Der Pastor lässt die Kirche im Dorf

Hier könnt Ihr hören und lesen, was Pastor Matthias Marks in unserem Stadtteil so hört und erfährt. Er setzt die Kirchenbrille auf und gibt uns humorvolle oder kritische Einblicke ins Weltgeschehen. Er wählt stets eine leicht verständliche Sprache, so dass seine Beiträge immerzu einfach zu verstehen sind. Damit Ihr wisst, was gemeint ist, klickt Euch durch seine Beiträge.

Ausgabe 1/2021

Kann man sich‘s heute noch leisten, fromm zu sein?

MM: Eine komische Frage. Aber aktueller, als man vielleicht denkt. Kaum jemand wagt heute noch von sich selbst zu sagen, dass er fromm ist. Und wer von anderen als fromm bezeichnet wird, sollte nicht allzu sicher davon ausgehen, dass ihm damit etwas Gutes nachgesagt wird.

VS: Woran liegt das?
MM: Viele denken wohl, fromme Leute leben weltfern, sind religiös verbohrt oder abgedreht. Sie beten den ganzen Tag und vergessen dabei die Realität. Aber das sind oft Vorurteile. Fromm-Sein bedeutet eigentlich nur, dass ein Mensch an Gott glaubt, sich dazu bekennt und seine Religiosität kultiviert, sei es allein oder in einer Gruppe, in welcher Form und Intensität auch immer.

VS: Aber ist es nicht eigenartig, dass ‚Frömmigkeit‘ heute bei vielen so negativ klingt?
MM: Ja, fast so, als müsste man sich dafür schämen. Oder befürchten, damit in eine fundamentalistische Schublade gesteckt zu werden. ‚Fromm-Sein‘ ist out. ‚Spirituell-Sein‘ ist heute der Trend.

VS: Was ist da eigentlich der Unterschied?
MM: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Viele, die sich als ‚spirituell‘ verstehen, verbinden gefühlsmäßig damit mehr Offenheit, Beweglichkeit, Körperlichkeit und individuelle Bedürfnisbefriedigung. Dagegen löst der Begriff ‚fromm‘ sofort unangenehme Vorstellungen aus: einengend, rückwärtsgewandt, rigide, keusch, spießig usw.

VS: Und? Ist da was dran?
MM: Es ist schwierig, wenn sich die Bedeutung eines Begriffs im Laufe der Zeit durch allerlei Zeug, was ihm angedichtet wird, in eine bestimmte Richtung verschiebt. Ähnlich ist es ja mit dem Begriff der ‚Sünde‘, der heute total ins Moralische verzerrt erscheint. Dann hilft vielleicht nur noch, dass man diesen Begriff die nächsten 100 Jahre nicht mehr ausspricht, damit er wieder frei wird für seinen ursprünglichen Sinn. ‚Frömmigkeit‘ hat ursprünglich jedenfalls nichts mit Starrheit, Keuschheit und Spießigkeit zu tun.

VS: Ist die Tradition vielleicht das Problem?
MM: Das könnte wohl sein. Unser Umgang mit ihr ist ja ambivalent. Einerseits brauchen wir sie, um uns auf unsere Wurzeln zu besinnen, wenn wir unsere Zukunft gestalten wollen. Sören Kierkegaard hat es schön ausgedrückt: „Das Leben wird nach vorwärts gelebt, aber nach rückwärts verstanden.“ Andererseits soll die Tradition uns nicht bevormunden. Gerade wir Menschen in den westlichen Kulturen sind da ja sehr empfindlich.

VS: Sie meinen, Frömmigkeit wird heute vorschnell mit Traditionsgläubigkeit gleichgesetzt.
MM: Ja, leider im negativen Sinne: die Tradition erscheint als Autorität, von der man meint, sich abgrenzen zu müssen, um auf die eigenen Beine zu kommen – eigentlich ein pubertäres Verhalten. Das Reifen der Persönlichkeit sollte ein Reifen der Religiosität mit sich bringen. Ich kann und will auf die Tradition nicht verzichten. Mein Glaube kann nur im Gespräch mit ihr lebendig bleiben. Wenn ich zum Beispiel in einer bestimmten Situation ein Gebet sprechen möchte, aber gerade selber keine Worte finde, sei es aus Kummer, Angst, Wut oder in Trauer um einen lieben Menschen, dann bin ich froh, dass es in der Bibel die Psalmen gibt. Das sind Gebete von Menschen, denen es einmal so ähnlich ging. Ich kann sie mir leihen. Sie sprechen mir aus dem Herzen und ich fühle mich von ihnen getragen.

VS: Wie passt das zu dem heutigen Spiritualitäts-Boom? Es gibt ja viele, die sich als ‚spirituell‘ bezeichnen, aber nicht (mehr) in der Kirche sind. Angeblich, weil sie dort nichts (mehr) für sich finden. Macht Sie das als Pastor nicht nachdenklich?
MM: O doch! Mir kommt es manchmal so vor, als stünde das Christentum in unseren Breiten vor einer tiefgreifenden Zeitenwende. Der Spiritualitäts-Trend ist Ausdruck einer großen Suchbewegung. Wenn das Vertraute verlorengeht und Neues noch nicht in Sicht ist, schwebt der Mensch in einem Zwischen-Raum, wo er kreativ wird und verschiedenes ausprobiert. Da wird die Tradition schnell als hinderlich empfunden. Spirituell sein kann man auch ohne Bibel und Jesus.

VS: Spiritualität als Markt der Möglichkeiten?
MM: Gewissermaßen ja. Die Welt ist kleiner geworden. Die Medien öffnen uns Fenster, die unseren Eltern noch verschlossen waren. Die Menschen sind neugierig, fasziniert vom Fremden, zumindest solange die erschreckende Seite ihnen nicht zu nahe rückt. Spielerisch verbinden sich innere Bilder und äußere Bilder zu etwas Neuem. Der Spiritualitäts-Trend ermöglicht die Entstehung von Religions-Hybriden.

VS: Und warum springt die Kirche nicht auf diesen Zug auf?
MM: Seit Ende der 1990er Jahre versucht sie es ja schon. In unserem Kirchenkreis Hamburg-Ost gibt es zum Beispiel das „Projekt Spiritualität“. Unter der Überschrift „Meditation – Kontemplation – Innere Orientierung“ wird dort allerhand angeboten: Herzensgebet, Exerzi¬tien, Persönlich¬keitsarbeit in Seminaren zu kreativem Schreiben, Tanzen, Pilgern, Schweigen und andere Ritu¬ale und Themen. Es ist natürlich christlich orientiert. Trotzdem wirkt es wie ein Einsiedler. Die meisten Ortsgemeinden sind zurückhaltend, sich für neuere Formen von Spiritualität zu öffnen.

VS: Und deshalb verbreitet sich die Meinung, dass in der Kirche nichts Neues passiert?
MM: Vielleicht ja. Aber teilweise zu unrecht. Wir als Kirche betrachten die heutige Spiritualitäts-Bewegung auch kritisch. Wo überall wird der Begriff heute verwendet: in der Psychologie, in der Quantenphysik, in der New-Age-Bewegung und Esoterik, in der Gesundheitsforschung. Überall bedeutet er etwas anderes. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wenn in der Diskussion darüber, was jeweils gemeint sein soll, nur das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Offenheit laut wird, Spiritualität nur als Protestbegriff gegen vermeintlich kirchliche Starrheit verwendet wird, dann ist das zu wenig.

VS: Was bedeutet Spiritualität in der Kirche?
MM: Der Begriff ist vom lateinischen ‚spiritualis‘ abgeleitet und bezeichnet den vom Geist Gottes erfüllten und geleiteten Menschen. Also den Heiligen Geist. Als Christenmenschen glauben wir im Anschluss an die biblische Pfingstgeschichte, dass er (oder sie oder dies) der Urheber, Erhalter und Erneuerer unseres Glaubens, der Gemeinde und der Kirche ist. Dazu gehört alles, was im Sinne Jesu in ihr geschehen kann und soll: Trost, Vergewisserung, Ermutigung, Vergebung, Versöhnung, Nächstenliebe, Heilung an Leib und Seele im weitesten Sinne.

VS: Und warum sucht man spirituelle Befriedigung dann außerhalb? – und nicht (mehr) in der Kirche?
MM: Das frage ich mich auch. Potenziell ist alles da. Deshalb glaube ich, dass die heutige Krise der Kirche keine Systemkrise, sondern eine Resonanzkrise ist: Da liegt ein Schatz, aber immer weniger Menschen wissen davon. Da liegt ein Geschenk, aber keiner will es haben. Gott in der Liebesfalle.

VS: Was heißt das für die Zukunft der Kirchengemeinde hier bei uns in Rahlstedt?
MM: Nun bin ich erst seit einem Jahr hier und lerne noch. Mein bisheriger Eindruck ist, dass hier die Kirche noch ‚im Dorf‘ steht. Für viele ist sie ein Stück ‚Heimat‘, ein wichtiger Ort der Begegnung mit Menschen, die das Leben lieben, Freude und Leid miteinander teilen und das Gespräch über Gott und die Welt suchen. ‚Kirche in der Nähe bei den Menschen‘, also ihre diakonische Ausrichtung, ist eine gute Basis für ihre Zukunft. Und wenn wir aus der Kirchengeschichte lernen wollen, so gibt es immer wieder Zeiten, in denen die Wurzeln dafür in der Mystik gefunden werden. Man legt wieder Wert auf die Innerlichkeit des Glaubens, die persönliche Gottesbeziehung. Und das ist etwas sehr Kostbares und Verletzliches. Da lässt man sich nicht von allgemeingültigen Glaubensaussagen vereinnahmen und mit kirchlichen Üblichkeiten abspeisen. Da möchte man mit dem eigenen Glauben ernstgenommen werden.

VS: Und ist man dann ‚fromm‘ oder ‚spirituell‘?
MM: Beides!

VS: Danke, Pastor Marks, für das Gespräch.
MM: Immer gern.


Ausgabe 4/2020

Wie können wir dieses Jahr trotz Corona Weihnachten feiern?

MM:      Diese Frage beschäftigt die Gemüter seit August. Viele denken dabei an die überfüllten Kirchen am Heiligabend. Aber auch an die vertrauten Abläufe zuhause. Weihnachten – das Fest der Familie. Wie gestalten wir das in diesem Jahr unter Corona-Bedingungen? Die einzigen, die damit kein Problem haben, sind die Schokoladen-Weihnachtsmänner in den Supermarktregalen. Sie stehen dort wie alle Jahre, seit August, sogar ohne Mund-Nasenschutz.

VS:         Ich versuche mir gerade vorzustellen: Die Kinder mit ihren Familien kommen zu Besuch; zur Begrüßung möchte man sich umarmen; ist das erlaubt? Im Ofen brutzelt die Weihnachtsgans; das gemeinsame Festtags-Essen an einem Tisch; ist das zu verantworten? Man möchte sich gegenseitig die Geschenke überreichen; „Fröhliche Weihnachten“ auf Abstand – eine komische Stimmung.

MM:      Weihnachten – das Fest der Gefühle. In der Tat gehört eine bestimmte Stimmung dazu, innerlich wie äußerlich. Deshalb ist die Adventszeit vielen so wichtig. Plätzchenbacken, gebastelte Sterne ans Fenster hängen, Kerzen, Lichterketten, Krippenfiguren, der Glühwein am Weihnachtsmarkt usw. – das alles soll die Stimmung bringen, die wir uns wünschen.

VS:         Und macht Corona uns nun einen Strich durch die Rechnung?

MM:      Es wurde ja in anderen Zusammenhängen schon öfter betont, dass die Corona-Krise auch eine Chance bedeuten kann. Mir fällt die Geschichte vom „Weihnachten der Tiere“ ein. Kennen Sie die? Die Tiere diskutierten einmal über Weihnachten. Sie stritten, was wohl die Hauptsache an Weihnachten sei. „Na klar, Gänsebraten“, sagte der Fuchs, „was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten!“ „Schnee“, sagte der Eisbär, „viel Schnee!“ Und er schwärmte verzückt: „Weiße Weihnachten feiern!“

Das Reh sagte: „Ich brauche aber einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern.“ „Aber nicht so viele Kerzen“, heulte die Eule, „schön schummrig und gemütlich muss es sein. Stimmung ist die Hauptsache!“ „Aber mein neues Kleid muss man sehen“, sagte der Pfau. „Wenn ich kein neues Kleid kriege, ist für mich kein Weihnachten.“ „Und Schmuck“, krächzte die Elster, „jede Weihnachten kriege ich was: einen Ring, ein Armband, eine Brosche oder eine Kette, das ist für mich das Allerschönste.“

„Na, aber bitte den Stollen nicht vergessen“, brummte der Bär, „das ist doch die Hauptsache. Wenn es den nicht gibt und all die süßen Sachen, verzichte ich lieber auf Weihnachten.“ „Mach’s wie ich“, sagte der Dachs, „pennen, pennen, das ist das Wahre an Weihnachten, mal richtig ausschlafen!“ „Und saufen“, ergänzte der Ochse, „mal richtig einen saufen und dann pennen“. Dann aber schrie er: „Aua“, denn der Esel hatte ihm einen gewaltigen Tritt versetzt: „Du Ochse, denkst du denn nicht an das Kind?“ Da senkte der Ochse beschämt den Kopf und sagte: „Das Kind, ja das Kind, das Kind ist die Hauptsache.“ „Übrigens“, fragte der Esel: „Wissen das auch die Menschen?“

VS:         Ha, eine lustige Geschichte, die aber auch nachdenklich macht: So viel Gedöns, das sich im Laufe der Zeit um Weihnachten herum angesammelt hat. Und Corona nun als Chance, dass all das Überflüssige von uns abfällt und der Blick fürs Wesentliche frei wird?

MM:      Ja und Nein. Man kann sich natürlich fragen, was Schnee mit dem Christuskind zu tun hat. Aber vieles von dem, was uns in weihnachtliche Stimmung bringen soll, ist nicht unbedingt überflüssiges Gedöns. Früher mussten wir uns das in der Kirche öfter so anhören. Da meinten die Pastoren, sie müssten dem ‚uneigentlichen‘ Weihnachtsfest das ‚eigentliche‘ entgegensetzen. Heute wissen wir, dass beides zusammengehört. Weihnachten ist im Laufe der letzten 200 Jahre zu einem Fest der bürgerlichen Moderne geworden. Und wir als Pastoren sind gefordert, das scheinbar un-religiöse Gedöns auf seinen tieferen Sinngehalt hin zu entziffern. Oft entdeckt man erst bei genauerem Hinsehen, was das mit der biblischen Weihnachtsbotschaft zu tun hat.

VS:         Zum Beispiel die Geschenke? Weil Weihnachten ja mit einem großen Geschenk zu tun hat?

MM:      Genau! Oder auch die vielen Kerzen und Lichter. Einerseits zeigen sie, wie hungrig wir Menschen nach Licht sind, gerade in dieser dunklen Jahreszeit, auch im übertragenen Sinne: nach Trost, Anerkennung, Liebe, Versöhnung, Frieden … –  Und zugleich verweisen sie im christlichen Sinne auf „das“ Licht aller Lichter: das Geschenk der göttlichen Liebe, das wir ‚alle Jahre wieder‘ empfangen, über das wir uns freuen und für das wir Danke sagen.

VS:         Deshalb auch die vielen Lichter am Weihnachtsbaum?

MM:      Ja. Als Kinder waren wir es gewohnt, ihn staunend von unten nach oben zu betrachten. Aber anders herum leuchtet der Sinn uns heute ein: Gottes Liebe in dieser Welt beginnt ganz klein (die eine Kerze auf der Spitze, ein Symbol für das Christuskind in der Krippe von Bethlehem). Aber von dort breitet es sich aus. Von oben nach unten immer mehr. Eine ganze Kaskade von Licht. Gottes Liebe vom Himmel, die sich dadurch verwirklicht, dass wir Menschen sie auf Erden einander weitergeben.

VS:         Interessant! Das habe ich noch nie so gesehen. Leuchtet aber ein. Ich habe mal gehört, auch der Stollen soll etwas damit zu tun haben: der Puderzucker als Symbol für die Windeln.

MM:      Da liegt der Bär also gar nicht so falsch. Und wenn die Elster bei Weihnachten zuerst an Schmuck und der Pfau an ein neues Kleid denkt, ist das auch nicht so abwegig: Gott kommt als ein Kind zur Welt, zerbrechlich wie ein kostbares Schmuckstück. Und wer in die Krippe hineingeschaut hat, wird durch den Blick dieses Kindes verwandelt. „Zieht den neuen Menschen an“, sagt der Apostel Paulus, der diese Verwandlung so versteht: wir werden mit der Liebe, die Gott uns schenkt, überkleidet. Sie bestimmt nun unsere Gestalt – also unser Denken, Fühlen und Handeln. Was den alten Menschen ausgemacht hat, alles, was wir vertan oder versäumt, angerichtet oder erlitten haben, zählt nicht mehr.

VS:         „Welt ging verloren, Christ ist geboren“. So heißt es ja auch in dem Weihnachtshit „O du fröhliche“. Es war mir schon immer ein Rätsel: Ein schwaches Kind entmachtet die stärksten Bösewichte; das Kleine wird groß, das Große klein.

MM:      Nun ja, wir sprechen hier von einem besonderen Kind, einzigartig in der ganzen Menschheitsgeschichte. Da haben die Tiere aus der Geschichte schon recht: das ist „die Hauptsache von Weihnachten“. Aber auch nur, wenn wir das „wissen“ und etwas damit anzufangen wissen. Was der Esel zum Schluss sagt, ist also überhaupt keine Eselei, sondern sogar der springende Punkt. Ein mittelalterlicher Dichter, der unter dem Pseudonym „Angelus Silesius“ bekannt ist, sagte es so: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

VS:         Aber sind wir denn nicht alle besondere Menschen, einzigartig in der ganzen Menschheitsgeschichte? Es gibt zwar Ähnlichkeiten, aber niemand ist genau wie ich. Mein Fingerabdruck ist der Beweis.

MM:      Ein Segen, wenn ein Mensch das so von sich sagen kann und das Glück darüber empfindet. Nur geht uns Menschen diese Gewissheit – Gott sei´s geklagt – so oft und immer wieder verloren, wenn unsere guten Lebenserfahrungen durch schlimme und böse in Frage gestellt werden und wir die Brüche und Widersprüche in unserer eigenen Person, in unserem zwischenmenschlichen Zusammenleben und in der kleinen und großen Politik in dieser Welt erfahren und erleiden. Dann brauchen wir gute Worte, die uns heben können und deshalb tief gehen müssen. Tiefer als unsere Zweifel, weiter als unsere Sichtweisen, tragfähiger als unsere selbstgemachten Bewältigungsstrategien, mächtiger als unsere Ohnmacht. Dann wird so ein Wort, das Paul Gerhardt in einem seiner schönsten Weihnachtslieder dichtet, auf einmal zu einem Stück Brot: „Gottes Kind / das verbind´t / sich mit unserm Blute“ (Ev. Gesangbuch, Nr. 36).

VS:         In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein fröhliches Weihnachtsfest. Dürfen wir denn damit rechnen, dass wir in Rahlstedt Heiligabend und Weihnachten trotz Corona Gottesdienst feiern können?

MM:      Selbstverständlich – so Gott will und wir leben! Herzliche Einladung an alle!


Ausgabe 3/2020

Ist Corona eine Strafe Gottes?

(MM) Corona hat ja viele existenzielle Fragen aufgeworfen. Interessant finde ich, dass dazu auch diese Frage gehört, und zwar nicht nur in frommen Kreisen. Auch Menschen, die von sich selber sagen, dass sie mit Kirche und Religion nicht viel am Hut haben, machen sich Gedanken darüber. Das zeigt: Religion – oder wie auch immer wir den Bezug zum Göttlichen nennen wollen – ist keine Sonderwelt, die man hat oder nicht hat.

Wenn es im Leben um die Wurst geht, kommen unsere elementarsten Anliegen zum Vorschein und wir fragen nach einer höheren Macht: „Ist da jemand, der es gut mit mir meint? Der uns in dieser Krise beschützt? Der Corona die Stirn bieten kann?“ Aber dieses Ausgreifen über uns selbst hinaus kann auch noch andere Gründe haben. Wir Menschen tun uns leichter, mit einer solchen Krise klarzukommen, wenn es einen Schuldigen gibt, der dafür bestraft werden kann. Corona ist unsichtbar. Wem soll die Strafe gelten? Und dann kommen archaische Bewältigungsmuster ins Spiel: Gott als Richter schickt Corona, um die Bosheit der Menschen abzustrafen. Eine gereifte Religiosität sieht anders aus.

(VS) Naturereignisse als Strafe Gottes zu verstehen – dafür liefert die Bibel ja schon krasse Beispiele.

(MM) Vielleicht denken Sie an die Sintflutgeschichte (1. Mose 7). Sie wird so erzählt, dass Gott die Bosheiten, die die Menschen auf der Erde anrichten, nicht länger ertragen will. Er bereut sogar, dass er die Menschen überhaupt geschaffen hat. Und weil er keine Chance sieht, dass sie sich bessern, macht er Tabula Rasa. Nur Noah mit seiner Familie bleibt bewahrt und mit ihm auf seiner Arche jeweils ein Paar von allen Tieren. So ist wenigstens die Möglichkeit gegeben, dass das Leben neu weitergehen kann.

(VS) Aus dem Konfirmandenunterricht weiß ich noch, dass in der Bibel von Plagen die Rede ist.

(MM) Wow, gut aufgepasst! Ja, diese Geschichte (2. Mose 7-11) ist ein Beispiel dafür, wie lebensbedrohliche Naturereignisse als Gottes Machtwerkzeuge verstanden werden. Gott hatte Mose berufen, das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit zu führen. Der Pharao weigerte sich, Gottes Plan zu unterstützen. Dann kam die erste Plage: alle Gewässer wurden zu Blut, die Trinkwasserversorgung brach zusammen. Aber der Pharao „nahm´s nicht zu Herzen“. Auch nicht, als die Daumenschraube mit weiteren Plagen immer weiter angezogen wurde: Frösche, Stechmücken, Stechfliegen, Viehpest, Blattern, Hagel, Heuschrecken, Finsternis. Erst zum Schluss, als es dem Pharao persönlich ans Leder ging und sein Sohn, der Thronnachfolger, starb, knickte er ein. Die 10 Plagen werden also nicht im Sinne einer Strafe, sondern eher als Druckmittel von oben verstanden.

(VS) Wenn heute Menschen fragen, ob Corona eine Strafe Gottes ist, dann meinen sie das vielleicht auch so: ob Gott uns etwas damit sagen will; ob er uns damit ein Zeichen geben will, dass in der Welt etwas schief läuft; ob Corona uns wachrütteln soll, damit wir einsehen, was nicht stimmt?

(MM) Dann wäre Corona aber kein Justizakt eines strafenden Gottes, sondern der Rettungsversuch eines liebenden Gottes. So gesehen macht es Sinn zu schauen, was Corona auch an Gutem gebracht hat. „Entschleunigung“ ist so ein Stichwort. Wenn man bedenkt, wie rasant und hektisch das normale Leben für viele geworden war, wirkt Corona vielleicht heilsam. Kennen Sie die Geschichte: Eine Reisegruppe will den Dschungel erkunden. Ihr Gepäck wird von Ureinwohnern getragen. Am ersten Tag geht es zügig voran. Aber schon am zweiten Tag bleiben die Ureinwohner immer weiter hinter der Gruppe zurück. Schließlich bleiben sie sitzen. Auf die Frage, ob das ein Streik sei, ob sie vielleicht mehr Geld wollen, lautet die Antwort: Uns ist die Seele abhandengekommen und nun müssen wir warten, bis sie uns wieder eingeholt hat.

(VS) Corona – die nötige Handbremse, damit wir Menschen mal wieder mehr zu uns selbst kommen?

(MM) „Die Entdeckung der Langsamkeit“ heißt ein Roman von Sten Nadolny aus den 80ern. Den könnte man mal wieder lesen. Natürlich ist eine selbst gewählte Entschleunigung, wie z.B. Urlaub, etwas anderes als eine erzwungene. Viele sind durch Corona in ein Loch gefallen, wissen mit der vielen freien Zeit nichts anzufangen, leiden unter Beziehungskonflikten oder Einsamkeit. Aber das zeigt eigentlich, dass da im Grunde etwas nicht stimmt, was durch Corona auf den Tisch gekommen ist. Das ungeheure Tempo kann das Leben im Großen und im Kleinen aus dem Gleichgewicht bringen, wir verlieren die Aufmerksamkeit für uns selbst und füreinander und das muss irgendwann zum Kollaps führen (vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung, 2013). Insofern kann man nur hoffen, dass die Corona-Handbremse heilsam wirkt. Und wer das dann mit Gott in Verbindung bringen möchte, in dem Sinne, dass die abhandengekommene Seele die Chance bekommt, uns wieder einzuholen – warum nicht?

(VS) Aus verschiedenen Ecken hört man ja die Worte, dass die Zeit nach Corona eine andere sein wird als vor Corona.

(MM) Corona ist ein Einschnitt. Die ganze Welt ist betroffen und dank der Medien weiß auch die ganze Welt, dass wir damit alle in einem Boot sitzen. Aber das heißt nicht, dass darauf nur Gleichgesinnte versammelt sind. Was löst Corona in uns aus? Einerseits hat die Krise zu mehr Solidarität geführt. Es ist doch genial, wie Wissenschaftler weltweit zusammenarbeiten, um einen Impfstoff zu entwickeln, wie viel Hilfsbereitschaft überall sichtbar wird, auch in unserer Gemeinde, wie viel Gutes in dieser Zeit überall entstanden ist. Großartig! Aber es gibt leider auch andere Beispiele, die zeigen, dass Corona zu mehr Egoismus und Abschottung führt. Die Krise bringt ans Licht, was für Menschen wir sind: ob unterm Strich in unserem Leben die Liebe oder die Angst das Sagen hat. Ich bin sehr gewiss, dass Gott mit uns das erste will.

(VS) Wie haben Sie die Corona-Krise bisher erlebt – persönlich und als Pastor in der Gemeinde?

(MM) Im persönlichen Leben hat sich dadurch nicht viel verändert. Wir – meine Frau und ich – haben uns an die Hygiene-Regeln gehalten. Corona hat, Gott sei´s gedankt – einen Bogen um uns, unsere Familien und Freunde herum gemacht. Umso mehr waren wir in unseren Gedanken und Gebeten bei den Betroffenen. Die Freiräume im beruflichen Bereich konnten wir sinnvoll nutzen. In der Kirchengemeinde mussten wir natürlich vieles bedenken und den Corona-Bedingungen anpassen. Wie überall, durften die Gruppen und Kreise sich nicht treffen. Aber dass wir Pastor/innen deshalb nichts zu tun gehabt hätten, kann man nicht gerade sagen. Wir haben uns erfinderisch gezeigt, haben auf andere Weise Kontakt zu den Menschen gehalten und dabei viele kreative Dinge und neue Ideen verwirklicht.

Ganz wichtig war uns, weiter regelmäßig Gottesdienste zu feiern. Weil das gemeinsam in der Kirche nicht möglich war, haben wir für jeden Sonntag und alle Festtage in der Passions- und Osterzeit Gottesdienste aufgezeichnet und über youtube gesendet. Dieses Angebot wurde von sehr vielen Menschen, auch von denen, die sonst kaum in der Kirche sind, dankbar angenommen, sogar auf Mallorca wurden unsere Gottesdienste regelmäßig angeschaut. Corona hat frischen Wind in die Gemeinde gebracht. Und das kann nun wirklich keine Strafe sein, sondern vielleicht sogar der Pfingstgeist.

Infobox
Seit Pfingsten feiern wir an jedem Sonn- und Feiertag wieder Präsenzgottesdienste. Damit möglichst viele Menschen daran teilnehmen können, finden bis auf weiteres alle Gottesdienste in unserer größten Kirche, der Martinskirche statt. Herzliche Einladung!

Besonders laden wir zum Open-Air-Gottesdienst am Erntedankfest ein. Am 27. September um 11.00 Uhr auf einem Bauernhof. Ein festlicher Gottesdienst unter Mitwirkung vieler Ehrenamtlicher, Landwirte aus der Gemeinde, musikalischen Akteuren und Ihrer Pastorinnen und Pastoren. „Kommet zuhauf …!“

Thema der Kolumne mit Pastor Marks in der nächsten Ausgabe: Spiritualität, Mystik und die Zukunft der Kirchengemeinde.


Ausgabe 1/2020


Aktuelles aus der Kirchengemeinde Altrahlstedt gibt es auf https://www.kirche-alt-rahlstedt.de/

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