.

VS:       Wenn man bedenkt, wie die anderen christlichen Feste gefeiert werden: Weihnachten beginnt ja praktisch schon im August, wenn die ersten Schokoladen-Nikoläuse in den Supermarkt-Regalen stehen. Heiligabend überhäufen wir uns mit Geschenken. Und auch Ostern kündigt sich schon Wochen vorher in der Fastenzeit an. Bunte Plastik-Eier werden in die Sträucher gehängt und Schokoladen-Osterhasen lachen uns schon im Januar an. Im Vergleich dazu geht Pfingsten ganz schön leer aus. Woran liegt das?

MM:    Das Pfingstfest hatte es noch nie ganz leicht. Nach der Advents- und Weihnachtszeit, Ostern und Himmelfahrt erscheint es wie das fünfte Rad am Wagen. Man denkt an Frühling, plant für das verlängerte Wochenende vielleicht einen Ausflug mit Picknick, genießt die Natur. Aber warum wir Pfingsten feiern, könnten viele heute kaum noch sagen. Also warum dann Geschenke?

VS:       Liegt es vielleicht daran, dass Pfingsten so wenig greifbar ist? Der Schokoladen-Nikolaus signalisiert klar: bald ist Advent, der belichterte Tannenbaum klar: bald ist Weihnachten, die Schokoladen-Eier klar: bald ist Ostern. Diese Feste haben ihre Symbole und Erkennungsmerkmale. Was soll man zu Pfingsten schmücken? Welche Süßigkeiten würden zu diesem Fest passen?

MM:    Ja, eine echte Marktlücke. Ich wüsste allerdings auch nicht, wie der Heilige Geist aus Schokolade aussehen könnte. Und wenn jemand auf die Idee käme, sich – ähnlich so wie Weihnachten einen Stern – zu Pfingsten eine Taube ans Fenster zu hängen, käme wohl kaum ein Passant auf den Gedanken, dass die wegen Pfingsten dort hängt.

VS:       Aha, die Taube. Ja, ich erinnere: die ist öfter in Kirchenfenstern zu sehen. Und auch in dem Taufbecken, in dem unsere Kinder getauft wurden, ist sie abgebildet. Da haben wir doch ein Symbol! Aber – mmh, ich könnte jetzt aus dem Stehgreif nicht sagen, warum die Taube etwas mit Pfingsten zu tun hat.

MM:    In der Bibel gibt es eine Geschichte, die erzählt, wie Jesus von Johannes dem Täufer im Jordan getauft wird. Dort heißt es dann: „als Jesus aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ (Markusevangelium, Kap. 1). Die Taube steht also symbolisch für den Heiligen Geist, den Gott jedem Menschen schenkt und damit die Beziehung stiftet. Dafür steht die Taufe als Zeichen und Siegel.

VS:       Gehört die Taube nicht eigentlich zu den Raubvögeln? Warum wird gerade sie mit dem Heiligen Geist verglichen? Doch sicher nicht, weil Tauben so andächtig gurren, oder?

MM:    Wer weiß, wer weiß!? Ohne den Heiligen Geist hätten wir Menschen jedenfalls kein Gespür fürs Unendliche, keinen Sinn für die Andacht, keinen Draht zu Gott. Aber mit der Taube wird wohl auch Bezug genommen auf eine andere Geschichte, die im Alten Testament steht (1. Mose, Kap. 8). Die Arche Noah ist ja bekannt. Als Noah prüfen will, ob das Wasser der Sintflut zurückgegangen ist, sendet er vier Mal einen Vogel aus: das erste Mal einen Raben, aber dann drei Mal eine Taube. Die vorletzte Taube brachte ein Ölblatt mit. Da wusste Noah, es dauert nicht mehr lange. Die letzte kam dann nicht mehr zu ihm zurück, sie hatte festes Land zum Bleiben gefunden.

Gott schließt einen Bund mit Noah, verspricht ihm künftigen Schutz und Segen für die Menschheit. In der Taufe ist der Bund, den Gott mit jedem einzelnen Menschen schließt, ja auch ein Ausdruck für Schutz und Segen. Hier wie dort ist die Taube mit im Spiel.

VS:       Trotzdem hat die Taube es bisher nicht in die Supermarkt-Regale geschafft. Eher lassen die Leute die fröhlich bunten Eier von Ostern bis Pfingsten hängen.

MM:    Tja, ob es ihnen bewusst ist oder nicht: damit setzen sie ein bedeutungsvolles Zeichen, sehr im Sinne der christlichen Tradition. Die Osterzeit geht ja offiziell auch bis Pfingsten, genauer gesagt: An Pfingsten vollendet sich das österliche Geheimnis, kommt dort eigentlich erst ans Ziel.

VS:       Wenn das die Supermarkt-Betreiber wüssten!

MM:    Ja, mit Fug und Recht könnten sie alle Oster-Artikel viel länger zum Verkauf anbieten, eben bis in die Pfingstwoche hinein. Ostern und Pfingsten sind eigentlich gar nicht zu trennen. Ursprünglich waren es ja auch nicht zwei, sondern mit Christi Himmelfahrt dazwischen ein in sich zusammenhängendes großes Fest über 50 Tage. Daher der Name: Pfingsten (von lat. Pentekoste, fünfzig). Nach der Erzählung des Lukas geschah 50 Tage nach Ostern ein großes Sprach-Wunder, das bis heute als die Geburtsstunde der weltweiten Kirche gilt.

VS:       Die Weihnachtsgeschichte kennen alle. Dagegen führt die Pfingstgeschichte bei den meisten wohl eher ein Schattendasein.

MM:    Es ist eine Geschichte voller Merkwürdigkeiten. Ein Brausen in der Luft und Feuerzungen zeigen das Kommen des Geistes an. Luft und Feuer sind im Spiel. Später kommt noch das Wasser dazu: dreitausend lassen sich taufen. Licht, Trost und Lebenskraft sind die Phänomene, die alle Anwesenden gleichermaßen zu spüren bekommen. Kein Hirngespinst, keine Einbildung. Menschen aus aller Herren Länder, die von ihrer Herkunft, Sprache, Kultur, Religion usw. so was von verschieden sind, können sich auf diese Erfahrung hin einander verstehen und verständigen, fühlen sich durch diesen Geist miteinander verbunden wie Geschwister. Schnell merken sie, was das mit Ostern zu tun hat: die Auferstehung Jesu von den Toten ist echt und für uns geschehen; das Geschenk des neuen Lebens hat Strahlkraft; wir selber können jetzt im Glauben daraus schöpfen und hoffnungsvoll leben. Die Macht der Liebe Gottes ist stärker als die Macht des Todes. Das ist uns bleibend bewusst geworden.

VS:       Also wenn ich das so höre, wundert es mich nochmal mehr, warum es zu Pfingsten keine Geschenke gibt. Weihnachten in allen Ehren und auch Hut ab vor Ostern. Aber was bleibt von diesen Highlights unter den christlichen Festtagen, wenn es Pfingsten nicht gäbe?

MM:    So ist es. Man kann sagen, von Pfingsten her haben wir eigentlich erst den Sinn und Verstand für Ostern und Weihnachten. Die Festtage stehen falsch herum in unseren Kalendern. Mit Pfingsten müsste es beginnen; von daher leuchtet dann als erstes der Sinn von Ostern ein; und weil der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus auch irgendwann einmal geboren sein muss, kommt zum Schluss Weihnachten. Verkehrte Welt, sage ich da nur.

VS:       Wie verbringen Sie persönlich die Pfingsttage?

MM:    Wenn das Wetter mitspielt, steigen wir – meine Frau und ich – nach dem Gottesdienst mit Picknicksachen auf die Fahrräder und fahren ohne Plan drauflos. Auf diese Weise haben wir schon oft traumhafte Plätzchen entdeckt und uns gewundert, dass es so etwas in Hamburg gibt.

VS:       Etwas Neues entdecken – das hat ja auch mit Pfingsten zu tun.

MM:    Und wie! Das Leben ist ja voll davon und beschenkt uns unaufhörlich. Man muss es nur sehen lernen.

VS:       Soll einer sagen, zu Pfingsten gäbe es keine Geschenke. Vielen Dank, Pastor Marks, für das anregende Gespräch.

MM:    Gern. Frohe Pfingsten!


Ausgabe 1/2021

Kann man sich‘s heute noch leisten, fromm zu sein?

MM: Eine komische Frage. Aber aktueller, als man vielleicht denkt. Kaum jemand wagt heute noch von sich selbst zu sagen, dass er fromm ist. Und wer von anderen als fromm bezeichnet wird, sollte nicht allzu sicher davon ausgehen, dass ihm damit etwas Gutes nachgesagt wird.

VS: Woran liegt das?
MM: Viele denken wohl, fromme Leute leben weltfern, sind religiös verbohrt oder abgedreht. Sie beten den ganzen Tag und vergessen dabei die Realität. Aber das sind oft Vorurteile. Fromm-Sein bedeutet eigentlich nur, dass ein Mensch an Gott glaubt, sich dazu bekennt und seine Religiosität kultiviert, sei es allein oder in einer Gruppe, in welcher Form und Intensität auch immer.

VS: Aber ist es nicht eigenartig, dass ‚Frömmigkeit‘ heute bei vielen so negativ klingt?
MM: Ja, fast so, als müsste man sich dafür schämen. Oder befürchten, damit in eine fundamentalistische Schublade gesteckt zu werden. ‚Fromm-Sein‘ ist out. ‚Spirituell-Sein‘ ist heute der Trend.

VS: Was ist da eigentlich der Unterschied?
MM: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Viele, die sich als ‚spirituell‘ verstehen, verbinden gefühlsmäßig damit mehr Offenheit, Beweglichkeit, Körperlichkeit und individuelle Bedürfnisbefriedigung. Dagegen löst der Begriff ‚fromm‘ sofort unangenehme Vorstellungen aus: einengend, rückwärtsgewandt, rigide, keusch, spießig usw.

VS: Und? Ist da was dran?
MM: Es ist schwierig, wenn sich die Bedeutung eines Begriffs im Laufe der Zeit durch allerlei Zeug, was ihm angedichtet wird, in eine bestimmte Richtung verschiebt. Ähnlich ist es ja mit dem Begriff der ‚Sünde‘, der heute total ins Moralische verzerrt erscheint. Dann hilft vielleicht nur noch, dass man diesen Begriff die nächsten 100 Jahre nicht mehr ausspricht, damit er wieder frei wird für seinen ursprünglichen Sinn. ‚Frömmigkeit‘ hat ursprünglich jedenfalls nichts mit Starrheit, Keuschheit und Spießigkeit zu tun.

VS: Ist die Tradition vielleicht das Problem?
MM: Das könnte wohl sein. Unser Umgang mit ihr ist ja ambivalent. Einerseits brauchen wir sie, um uns auf unsere Wurzeln zu besinnen, wenn wir unsere Zukunft gestalten wollen. Sören Kierkegaard hat es schön ausgedrückt: „Das Leben wird nach vorwärts gelebt, aber nach rückwärts verstanden.“ Andererseits soll die Tradition uns nicht bevormunden. Gerade wir Menschen in den westlichen Kulturen sind da ja sehr empfindlich.

VS: Sie meinen, Frömmigkeit wird heute vorschnell mit Traditionsgläubigkeit gleichgesetzt.
MM: Ja, leider im negativen Sinne: die Tradition erscheint als Autorität, von der man meint, sich abgrenzen zu müssen, um auf die eigenen Beine zu kommen – eigentlich ein pubertäres Verhalten. Das Reifen der Persönlichkeit sollte ein Reifen der Religiosität mit sich bringen. Ich kann und will auf die Tradition nicht verzichten. Mein Glaube kann nur im Gespräch mit ihr lebendig bleiben. Wenn ich zum Beispiel in einer bestimmten Situation ein Gebet sprechen möchte, aber gerade selber keine Worte finde, sei es aus Kummer, Angst, Wut oder in Trauer um einen lieben Menschen, dann bin ich froh, dass es in der Bibel die Psalmen gibt. Das sind Gebete von Menschen, denen es einmal so ähnlich ging. Ich kann sie mir leihen. Sie sprechen mir aus dem Herzen und ich fühle mich von ihnen getragen.

VS: Wie passt das zu dem heutigen Spiritualitäts-Boom? Es gibt ja viele, die sich als ‚spirituell‘ bezeichnen, aber nicht (mehr) in der Kirche sind. Angeblich, weil sie dort nichts (mehr) für sich finden. Macht Sie das als Pastor nicht nachdenklich?
MM: O doch! Mir kommt es manchmal so vor, als stünde das Christentum in unseren Breiten vor einer tiefgreifenden Zeitenwende. Der Spiritualitäts-Trend ist Ausdruck einer großen Suchbewegung. Wenn das Vertraute verlorengeht und Neues noch nicht in Sicht ist, schwebt der Mensch in einem Zwischen-Raum, wo er kreativ wird und verschiedenes ausprobiert. Da wird die Tradition schnell als hinderlich empfunden. Spirituell sein kann man auch ohne Bibel und Jesus.

VS: Spiritualität als Markt der Möglichkeiten?
MM: Gewissermaßen ja. Die Welt ist kleiner geworden. Die Medien öffnen uns Fenster, die unseren Eltern noch verschlossen waren. Die Menschen sind neugierig, fasziniert vom Fremden, zumindest solange die erschreckende Seite ihnen nicht zu nahe rückt. Spielerisch verbinden sich innere Bilder und äußere Bilder zu etwas Neuem. Der Spiritualitäts-Trend ermöglicht die Entstehung von Religions-Hybriden.

VS: Und warum springt die Kirche nicht auf diesen Zug auf?
MM: Seit Ende der 1990er Jahre versucht sie es ja schon. In unserem Kirchenkreis Hamburg-Ost gibt es zum Beispiel das „Projekt Spiritualität“. Unter der Überschrift „Meditation – Kontemplation – Innere Orientierung“ wird dort allerhand angeboten: Herzensgebet, Exerzi¬tien, Persönlich¬keitsarbeit in Seminaren zu kreativem Schreiben, Tanzen, Pilgern, Schweigen und andere Ritu¬ale und Themen. Es ist natürlich christlich orientiert. Trotzdem wirkt es wie ein Einsiedler. Die meisten Ortsgemeinden sind zurückhaltend, sich für neuere Formen von Spiritualität zu öffnen.

VS: Und deshalb verbreitet sich die Meinung, dass in der Kirche nichts Neues passiert?
MM: Vielleicht ja. Aber teilweise zu unrecht. Wir als Kirche betrachten die heutige Spiritualitäts-Bewegung auch kritisch. Wo überall wird der Begriff heute verwendet: in der Psychologie, in der Quantenphysik, in der New-Age-Bewegung und Esoterik, in der Gesundheitsforschung. Überall bedeutet er etwas anderes. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wenn in der Diskussion darüber, was jeweils gemeint sein soll, nur das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Offenheit laut wird, Spiritualität nur als Protestbegriff gegen vermeintlich kirchliche Starrheit verwendet wird, dann ist das zu wenig.

VS: Was bedeutet Spiritualität in der Kirche?
MM: Der Begriff ist vom lateinischen ‚spiritualis‘ abgeleitet und bezeichnet den vom Geist Gottes erfüllten und geleiteten Menschen. Also den Heiligen Geist. Als Christenmenschen glauben wir im Anschluss an die biblische Pfingstgeschichte, dass er (oder sie oder dies) der Urheber, Erhalter und Erneuerer unseres Glaubens, der Gemeinde und der Kirche ist. Dazu gehört alles, was im Sinne Jesu in ihr geschehen kann und soll: Trost, Vergewisserung, Ermutigung, Vergebung, Versöhnung, Nächstenliebe, Heilung an Leib und Seele im weitesten Sinne.

VS: Und warum sucht man spirituelle Befriedigung dann außerhalb? – und nicht (mehr) in der Kirche?
MM: Das frage ich mich auch. Potenziell ist alles da. Deshalb glaube ich, dass die heutige Krise der Kirche keine Systemkrise, sondern eine Resonanzkrise ist: Da liegt ein Schatz, aber immer weniger Menschen wissen davon. Da liegt ein Geschenk, aber keiner will es haben. Gott in der Liebesfalle.

VS: Was heißt das für die Zukunft der Kirchengemeinde hier bei uns in Rahlstedt?
MM: Nun bin ich erst seit einem Jahr hier und lerne noch. Mein bisheriger Eindruck ist, dass hier die Kirche noch ‚im Dorf‘ steht. Für viele ist sie ein Stück ‚Heimat‘, ein wichtiger Ort der Begegnung mit Menschen, die das Leben lieben, Freude und Leid miteinander teilen und das Gespräch über Gott und die Welt suchen. ‚Kirche in der Nähe bei den Menschen‘, also ihre diakonische Ausrichtung, ist eine gute Basis für ihre Zukunft. Und wenn wir aus der Kirchengeschichte lernen wollen, so gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Wurzeln dafür in der Mystik gefunden werden. Man legt wieder Wert auf die Innerlichkeit des Glaubens, die persönliche Gottesbeziehung. Und das ist etwas sehr Kostbares und Verletzliches. Da lässt man sich nicht von allgemeingültigen Glaubensaussagen vereinnahmen und mit kirchlichen Üblichkeiten abspeisen. Da möchte man mit dem eigenen Glauben ernstgenommen werden.

VS: Und ist man dann ‚fromm‘ oder ‚spirituell‘?
MM: Beides!

VS: Danke, Pastor Marks, für das Gespräch.
MM: Immer gern.


Ausgabe 4/2020

Wie können wir dieses Jahr trotz Corona Weihnachten feiern?

MM:      Diese Frage beschäftigt die Gemüter seit August. Viele denken dabei an die überfüllten Kirchen am Heiligabend. Aber auch an die vertrauten Abläufe zuhause. Weihnachten – das Fest der Familie. Wie gestalten wir das in diesem Jahr unter Corona-Bedingungen? Die einzigen, die damit kein Problem haben, sind die Schokoladen-Weihnachtsmänner in den Supermarktregalen. Sie stehen dort wie alle Jahre, seit August, sogar ohne Mund-Nasenschutz.

VS:         Ich versuche mir gerade vorzustellen: Die Kinder mit ihren Familien kommen zu Besuch; zur Begrüßung möchte man sich umarmen; ist das erlaubt? Im Ofen brutzelt die Weihnachtsgans; das gemeinsame Festtags-Essen an einem Tisch; ist das zu verantworten? Man möchte sich gegenseitig die Geschenke überreichen; „Fröhliche Weihnachten“ auf Abstand – eine komische Stimmung.

MM:      Weihnachten – das Fest der Gefühle. In der Tat gehört eine bestimmte Stimmung dazu, innerlich wie äußerlich. Deshalb ist die Adventszeit vielen so wichtig. Plätzchenbacken, gebastelte Sterne ans Fenster hängen, Kerzen, Lichterketten, Krippenfiguren, der Glühwein am Weihnachtsmarkt usw. – das alles soll die Stimmung bringen, die wir uns wünschen.

VS:         Und macht Corona uns nun einen Strich durch die Rechnung?

MM:      Es wurde ja in anderen Zusammenhängen schon öfter betont, dass die Corona-Krise auch eine Chance bedeuten kann. Mir fällt die Geschichte vom „Weihnachten der Tiere“ ein. Kennen Sie die? Die Tiere diskutierten einmal über Weihnachten. Sie stritten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei. „Na klar, Gänsebraten“, sagte der Fuchs, „was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!“ „Schnee“, sagte der Eisbär, „viel Schnee!“ Und er schwärmte verzückt: „Weiße Weihnachten feiern!“

Das Reh sagte: „Ich brauche aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern.“ „Aber nicht so viele Kerzen“, heulte die Eule, „schön schummrig und gemütlich muss es sein. Stimmung ist die Hauptsache!“ „Aber mein neues Kleid muss man sehen“, sagte der Pfau. „Wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten.“ „Und Schmuck“, krächzte die Elster, „jede Weihnachten kriege ich was: einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste.“

„Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen“, brummte der Bär, „das ist doch die Hauptsache. Wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich lieber auf Weihnachten.“ „Mach’s wie ich“, sagte der Dachs, „pennen, pennen, das ist das Wahre an Weihnachten, mal richtig ausschlafen!“ „Und saufen“, ergänzte der Ochse, „mal richtig einen saufen und dann pennen“. Dann aber schrie er: „Aua“, denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt: „Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?“ Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: „Das Kind, ja das Kind, das Kind ist die Hauptsache.“ „Übrigens“, fragte der Esel: „Wissen das auch die Menschen?“

VS:         Ha, eine lustige Geschichte, die aber auch nachdenklich macht: So viel Gedöns, das sich im Laufe der Zeit um Weihnachten herum angesammelt hat. Und Corona nun als Chance, dass all das Überflüssige von uns abfällt und der Blick fürs Wesentliche frei wird?

MM:      Ja und Nein. Man kann sich natürlich fragen, was Schnee mit dem Christuskind zu tun hat. Aber vieles von dem, was uns in weihnachtliche Stimmung bringen soll, ist nicht unbedingt überflüssiges Gedöns. Früher mussten wir uns das in der Kirche öfter so anhören. Da meinten die Pastoren, sie müssten dem ‚uneigentlichen‘ Weihnachtsfest das ‚eigentliche‘ entgegensetzen. Heute wissen wir, dass beides zusammengehört. Weihnachten ist im Laufe der letzten 200 Jahre zu einem Fest der bürgerlichen Moderne geworden. Und wir als Pastoren sind gefordert, das scheinbar un-religiöse Gedöns auf seinen tieferen Sinngehalt hin zu entziffern. Oft entdeckt man erst bei genauerem Hinsehen, was das mit der biblischen Weihnachtsbotschaft zu tun hat.

VS:         Zum Beispiel die Geschenke? Weil Weihnachten ja mit einem großen Geschenk zu tun hat?

MM:      Genau! Oder auch die vielen Kerzen und Lichter. Einerseits zeigen sie, wie hungrig wir Menschen nach Licht sind, gerade in dieser dunklen Jahreszeit, auch im übertragenen Sinne: nach Trost, Anerkennung, Liebe, Versöhnung, Frieden … –  Und zugleich verweisen sie im christlichen Sinne auf „das“ Licht aller Lichter: das Geschenk der göttlichen Liebe, das wir ‚alle Jahre wieder‘ empfangen, über das wir uns freuen und für das wir Danke sagen.

VS:         Deshalb auch die vielen Lichter am Weihnachtsbaum?

MM:      Ja. Als Kinder waren wir es gewohnt, ihn staunend von unten nach oben zu betrachten. Aber anders herum leuchtet der Sinn uns heute ein: Gottes Liebe in dieser Welt beginnt ganz klein (die eine Kerze auf der Spitze, ein Symbol für das Christuskind in der Krippe von Bethlehem). Aber von dort breitet es sich aus. Von oben nach unten immer mehr. Eine ganze Kaskade von Licht. Gottes Liebe vom Himmel, die sich dadurch verwirklicht, dass wir Menschen sie auf Erden einander weitergeben.

VS:         Interessant! Das habe ich noch nie so gesehen. Leuchtet aber ein. Ich habe mal gehört, auch der Stollen soll etwas damit zu tun haben: der Puderzucker als Symbol für die Windeln.

MM:      Da liegt der Bär also gar nicht so falsch. Und wenn die Elster bei Weihnachten zuerst an Schmuck und der Pfau an ein neues Kleid denkt, ist das auch nicht so abwegig: Gott kommt als ein Kind zur Welt, zerbrechlich wie ein kostbares Schmuckstück. Und wer in die Krippe hineingeschaut hat, wird durch den Blick dieses Kindes verwandelt. „Zieht den neuen Menschen an“, sagt der Apostel Paulus, der diese Verwandlung so versteht: wir werden mit der Liebe, die Gott uns schenkt, überkleidet. Sie bestimmt nun unsere Gestalt – also unser Denken, Fühlen und Handeln. Was den alten Menschen ausgemacht hat, alles, was wir vertan oder versäumt, angerichtet oder erlitten haben, zählt nicht mehr.

VS:         „Welt ging verloren, Christ ist geboren“. So heißt es ja auch in dem Weihnachtshit „O du fröhliche“. Es war mir schon immer ein Rätsel: Ein schwaches Kind entmachtet die stärksten Bösewichte; das Kleine wird groß, das Große klein.

MM:      Nun ja, wir sprechen hier von einem besonderen Kind, einzigartig in der ganzen Menschheitsgeschichte. Da haben die Tiere aus der Geschichte schon recht: das ist „die Hauptsache von Weihnachten“. Aber auch nur, wenn wir das „wissen“ und etwas damit anzufangen wissen. Was der Esel zum Schluss sagt, ist also überhaupt keine Eselei, sondern sogar der springende Punkt. Ein mittelalterlicher Dichter, der unter dem Pseudonym „Angelus Silesius“ bekannt ist, sagte es so: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

VS:         Aber sind wir denn nicht alle besondere Menschen, einzigartig in der ganzen Menschheitsgeschichte? Es gibt zwar Ähnlichkeiten, aber niemand ist genau wie ich. Mein Fingerabdruck ist der Beweis.

MM:      Ein Segen, wenn ein Mensch das so von sich sagen kann und das Glück darüber empfindet. Nur geht uns Menschen diese Gewissheit – Gott sei´s geklagt – so oft und immer wieder verloren, wenn unsere guten Lebenserfahrungen durch schlimme und böse in Frage gestellt werden und wir die Brüche und Widersprüche in unserer eigenen Person, in unserem zwischenmenschlichen Zusammenleben und in der kleinen und großen Politik in dieser Welt erfahren und erleiden. Dann brauchen wir gute Worte, die uns heben können und deshalb tief gehen müssen. Tiefer als unsere Zweifel, weiter als unsere Sichtweisen, tragfähiger als unsere selbstgemachten Bewältigungsstrategien, mächtiger als unsere Ohnmacht. Dann wird so ein Wort, das Paul Gerhardt in einem seiner schönsten Weihnachtslieder dichtet, auf einmal zu einem Stück Brot: „Gottes Kind / das verbind´t / sich mit unserm Blute“ (Ev. Gesangbuch, Nr. 36).

VS:         In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein fröhliches Weihnachtsfest. Dürfen wir denn damit rechnen, dass wir in Rahlstedt Heiligabend und Weihnachten trotz Corona Gottesdienst feiern können?

MM:      Selbstverständlich – so Gott will und wir leben! Herzliche Einladung an alle!


Ausgabe 3/2020

Ist Corona eine Strafe Gottes?

(MM) Corona hat ja viele existenzielle Fragen aufgeworfen. Interessant finde ich, dass dazu auch diese Frage gehört, und zwar nicht nur in frommen Kreisen. Auch Menschen, die von sich selber sagen, dass sie mit Kirche und Religion nicht viel am Hut haben, machen sich Gedanken darüber. Das zeigt: Religion – oder wie auch immer wir den Bezug zum Göttlichen nennen wollen – ist keine Sonderwelt, die man hat oder nicht hat.

Wenn es im Leben um die Wurst geht, kommen unsere elementarsten Anliegen zum Vorschein und wir fragen nach einer höheren Macht: „Ist da jemand, der es gut mit mir meint? Der uns in dieser Krise beschützt? Der Corona die Stirn bieten kann?“ Aber dieses Ausgreifen über uns selbst hinaus kann auch noch andere Gründe haben. Wir Menschen tun uns leichter, mit einer solchen Krise klarzukommen, wenn es einen Schuldigen gibt, der dafür bestraft werden kann. Corona ist unsichtbar. Wem soll die Strafe gelten? Und dann kommen archaische Bewältigungsmuster ins Spiel: Gott als Richter schickt Corona, um die Bosheit der Menschen abzustrafen. Eine gereifte Religiosität sieht anders aus.

(VS) Naturereignisse als Strafe Gottes zu verstehen – dafür liefert die Bibel ja schon krasse Beispiele.

(MM) Vielleicht denken Sie an die Sintflutgeschichte (1. Mose 7). Sie wird so erzählt, dass Gott die Bosheiten, die die Menschen auf der Erde anrichten, nicht länger ertragen will. Er bereut sogar, dass er die Menschen überhaupt geschaffen hat. Und weil er keine Chance sieht, dass sie sich bessern, macht er Tabula Rasa. Nur Noah mit seiner Familie bleibt bewahrt und mit ihm auf seiner Arche jeweils ein Paar von allen Tieren. So ist wenigstens die Möglichkeit gegeben, dass das Leben neu weitergehen kann.

(VS) Aus dem Konfirmandenunterricht weiß ich noch, dass in der Bibel von Plagen die Rede ist.

(MM) Wow, gut aufgepasst! Ja, diese Geschichte (2. Mose 7-11) ist ein Beispiel dafür, wie lebensbedrohliche Naturereignisse als Gottes Machtwerkzeuge verstanden werden. Gott hatte Mose berufen, das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit zu führen. Der Pharao weigerte sich, Gottes Plan zu unterstützen. Dann kam die erste Plage: alle Gewässer wurden zu Blut, die Trinkwasserversorgung brach zusammen. Aber der Pharao „nahm´s nicht zu Herzen“. Auch nicht, als die Daumenschraube mit weiteren Plagen immer weiter angezogen wurde: Frösche, Stechmücken, Stechfliegen, Viehpest, Blattern, Hagel, Heuschrecken, Finsternis. Erst zum Schluss, als es dem Pharao persönlich ans Leder ging und sein Sohn, der Thronnachfolger, starb, knickte er ein. Die 10 Plagen werden also nicht im Sinne einer Strafe, sondern eher als Druckmittel von oben verstanden.

(VS) Wenn heute Menschen fragen, ob Corona eine Strafe Gottes ist, dann meinen sie das vielleicht auch so: ob Gott uns etwas damit sagen will; ob er uns damit ein Zeichen geben will, dass in der Welt etwas schief läuft; ob Corona uns wachrütteln soll, damit wir einsehen, was nicht stimmt?

(MM) Dann wäre Corona aber kein Justizakt eines strafenden Gottes, sondern der Rettungsversuch eines liebenden Gottes. So gesehen macht es Sinn zu schauen, was Corona auch an Gutem gebracht hat. „Entschleunigung“ ist so ein Stichwort. Wenn man bedenkt, wie rasant und hektisch das normale Leben für viele geworden war, wirkt Corona vielleicht heilsam. Kennen Sie die Geschichte: Eine Reisegruppe will den Dschungel erkunden. Ihr Gepäck wird von Ureinwohnern getragen. Am ersten Tag geht es zügig voran. Aber schon am zweiten Tag bleiben die Ureinwohner immer weiter hinter der Gruppe zurück. Schließlich bleiben sie sitzen. Auf die Frage, ob das ein Streik sei, ob sie vielleicht mehr Geld wollen, lautet die Antwort: Uns ist die Seele abhandengekommen und nun müssen wir warten, bis sie uns wieder eingeholt hat.

(VS) Corona – die nötige Handbremse, damit wir Menschen mal wieder mehr zu uns selbst kommen?

(MM) „Die Entdeckung der Langsamkeit“ heißt ein Roman von Sten Nadolny aus den 80ern. Den könnte man mal wieder lesen. Natürlich ist eine selbst gewählte Entschleunigung, wie z.B. Urlaub, etwas anderes als eine erzwungene. Viele sind durch Corona in ein Loch gefallen, wissen mit der vielen freien Zeit nichts anzufangen, leiden unter Beziehungskonflikten oder Einsamkeit. Aber das zeigt eigentlich, dass da im Grunde etwas nicht stimmt, was durch Corona auf den Tisch gekommen ist. Das ungeheure Tempo kann das Leben im Großen und im Kleinen aus dem Gleichgewicht bringen, wir verlieren die Aufmerksamkeit für uns selbst und füreinander und das muss irgendwann zum Kollaps führen (vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, 2013). Insofern kann man nur hoffen, dass die Corona-Handbremse heilsam wirkt. Und wer das dann mit Gott in Verbindung bringen möchte, in dem Sinne, dass die abhandengekommene Seele die Chance bekommt, uns wieder einzuholen – warum nicht?

(VS) Aus verschiedenen Ecken hört man ja die Worte, dass die Zeit nach Corona eine andere sein wird als vor Corona.

(MM) Corona ist ein Einschnitt. Die ganze Welt ist betroffen und dank der Medien weiß auch die ganze Welt, dass wir damit alle in einem Boot sitzen. Aber das heißt nicht, dass darauf nur Gleichgesinnte versammelt sind. Was löst Corona in uns aus? Einerseits hat die Krise zu mehr Solidarität geführt. Es ist doch genial, wie Wissenschaftler weltweit zusammenarbeiten, um einen Impfstoff zu entwickeln, wie viel Hilfsbereitschaft überall sichtbar wird, auch in unserer Gemeinde, wie viel Gutes in dieser Zeit überall entstanden ist. Großartig! Aber es gibt leider auch andere Beispiele, die zeigen, dass Corona zu mehr Egoismus und Abschottung führt. Die Krise bringt ans Licht, was für Menschen wir sind: ob unterm Strich in unserem Leben die Liebe oder die Angst das Sagen hat. Ich bin sehr gewiss, dass Gott mit uns das erste will.

(VS) Wie haben Sie die Corona-Krise bisher erlebt – persönlich und als Pastor in der Gemeinde?

(MM) Im persönlichen Leben hat sich dadurch nicht viel verändert. Wir – meine Frau und ich – haben uns an die Hygiene-Regeln gehalten. Corona hat, Gott sei´s gedankt – einen Bogen um uns, unsere Familien und Freunde herum gemacht. Umso mehr waren wir in unseren Gedanken und Gebeten bei den Betroffenen. Die Freiräume im beruflichen Bereich konnten wir sinnvoll nutzen. In der Kirchengemeinde mussten wir natürlich vieles bedenken und den Corona-Bedingungen anpassen. Wie überall, durften die Gruppen und Kreise sich nicht treffen. Aber dass wir Pastor/innen deshalb nichts zu tun gehabt hätten, kann man nicht gerade sagen. Wir haben uns erfinderisch gezeigt, haben auf andere Weise Kontakt zu den Menschen gehalten und dabei viele kreative Dinge und neue Ideen verwirklicht.

Ganz wichtig war uns, weiter regelmäßig Gottesdienste zu feiern. Weil das gemeinsam in der Kirche nicht möglich war, haben wir für jeden Sonntag und alle Festtage in der Passions- und Osterzeit Gottesdienste aufgezeichnet und über youtube gesendet. Dieses Angebot wurde von sehr vielen Menschen, auch von denen, die sonst kaum in der Kirche sind, dankbar angenommen, sogar auf Mallorca wurden unsere Gottesdienste regelmäßig angeschaut. Corona hat frischen Wind in die Gemeinde gebracht. Und das kann nun wirklich keine Strafe sein, sondern vielleicht sogar der Pfingstgeist.

Infobox
Seit Pfingsten feiern wir an jedem Sonn- und Feiertag wieder Präsenzgottesdienste. Damit möglichst viele Menschen daran teilnehmen können, finden bis auf weiteres alle Gottesdienste in unserer größten Kirche, der Martinskirche statt. Herzliche Einladung!

Besonders laden wir zum Open-Air-Gottesdienst am Erntedankfest ein. Am 27. September um 11.00 Uhr auf einem Bauernhof. Ein festlicher Gottesdienst unter Mitwirkung vieler Ehrenamtlicher, Landwirte aus der Gemeinde, musikalischen Akteuren und Ihrer Pastorinnen und Pastoren. „Kommet zuhauf …!“

Thema der Kolumne mit Pastor Marks in der nächsten Ausgabe: Spiritualität, Mystik und die Zukunft der Kirchengemeinde.


Ausgabe 1/2020


Aktuelles aus der Kirchengemeinde Altrahlstedt gibt es auf https://www.kirche-alt-rahlstedt.de/

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